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Amerika

Jetzt kommen die Spiele

Nach der Weltmeisterschaft stehen 2016 die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro an. Schon jetzt kommt ähnliche Kritik auf wie vor der WM: Bauarbeiten sind im Verzug und Menschen werden aus ihren Häusern vertrieben.

WM-Austragungsrechte gegen Olympiafahne: Das war der Tausch, den Russlands Präsident Wladimir Putin und Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff am Tag des WM-Finales in Rio de Janeiro machten. Die nächste Fußballweltmeisterschaft wird in Russland stattfinden. Und nach den Winterspielen im russischen Sotchi kommen die Olympischen Sommerspiele 2016 in Brasiliens Küstenmetropole Rio de Janeiro. Es wird das erste Mal in der Geschichte sein, dass Olympia in einem südamerikanischen Land ausgetragen wird.

Schon am Tag des WM-Finales war klar: Auch das nächste Mega-Event wird die Brasilianer in Atem halten. "Nur noch 754 Tage bis zu den Olympischen Spielen", titelte die Tageszeitung "O Globo" und listete direkt all die Bauvorhaben auf, die zu diesem Zeitpunkt im Verzug waren: 28 von 58 Projekten.

Bereits Anfang des Jahres hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) den geschäftsführenden Direktor für die Spiele Gilbert Felli zum Spezialbeauftragten für Rio 2016 ernannt. Dieser sollte den Druck erhöhen, die Medien bezeichneten ihn als "Krisenmanager". Bis zu zwei Jahre seien die Bauarbeiten in Verzögerung, so hieß es damals.

Bach: "Eine gute Botschaft für die Spiele."

Jetzt, nach der WM, scheinen die Organisatoren ein bisschen entspannter zu sein. Denn auch vor der WM hatten FIFA-Chef Sepp Blatter und Generalsekretär Jérôme Valcke die brasilianische Regierung abgemahnt. Letztendlich hat dann aber doch alles relativ gut geklappt. Zwar standen beim Eröffnungsspiel weniger Plätze im Stadion zur Verfügung, weil es noch nicht ganz fertig war, und andere Bauprojekte waren ebenfalls noch nicht komplett abgeschlossen. Aber die Infrastruktur rund um die Spiele funktionierte gut.

Direktor IOC Gilbert Felli (Foto: AFP/Getty Images)

Gilbert Felli soll sich um einen reibungslosen Ablauf der Olympiaorganisation kümmern

Deswegen bezeichnete Präsidentin Dilma Rousseff all diejenigen, die vor der WM noch Chaos-Szenarien heraufbeschworen hatten, als notorische Schwarzmaler und verkündete, diese Weltmeisterschaft sei die "WM der WMs" gewesen. Dass bei dem riesigen Fußballturnier das meiste reibungslos funktionierte, lässt jetzt auch IOC-Chef Bach aufatmen: "Die WM ermutigt uns. Viele der Probleme, die wir vorausgesehen hatten, sind nicht eingetreten", sagte er. "Die Welt hat überrascht gesehen, dass die Fußball-WM in Brasilien gut organisiert wurde und es eine sportliebende Nation ist. Das sind gute Botschaften für die Spiele." Der Bürgermeister von Rio de Janeiro Eduardo Paes sprang direkt mit auf den Zug der Begeisterung auf und rief bereits die "Olympiade der Olympiaden" aus.

Müll in stinkender Bucht

Trotz aller Freude - die Probleme in Rio de Janeiro bestehen weiter. Eines der größten ist die Bucht von Guanabara, die sich malerisch in Rios Stadtbild fügt. Von Weitem ein paradiesisches Panorama, von Nahem sieht man den Müll, der durch das stinkende Wasser schwimmt. Hier sollen Mitte 2016 die olympischen Segler und Surfer ihre Wettkämpfe austragen. Zahlreiche Sportler, die die Bucht bereits gesehen und erlebt haben, sind entsetzt. Sie sei eine Müllhalde, es stinke und man solle sich davor hüten, ins Wasser zu fallen, werden sie zitiert.

