1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

JFK: Das Ende eines Traums

"Es ist mehr die Aura als seine politische Leistung, die bleibt", schrieb kürzlich die New York Times. Vieles ist in den 1036 Tagen der Präsidentschaft John F. Kennedys unerledigt geblieben. Der Mythos aber überlebt.

Viele politische Beobachter blicken mit Ernüchterung auf Kennedys Amtszeit: Er hatte sich innen-und außenpolitisch viel vorgenommen - und wenig erreicht. So etwa die Bürgerrechtsgesetzgebung, die erst sein Nachfolger Lyndon B. Johnson im Kongress durchsetzte. Oder der fatale Krieg in Vietnam, den Kennedy zunächst dramatisch ausweitete, bevor er kurz vor seinem Tod den Rückzug ins Gespräch brachte. Aber war er deswegen ein mittelmäßiger, gar ein schlechter Präsident, wie es einige Kommentatoren in Washington heute sagen?

"Kennedy gab ganz Amerika große Hoffnung. Dieser Optimismus, diese Fähigkeit, Amerika für neue Abenteuer zu öffnen, das ist sein Erbe", formuliert es Marvin Kalb von der Brookings Institution etwas freundlicher. Und der politische Stratege aus dem Think Tank in Washington fügt hinzu: "Ich würde mir wünschen, wir würden davon heute mehr sehen."

"Für einen kurzen Moment war da Camelot"

Selbst der größte Skeptiker kann sich kaum dem Zauber des 'was wäre wenn' entziehen, der sich noch immer mit John F. Kennedy verbindet, der ihn so attraktiv macht für Generationen von Bewunderern. Auch Kristin Donowan, eine ältere Dame, die an einem Gedenkkonzert in der Washingtoner St. Matthäus Kathedrale teilnimmt, dort, wo vor 50 Jahren die Totenmesse für Kennedy gelesen wurde, ist diesem Zauber erlegen. Sie erinnert sich an eine helle, inspirierende Zeit des Aufbruchs mit einem jungen Präsidenten und einer Familie wie aus dem Bilderbuch. "Für einen kurzen Moment war da Camelot (Die Sage um König Artur und seinen Hof war Kennedys Lieblingsgeschichte. Und seine Frau Jackie wollte diesen Mythos auf die Präsidentschaft übertragen - Anm. d. Red.). Es war eine wunderbare Zeit in unserer Geschichte. Sein Tod traumatisierte die gesamte Nation. Die Leute saßen stundenlang vor dem Fernseher. Die Kirchen waren überfüllt."

Bilder eines Plakates zum Gedächtniskonzert für JFK in der St. Matthäus-Kathedrale in Washington (Foto: DW/Gero Schließ)

Der Zauber, den Kennedy hinterließ, ist auch heute noch spürbar

Andrew Craft, der mit seinen Freunden zum Gedenkkonzert gekommen ist, hat Kennedy nicht mehr erlebt. Dennoch kommt der junge Mann ins Schwärmen: "Für mich ist er eine Ikone. Er ist ein Vorbild, zu dem man aufsehen kann." Ein älterer Herr versucht, seine Begeisterung für Kennedy rational herzuleiten. "Es ist mehr ein Image, als das was er wirklich gemacht hat. Das Image war phantastisch für mich als jungen Mann, der gerade vom College kam. Er war eine Inspiration für uns, die wir gerade die konservative Zeit der 50er Jahre hinter uns ließen. Die Zeiten änderten sich und er repräsentierte das."

Dallas, 22. November 1963

In Dallas lebt der Arzt Ronald Jones, einer der ersten Mediziner, der Kennedy nach dem Attentat im Operationssaal erste Hilfe leistete. Im Gespräch mit der DW hebt er an wie zu einer biblischen Erzählung: "Ich saß in der Cafeteria nach einer medizinischen Behandlung. Es war am 22. November 1963, fünf Jahre nach meiner Ausbildung. Da erhielt ich das Signal, sofort die Zentrale anzurufen. Und ich ging zum Telefon an der Wand der Cafeteria und rief an: 'Dr. Jones, auf den Präsidenten wurde geschossen. Sie bringen ihn zur Notaufnahme und bereiten alles vor'", hörte er am anderen Ende der Leitung.

Jones hat diese Geschichte schon oft erzählt. Doch als er an die Stelle kommt, an der er und seine Kollegen nach mehr als acht Minuten unzähliger Wiederbelebungsversuche den Tod von Präsident Kennedy feststellen müssen, bebt seine Stimme auch 50 Jahre danach. Es war nicht nur für ihn und die Ärzte des Parkland Krankenhauses in Dallas ein einschneidendes Erlebnis, sondern für viele Menschen in den USA und der ganzen Welt.

