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Amerika

"Jetzt ist er wirklich unser aller Präsident"

Jubel für US-Präsident Bush nach Rede im Kongress

Entschlossen und klar hat Präsident Bush seine Vision dargelegt. George W. Bush wuchs zu diesem historischen Anlass über sich selbst hinaus. "Jetzt ist er wirklich unser aller Präsident", sagte einer der Zuschauer. Seit Franklin D. Roosevelt im zweiten Weltkrieg musste kein Präsident mehr nach einem Angriff auf amerikanisches Territorium sprechen. Bush fand die passenden Worte nach der Tragödie, die an einem Tag mehr Amerikaner auf eigenem Boden das Leben kostete als je zuvor in der Geschichte.

Bush bereitet seine Landsleute systematisch auf kommende Opfer vor: Die Wirtschaft leidet, amerikanische Soldaten werden ihr Leben riskieren. Das Land steht hinter ihm. Im Kongress jubelt die Opposition dem Präsidenten zu. Kritische Töne, etwa von Studenten in der Friedensbewegung, sind nur ganz, ganz schwach wahrnehmbar.

Amerika ist angegriffen worden, Amerika wird sich verteidigen. Daran hat Bush keinen Zweifel gelassen. Wann, wo und wie das geschehen wird, hat er aus verständlichen Gründen nicht gesagt. Den Feind genau auszumachen, ist extrem schwierig. Die Terrorgruppen sollen in fast 60 Staaten operieren. Anders als in allen anderen Kriegen kämpfen die USA nicht gegen ein Land, eine Armee, sondern ein Konzept, eine Ideologie.

Die Vereinigten Staaten sehen sich in einem neuen Krieg. Und im Krieg gelten andere Regeln. Deshalb sieht der amerikanische Präsident keine Notwendigkeit, wem auch immer handfeste Beweise über die Täterschaft Osama bin Ladens vorzulegen. In seiner Rede blieb er sie schuldig. Selbstverteidigung ist nach der UN-Charta jedem Staat garantiert. Deshalb ist nach amerikanischer Sicht auch die Frage nach einem UN-Mandat für Militärschläge überflüssig.

In Windeseile haben die USA unter dem Eindruck der furchtbaren Terroranschläge mit über 6000 Toten eine internationale Koalition geschmiedet, die die Welt so noch nie gesehen hat. Koalition heißt nach amerikanischer Lesart aber nicht, dass die Verbündeten gefragt werden, wie vorgegangen wird. Sie werden nur aufgefordert, zum Kampf beizutragen, was sie können. Außenpolitik folgt in Washington jetzt dem einfachen Muster: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

George W. Bush - vor dem 11. September noch außenpolitisches Leichtgewicht - ist bereit, die Welt in den Krieg des 21. Jahrhundert zu führen. Entschlossenheit und Solidarität sind groß - aber wird das auch in sechs Monaten noch so sein? Die Rede vor dem Kongress kann nur eine von vielen Anstrengungen des Präsidenten gewesen sein, seine Landsleute und die internationale Gemeinschaft zusammenzuhalten. Mit seiner Rede hat George W. Bush die politischen Weichen nicht nur für seine Präsidentschaft, sondern für eine ganze Generation gestellt.