Brasilien Rio de Janeiro Blick über die Bucht bei Botafogo (Foto: picture-alliance / dpa)

Hier sollen olympische Segler und Surfer gegeneinander antreten. Doch noch schwimmt viel Müll in der Bucht

Die Stadt Rio de Janeiro kümmert sich um das Problem. Sogenannte "Ecoboats" durchqueren die Bucht Tag für Tag und sammeln den Müll ein. Da gleichzeitig jedoch weiter verschmutztes Wasser aus der Stadt in die Bucht gespült wird, gleicht das einer Sisyphusarbeit. Anfang Juni berichtete die BBC, dass der Bürgermeister von Rio de Janeiro zugab, die Bucht würde bis zu Beginn der Olympischen Spiele wohl nicht komplett gereinigt sein.

Bewohner werden vertrieben

Während sich Politiker, Sportler und das IOC um die Fertigstellung von Tennisplätzen, Schwimmbädern und anderen Großprojekten sorgen, müssen andere Bewohner Rio de Janeiros um ihre Häuser bangen. Zahlreiche Armenviertel, die auf Gebieten stehen, wo olympische Sportstätten errichtet werden sollen, stehen unter Druck. Die Bewohner werden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen - oder haben dies schon längst getan.

In dem Nobelstadtteil Barra da Tijuca im Südwesten Rios beispielsweise wird die kleine Favela Vila Autódromo wohl dem Olympiapark weichen müssen. Der Favela droht seit Jahrzehnten die Gefahr, beseitigt zu werden. Obwohl die Bewohner einen Plan ausgearbeitet haben, nach dem sowohl Olympiapark als auch Favela weiter bestehen könnten, soll die Fläche geräumt werden. Zahlreiche Bewohner haben bereits Entschädigungszahlungen erhalten oder das Angebot, in einer Wohnung des Sozialprojektes "Minhas Casa, Minha Vida" ("Mein Haus, Mein Leben") der Regierung unterzukommen.

Großevents dienen als Entschuldigung für Vertreibung

Brasilien Favela Vidigal (Foto: Greta Hamann)

Viele Favela-Bewohner müssen um ihre Heimat bangen

Die Entschädigungen sind jedoch oft viel zu gering, um sich in dem von hohen Miet- und Immobilienpreisen geplagten Rio de Janeiro eine vergleichbare Unterkunft leisten zu können. Die meisten der Sozialwohnungen befinden sich in der äußersten Peripherie der Großstadt Rio de Janeiros. Die Regierung nutze Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele und die WM nun dafür, eine lang gehegte politische Entscheidung weiter umzusetzen, meinen Kritiker der Aktivistengruppe "Comitê Popular da Copa e Olimpíadas" in Rio de Janeiro.

"Die Vertreibungen haben nicht erst mit der WM und Olympia angefangen", sagt Caio Lima, der ebenfalls Teil des WM- und olympiakritischen Komitees ist. "Doch wir stellen fest, dass die Anzahl durch diese Großevents stark ansteigt." Es sei Teil einer großen Strategie, arme Menschen aus den für Immobilieninvestoren attraktiven Stadtteile zu vertreiben, so Lima weiter.

Die Debatten, die jetzt geführt werden, scheinen sich denen rund um die WM sehr zu ähneln. Wieder werden große Summen öffentlicher Gelder für die sportlichen Interessen einer Minderheit ausgegeben, wieder gehen die Kosten über die Anfangsschätzungen stark hinaus. Trotzdem sieht selbst Caio Lima eine kleine positive Entwicklung, die es dank WM und Olympia jetzt schon gegeben hat: "Wir haben es geschafft, die Debatte rund um Megaevents in die Mitte der brasilianischen Gesellschaft zu tragen. Das sehen wir als kleinen Erfolg an."

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