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Sport

"Jetzt beginnt die zweite Hälfte meines Lebens"

Von heute auf morgen schwebte Top-Triathlet Normann Stadler in Lebensgefahr, musste am Herzen operiert werden. Im Interview spricht der zweifache Hawaii-Sieger über sein plötzliches Karriereende, Doping und neue Pläne.

Der deutsche Triathlet Normann Stadler. Foto: dpa

Er gehörte zu den besten Ausdauersportlern der Welt, gewann 2004 und 2006 den legendären Ironman auf Hawaii und war einer der ganz großen Stars seines Sports. Doch dann veränderte sich das Leben des Normann Stadler von einem Tag auf den anderen. Im Alter von 38 Jahren bekam der Profi-Triathlet die Hiobsbotschaft, dass seine Hauptschlagader krankhaft erweitert war und eine Herzklappe nicht schloss. Nur eine schnelle Operation rettete Stadler vermutlich das Leben. Im Interview mit der DEUTSCHEN WELLE beschreibt Stadler, warum seitdem nichts mehr so ist wie vorher.

DW-World.de: Normann Stadler, sie wurden im Juli am Herzen operiert. Wie geht es Ihnen heute?

Der deutsche Triathlon-Profi Normann Stadler im Wasser (Foto: AP)

Stadler: "Ich habe mit dem Leistungssport abgeschlossen"

Normann Stadler: Mir geht es wieder sehr gut. Am 4. Juli war die Operation und danach war ich zwei Wochen im Krankenhaus. Anschließend kamen knapp vier Wochen Reha und seitdem bin ich entlassen in die Freiheit. Ich muss jetzt auf mich selbst achten. Es gibt natürlich auch noch Nachsorgeuntersuchungen, aber ich bin zurück im normalen Leben und darf wieder alles machen, was ich vorher auch gemacht habe, nur noch ein bisschen vermindert. Ich mache jeden Tag zwei Stunden Sport. Ich bin auf dem Laufband im Fitnessstudio, weil ich dort meine Geschwindigkeit und meinen Puls korrigieren kann und mache auch wieder Krafttraining. Ja, mir geht es sehr gut.

Ihre lebensgefährlichen Herzprobleme kamen wie aus heiterem Himmel auf Sie zu. Was war ihr erster Gedanke nach der Diagnose?

Dass die falsch geschaut haben. Aber die haben nicht falsch geschaut. Ich bin dann noch einmal zu einem anderen Arzt gegangen. Aber auch er hat gesagt: 'Es steht fünf vor zwölf. Wir müssen so schnell wie möglich operieren.' Mir war klar: Eine OP ist unumgänglich und ab dem Moment war auch klar, ich mache keinen Leistungssport mehr. Ich habe damit im Kopf abgeschlossen. Das Gute ist: Ich habe zweimal Hawaii gewonnen, da fiel der Abschied natürlich leichter. Für mich beginnt jetzt die zweite Hälfte meines Lebens.

Kurz vor Ihrer Diagnose mussten Sie bei zwei Wettkämpfen wegen Defekten am Rad aufgeben. Haben die Ihnen rückblickend das Leben gerettet?

Die Ärzte sprechen davon, ja, natürlich. Ich hatte im Badischen einen Wettkampf, einen sehr harten Half Ironman. Ich habe da in Führung liegend einen Plattfuss (am Reifen des Rennrads, Anm. d. Redaktion) bekommen und bin dann mit Frust im Bauch vier Tage später nach Spanien geflogen, um dort meine Form zu zeigen. Dort ist mir dann das Schaltauge abgerissen und ich hatte noch mehr Frust. Danach habe ich gemerkt, dass irgendetwas nicht mit meiner Form stimmt. Ich bin zur Ärztin gegangen und das hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Sonst wäre ich heute vielleicht nicht mehr da.

Der deutsche Triathlon-Profi Norman Stadler auf dem Rad auf Hawaii 2006. Foto: dpa

Seine Paradedisziplin: 2006 fuhr Stadler einen sensationellen Schnitt von 41,86 km/h auf 180 Km

Die Ärzte bescheinigen ihnen ja heute ein gesundes Herz. Sie könnten also wieder durchstarten. Warum beenden Sie trotzdem ihre Karriere?

Das Herz braucht noch eine ganze Weile, bis es ganz repariert ist. Der Brustkorb wurde geöffnet, der Herzbeutel aufgemacht, das Herz teilweise repariert und ein Schlauch anstatt der Aorta eingesetzt. Das braucht noch knapp ein Jahr, bis alles wieder verwachsen ist und dann bin ich 39 Jahre alt. Ich bin Realist: Die Jungs, die nachkommen, das sind starke Kaliber und das ist schön, dass was nachkommt im deutschen Sport und auch weltweit im Triathlon. Ich weiß schon, dass ich da nicht mehr hingehöre.

Wann immer in der Vergangenheit ein Sportler, besonders ein Ausdauersportler, Herzprobleme bekam oder sogar daran verstorben ist, wurden Dopinggerüchte laut. Wie sind Sie mit diesen Gerüchten umgegangen?

Das lass ich gar nicht an mich heran. Ich weiß, wer ich bin und ich weiß, was ich mache, ich weiß, dass ich jeden Tag in Spiegel gucken kann und sagen kann: 'Ich habe noch nie etwas Verbotenes genommen'. Die Ärzte bestätigen, dass mein Aneurysma nicht durch Doping kommen konnte. Ich habe da extra nachgefragt, weil ich wusste, es könnten diese Fragen auf mich zu kommen. Mein Leben ist mir viel zu wichtig und zu wertvoll, als es aufs Spiel zu setzen.

Trotzdem steht Ihr Sport unter Verdacht, weil unfassbare Leistungen erbracht werden müssen, um in der Spitze mitzufahren. Zudem gab es in diesem Jahr neue Bestzeiten über die Langdistanz. Ist es da nicht normal, dass einzelne Athleten mit allen Mitteln zum Erfolg wollen?

Normann Stadler siegt 2006 auf Hawaii (Foto: AP)

Der zweite Triumph: Stadler siegte 2006 auf Hawaii

Für uns sind diese Leistungen nicht unfassbar. Wir wissen, was wir über Jahrzehnte hinweg trainiert haben. Ich habe 1988 angefangen mit dem Triathlon und war erstmal jahrelange im Kurzdistanztriathlon-Kader unterwegs. Ich habe mich nach oben trainiert und dann kommen halt die Leistungen, die übrigens über Jahre stagniert haben. Meine Bestzeit auf der Ironman-Distanz hat sich um sechs oder sieben Minuten verbessert. Das ist alles nachvollziehbar. Aber natürlich sind wir die Sportart mit den drei für Doping prädestinierten Sportarten: schwimmen, Rad fahren, laufen. Dennoch finde ich den Verdacht unfair, weil wir bis jetzt erst einen Dopingfall im deutschen Triathlon hatten: Nina Kraft. Wir sind noch sauber im Vergleich zu anderen Sportarten.

23 Jahre lang waren sie Kadermitglied. Fällt es Ihnen jetzt schwer, 'Adieu' zu sagen und etwas Neues zu beginnen?

Erschreckenderweise überhaupt nicht. Wie gesagt, ich habe alles gewonnen. Ich war jetzt auf Hawaii zum Zuschauen und ich fand es schön, nicht am Start zu sein. Ich möchte einfach nur wieder Sport machen, weil der mir fehlt. Ich war immer einer, der sich bewegt hat, schon als Kind. Dahin möchte ich wieder kommen, ein ganz normales Leben führen, Sport treiben und alles genießen.

Aber das ist doch bestimmt nicht alles. Was kommt jetzt?

Es kommt noch eine schöne Zeit. Mein kleiner Junior kommt in vier Wochen zur Welt. Und danach werde ich im Sportbereich bleiben, wahrscheinlich als Sportvermarkter oder Sportmanager. Aber das ist alles noch offen und ich habe viele Angebote. Ich bin keiner, der nur daheim oder im Büro sitzt.

Das Gespräch führte Joscha Weber

Redaktion: Wolfgang van Kann

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