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Kultur

Joachim Kühn: "Dokus gelten nicht mehr als Kassengift "

In den letzten Jahren sind Dokumentarfilme immer wieder sehr erfolgreich an den Kinokassen. Das war nicht immer so. Joachim Kühn ist ein Kenner der deutschen Dokuszene und erzählt im Interview, was sich verändert hat.

Joachim Kühn vom Kölner Filmverleih Real Fiction. Copyright: Real Fiction Filmverleih

Filmverleih Real Fiction - Joachim Kühn

Joachim Kühn kennt beide Seiten des Dokumentarfilmgeschäfts: Mit seiner Firma Real Fiction vertreibt er Dokumentarfilme, gleichzeitig ist er Betreiber des Kölner Programmkinos "Filmpalette". Gemeinsam mit seinem Kollegen Dirk Steinkühler leitet er zudem das "Stranger Than Fiction"-Dokumentarfilmfestival. 

DW: "Stranger Than Fiction" gibt es schon seit 15 Jahren, das Programm wurde anlässlich des Jubiläums erweitert. Haben Sie spürbar mehr Zulauf als früher?

Joachim Kühn: Die Veranstaltungen beim Festival sind gut besucht, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es mehr Zulauf gibt als sonst. Wie auch im normalen Kinoprogramm gibt es bei den Dokumentarfilmen extrem große Unterschiede in den Besucherzahlen. Nur zwischen fünf und zehn Prozent der vielen Dokus, die es ins Kino schaffen, fahren nennenswerte Ergebnisse ein. Das hängt ganz klar von den Themen der Filme ab.

Welche Themen sind die erfolgreichen?

Die Tendenz geht dahin, dass sich eine ganz bestimmte Art von Dokumentarfilmen durchsetzt: Sie beschäftigen sich mit Kultur und Kunst, so wie "Gerhard Richter Painting" oder "Pina". Beide würde man nicht als klassische Dokumentarfilme bezeichnen. Solche Filme docken thematisch eher an ihre eigene Herkunft an, die Kunst- und Kulturszene. Der klassische, politisch engagierte Dokumentarfilm hat es nach wie vor sehr schwer im Kino. Vielleicht sogar schwerer, als noch vor fünf bis sieben Jahren, als Michael Moore seine Erfolge feierte. Den aktuellen Kassenschlager "More Than Honey" kann man zwar auch als politisch oder zumindest ökologisch motiviert verstehen, aber von der Ästhetik her ist er mit seinen grandiosen Tieraufnahmen wohl eher im Bereich Familienunterhaltung anzusiedeln.

Szene aus dem Film Pina von Wim Wenders. Copyright: Donata Wenders

Szene aus dem Film "Pina" von Wim Wenders

Das heißt, Dokumentarfilme haben sich inhaltlich verändert und erreichen deshalb ein anderes Publikum als früher?

Der Wahnsinnserfolg von "Rhythm Is It" wäre ohne Simon Rattle und die Philharmoniker, die ja schon zum Kulturkanon gehören, nie so ein Erfolg geworden. Solche Kulturdokus sprechen Zielgruppen an, für die so etwas wie Untertitel keine Hürde darstellen. Dokumentarfilme aus anderen Bereichen wie Sport haben es viel schwerer, weil sie sich an Zielgruppen wenden, die wahrscheinlich seltener in Programmkinos gehen. Oder sie hängen sich so sehr an ihre Protagonisten dran, dass die Leute sich fragen, wozu sie ins Kino gehen sollten, wenn sie das auch auf RTL (privater deutscher Fernsehsender, Anmerkung d. Red.) sehen könnten.

Sind Dokumentarfilme heute künstlerischer und emotionaler?

Szene aus dem Dokumentarfilm More Than Honey von Markus Imhoof. Copyright: Senator Film

Szene aus "More Than Honey" von Markus Imhoof

Dokumentarfilme arbeiten heute mit sämtlichen modernen Mitteln des Films, auch denen des Spielfilms. In Dokus kommen heutzutage Animationen vor, außergewöhnlich gutes Sounddesign oder ansprechende Filmmusik und sie sind auch oft filmisch anspruchsvoll, wie "Pina" in 3D. Alle ästhetischen Mittel werden genutzt. Andererseits gibt es aber auch Fälle wie den US-amerikanischen Filmemacher Frederick Wiseman, dessen erfolgreichster Film "La Danse" von der Pariser Oper handelt. Dabei ist er kein bisschen anders gemacht als seine anderen Filme. Sehr altmodisch und im Stil des "direct cinema", aber diesmal geht es eben um die Pariser Oper und nicht wie früher um einen Jugendknast in den USA. Sein Film passte inhaltlich wohl in das Schema, das aktuell gefragt ist.

Also standen Dokus früher für gesellschaftspolitische Härte, heute sind sie Wohlfühlkino für das Bildungsbürgertum?

Die erfolgreichen Filme, ja. Filme über die Drogenszene am Bahnhof Zoo schaut man sich dann eher mal im Fernsehen an. Die sind ja auch meist in einem anderen Format, wesentlich kürzer. Solche Dokumentationen haben im Fernsehen ihre Heimat gefunden.

Was ist mit aufrüttelnden Filmen wie "We Feed The World" oder "Taste The Waste"? Die waren doch auch erfolgreich im Kino.

Die würde ich als Kampagnenfilme bezeichnen. Das funktioniert auch sehr gut. Je engagierter die Kampagne seitens der Filmemacher geführt wird, umso besser kommen sie an.

Fazit: Der Dokumentarfilm erlebt kein Comeback, sondern eine Umwälzung?

Zumindest kein Comeback im Sinne eines großen Trends. Aber dadurch, dass es immer mal wieder Dokumentarfilme gibt, die sechsstellige Besucherzahlen haben, ist die Akzeptanz seitens der Kinos, Dokumentarfilme zu programmieren, in den letzten zehn bis 15 Jahren viel größer geworden. Die Gleichung "Doku gleich Kassengift" gibt es heute nicht mehr. Die Kinobetreiber wissen, dass es durchaus Dokumentarfilme gibt, die in ihren Besucherzahlen Spielfilmniveau erreichen. Die Ausreißer nach oben waren gute Türöffner, dadurch wird mehr investiert, die Produktionen sind aufwändiger, teilweise wird breit disponiert. „Pina“ war vor zwei Jahren das Paradebeispiel, jetzt ist es "More Than Honey" mit über 100.000 Besuchern. Dokus fristen kein Nischendasein mehr. Heute weiß man: Dokumentarfilme können durchaus das gleiche Potenzial wie Spielfilme haben.