Dr. Ronald Jones, der JFK im Parkland Hospital nach dem Attentat behandelte (Foto: DW/Gero Schließ)

Dr. Ronald Jones, der JFK nach dem Attentat behandelte

"Wir erkannten, dass er tot war", erzählt Jones weiter. "Und ich denke, Mrs. Kennedy tat das auch. Sie wusste wohl schon, dass er im Sterben lag, als sie am Parkland Krankenhaus eintraf, denn sie hatte ihn die ganze Zeit in der Limousine festgehalten."

Das politische Erbe

Was bleibt von der kurzen Amtszeit des jüngsten Präsidenten in der Geschichte Amerikas? Immerhin: Er setzte sich in der Kuba-Krise gegenüber der Sowjetunion durch, bewies Führungskraft und besonnene Härte. Doch Kennedy selber sah als einen weit größeren Erfolg den Vertrag mit der Sowjetunion über die Nukleartests an. In seinem Umgang mit der Kubakrise und dem nachfolgenden Nuklearvertrag erkennt Marvin Kalb eine neue politische Haltung, die bis heute die außenpolitische Kultur der USA präge: "Sein Erbe ist: Selbst wenn beide Seiten enorme Differenzen haben, gibt es einen Weg, die Differenzen zu überwinden und das war ohne Beispiel zwischen den beiden Supermächten." Präsident Barack Obama habe, wenn man so will, in seiner Berliner Rede im Sommer zur nuklearen Abrüstung an Kennedys Linie angeknüpft.

Was bis heute fortwirkt, sind weniger die von Kennedy forcierten Weltraum-Expeditionen. Prägender ist die vom Präsidenten ermutigte "Bürgerbeteiligung, das soziale Engagement. Das ist ein Bezugspunkt für viele aktive Menschen bis heute", so Stephen Fagin, Kurator des Sixth Floor Museum in Dallas, im Gespräch mit der DW. Er spannt einen Bogen von den Demonstrationen für Bürgerrechte über die Anti-Vietnam-Proteste bis hin zur Occupy-Wallstreet Bewegung. "Es gab junge Demonstranten, die keine Erinnerung an 1963 haben, die Transparente mit Kennedy-Zitaten hochhielten."

Das John F. Kennedy Memorial in Dallas (Foto: DW/Gero Schließ)

Am Kennedy Memorial in Dallas sinnieren Menschen über den Mythos und das politische Erbe, das er hinterlassen hat

Attraktion für Touristen und Schulklassen

Mehr als 340.000 Menschen besuchen jedes Jahr die ständige Ausstellung des Sixth Floor Museum. Von hier, aus dem Fenster des sechsten Stocks, hatte der mutmaßliche Täter Lee Harvey Oswald seine tödlichen Schüsse abgefeuert. Die unzähligen Fotos erzählen minutiös den Hergang des Attentats nach: Von der Ankunft des Präsidenten in Dallas bis hin zur Fahrt der Kolonne ins Parkland Hospital.

Steven Davis und Bill Minutaglio legen in ihrem pünktlich zum 50. Jahrestag veröffentlichten Buch "Dallas 1963" die Finger in die Wunde einer radikalisierten Stadt und eines zerrissenen Landes. "Dallas war in den Vereinigten Staaten bekannt als der feindlichste, extremste Anti-Kennedy Ort im ganzen Land", sagt Davis der Deutschen Welle. "Es gab viel Gewalt. Am Tag als Kennedy nach Dallas kam, wurden tausende Flugblätter in der Stadt verteilt mit Kennedys Gesicht und der Aufschrift: 'Gesucht wegen Verrats'."

Ein zerrissenes Land - damals und heute

Dallas und Texas waren - und sind - alles andere als Kernregionen von Kennedys Demokratischer Partei. Der Verleger der größten Zeitung der Stadt ließ den Präsidenten vor seiner Ankunft als Kommunisten verunglimpfen und ein Kongressabgeordneter aus der Stadt nannte ihn einen Verräter. Die Auseinandersetzung um den von Kennedy durchgesetzten Vertrag mit der Sowjetunion zur Kontrolle der nuklearen Rüstung hinterließ Spuren. Der Dissens reichte tief, bis in die Armee hinein - viele seiner Generäle stemmten sich gegen eine Annäherung an die Sowjets.

Ebenso unversöhnlich blickte das politische Establishment auf Martin Luther Kings Bürgerrechtsbewegung, die Kennedy forderte und förderte. Viele im Süden wandten sich strikt gegen die Aufhebung der Rassentrennung, während im Norden die überwiegende Mehrheit mit Kings Kampf um Rechts- und Chancengleichheit sympathisierte.

Diese geographische Nord-Süd Trennung gibt es heutzutage nicht mehr in den USA. Die Spaltung macht sich eher in arm und reich bemerkbar - wie die Occupy-Bewegung gegen das eine superreiche Prozent des Landes zeigt.

Mit seiner Begabung, Menschen von einer Sache zu überzeugen, sie zu bewegen und zu begeistern, hätte Kennedy diese soziale Schere vielleicht schließen können. Seinen Stempel hat er den USA auch so aufgedrückt.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema