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Kultur

"Jesus des kleinen Mannes"

Ob Waldorfpädagogik oder anthroposophische Medizin, ob biologisch-dynamische Landwirtschaft oder organische Architektur – Rudolf Steiner war einflussreich und umstritten zugleich.

Waldorfschule in Stuttgart © Aldinger Architekten; Photo: Roland Halbe

Waldorfschule in Stuttgart

Ein Blender, ein moderner Goethe, ein Reformer oder ein Rassist – wer war Rudolf Steiner wirklich? Der Mann, der 1861 in Kraljevec, damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien, geboren wurde, wagte es, zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Welt noch einmal neu zu denken. Lassen sich Geist und Welt versöhnen? Wie sind wir als Individuen in das Weltganze hineingestellt? Das waren Fragen, die Rudolf Steiner bewegten. Sein ganzheitliches Menschenbild prägt in vielfältigen Formen auch heute unseren Alltag.

Rudolf Steiner, 1905 © Dokumentation am Goetheanum, Dornach; Photo: Otto Rietmann

Einflussreich und umstritten: Rudolf Steiner im Jahre 1905

Rudolf Steiner, der ärmlichen Verhältnissen entstammte, soll bereits als 16-Jähriger die "Kritik der reinen Vernunft" von Immanuel Kant gelesen haben. An der technischen Hochschule in Wien lässt er sich, dank eines Stipendiums, zum Realschullehrer ausbilden, ein Studium der Philosophie, Literatur und Geschichte muss er aus finanziellen Gründen abbrechen. Von 1890 bis 1897 lebt Rudolf Steiner in Weimar. Dort gibt er Goethes naturwissenschaftliche Schriften heraus und begegnet dem geistig umnachteten Friedrich Nietzsche, dessen Philosophie ihn stark beeinflusst. Von Weimar zieht es Rudolf Steiner 1897 nach Berlin. Neben dem "Magazin für Literatur" veröffentlicht er eigene Schriften zu künstlerischen, philosophischen und politischen Themen und unterrichtet an der sozialistisch geprägten Arbeiterbildungsschule. Zunehmend hält er Vorträge – rund 6000 werden es bis zu seinem Tod im Jahr 1925 sein. Häufig illustriert er sie mit Hilfe von Wandtafeln.

Tafel mit eurythmischen Zeichnungen © Rudolf Steiner Archiv, Dornach

Eurythmische Zeichnungen

Begnadeter Redner

Rudolf Steiner griff die geistigen Strömungen seiner Zeit auf und verarbeitete sie zu seinem Gedankengebäude. Wenn auch seine Theorien nicht immer hieb- und stichfest waren, so fesselte er als begnadeter Redner doch sein Publikum. Auch Albert Einstein gehörte häufig zu seinen Zuhörern. Der Begründer der Relativitätstheorie war allerdings kritisch: "Bedenken Sie doch diesen Unsinn: übersinnliche Erfahrung. Wenn schon nicht Augen und Ohren, aber irgendeinen Sinn muss ich doch gebrauchen, um irgendetwas zu erfahren." Der Schriftsteller Stefan Zweig hingegen war von Steiner angetan: "Es war aufregend, ihm zuzuhören, denn seine Bildung war stupend und vor allem gegenüber der unseren, die sich allein auf Literatur beschränkte, großartig vielseitig." Aber es schlugen Steiner ebenso Häme und Verachtung entgegen. Kurt Tucholksy nannte ihn den "Jesus des kleinen Mannes."

Auf der Suche nach einem neuen Weltbild

1902 schließt Rudolf Steiner sich der theosophischen Gesellschaft an, einer esoterischen, teils obskur geltenden Vereinigung. Aus ihr heraus entwickelt er eine eigene Weltanschauung – die Anthroposophie und gründet 1912 die anthroposophische Gesellschaft. Für Rudolf Steiner beginnt nun eine produktive Phase, die bald in allen Bereichen des Lebens ihren Niederschlag findet. Schon früh formuliert er Gedanken zum Aufbau des Staates, zur Organisation des öffentlichen Gesundheitswesens, zum Landbau, zur Pädagogik, zur Kunst.

Tafel mit eurythmischen Zeichnungen © Rudolf Steiner Archiv, Dornach

Zeichnung "Anthroposophie als Kosmosophie"

Architektur und Kunst

Ab 1910 wendet sich Steiner verstärkt Architektur und Kunst zu. Er schreibt Mysteriendramen und entwickelt eine neue Bewegungslehre, die Eurythmie. In der Zeit des ersten Weltkriegs entwirft Steiner in Dornach nahe Basel das Goetheanum, als Zentrum der anthroposophischen Gesellschaft und Sitz der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Zahlreiche Künstler wirkten an dem Bau mit.

Aber in der Sylvesternacht 1922/23 brennt das Goetheanum ab. – vermutlich durch Brandstiftung. Rudolf Steiner plant sofort einen Nachfolgebau - diesmal aus Beton und in expressionistischem Stil - ein Meilenstein in der Entwicklung der „organischen Architektur“. Seine Vollendung hat der Anthroposoph nicht mehr erlebt: 1925 starb Rudolf Steiner in Dornach.

Umstritten

Schon zu Lebzeiten wurde sein Werk kontrovers diskutiert. Universitäre Wissenschaftler lehnten Steiners Idee ab, das naturwissenschaftliche Weltverständnis in ein spirituelles zu überführen. Ebenso stieß seine Christenlehre von offizieller Seite auf keine Gegenliebe. Nach dem zweiten Weltkrieg gerieten seine Äußerungen zur Rassenfrage und zum Judentum ins Kreuzfeuer der Kritik. Eines seiner Bücher wäre beinahe wegen rassistischer Äußerungen auf dem Index gelandet. Die entsprechenden Textpassagen wurden entfernt.

Autorin: Susanne von Schenck

Redaktion: Sabine Oelze

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