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Medienentwicklung

"Jerusalem ist meine Leidenschaft!"

Hanadi Qawasmi ist neue Chefredakteurin des palästinensischen Online-Portals Qudscom. Ihr Team besteht aus Bürgerjournalisten aus Jerusalem. Gar nicht so leicht, die jungen Kollegen zu leiten.

Qawasmi (L) vom Onlineportal Qudscom

Seit Mitte März ist Hanadi Qawasmi (links) Chefredakteurin des Onlineportals Qudscom

"Khalas Selfie!" (Keine Selfies mehr!) Hanadi Qawasmi klatscht in die Hände. Um sie herum trollen sich sechs Studentinnen und zwei Studenten, quatschen und machen Kussmünder in ihre Handykameras. Hanadi Qawasmi braucht nicht einmal eine halbe Minute, dann hat sie jedermanns Aufmerksamkeit. Es ist das zweite Mal, dass die 29-Jährige die Redaktionssitzung mit den jungen Journalisten leitet. Sie ist erst seit einer Woche Chefredakteurin des Onlineportals Qudscom. Die Webseite soll umgestaltet werden. Hanadi hat schon eine Idee, doch dafür braucht sie die gute Zusammenarbeit mit ihren jungen Kollegen.

Der Blick aus der Fensterfront des Sitzungsraumes zeigt, worum es bei Qudscom geht: Jerusalem. Zur rechten Seite der Aussicht, nur zehn Gehminuten entfernt, die weißgemauerte Altstadt. In den engen Gassen zwischen Bazar, historischen und religiösen Stätten wandern Männer mit Schläfenlocken, mit Kufiya oder in Kutten, dazwischen Touristen und schwer bewaffnete Soldaten. Auf dem Onlineportal Qudscom ("Euer Jerusalem") berichten die jungen palästinensischen Nachwuchsjournalisten und Bürgerjournalisten aus ihrer Sicht über diese gegensätzliche Stadt.

Hanadi Qawasmi (R) vom Onlineportal Qudscom

Qawasmi leitet ihre erste Redaktionssitzung

"Jerusalem ist meine Leidenschaft!", sagt Hanadi Qawasmi bestimmt. "Ich bin hier geboren, hier habe ich studiert." Wenn man in Jerusalem groß wird, muss man sich zwangsläufig mit Politik befassen. "Während der zweiten Intifada im Jahr 2000, ich war 14 Jahre alt, habe ich angefangen, mich für den Konflikt zu interessieren", erzählt Qawasmi. "Jeden Tag habe ich die Zeitung gelesen, die mein Vater aus seinem Büro mitgebracht hat und schließlich wollte ich auch Journalistin werden, um über mein Land zu berichten." Nach dem Journalistik-Studium arbeitete sie zunächst in der Unternehmenskommunikation und dann als freie Journalistin - unter anderem bei der qatarischen Zeitung Al-Araby Aljadeed. Seit März 2016 ist sie nun Chefredakteurin von Qudscom. "Hier kann ich mein Wissen über Jerusalem erweitern und gleichzeitig den jungen Journalisten die Stadt näher bringen", so Qawasmi.

Jerusalem aus verschiedenen Perspektiven

Draußen singt der Muezzin. Die Truppe um Hanadi Qawasmi ist in eine Diskussion verwickelt. Die neue Chefredakteurin hat vorgeschlagen, einen Themenschwerpunkt zum zum palästinensischen Tag des Kindes am 5. April zu machen. Es sollen verschiedene Kinder aus Jerusalem porträtiert werden. Jedes steht für eine Geschichte, für ein Schicksal der Jugend in Jerusalem. Qawasmi verteilt die Aufgaben, ab und an verwandelt sich ihr strenger Blick in ein kurzes ironisches Schmunzeln und blitzschnell wieder zurück. Die Worte Video, Hashtag, Infografik, Vox-Pop fallen. Jeder der jungen Studierenden hat einen Schwerpunkt. Dunia, die immerzu mit ihren Haarspitzen spielt, schreibt gerne, ihre Freundin Hanan mit dem pinken Kopftuch macht lieber Videos, Ahmad, mit jeweils einer Zigarette hinter den Ohren, bastelt lieber an Infografiken.

Für eine gute Zusammenarbeit braucht Qawasmi den Respekt ihrer jungen Kollegen (Foto: Alice Kohn)

Für eine gute Zusammenarbeit braucht Qawasmi den Respekt ihrer jungen Kollegen

"Sie haben ihr eigenes Leben, ihren eigenen Zugang zu der Stadt", berichtet Qawasmi über ihre jungen Kollegen. "Sie bringen Geschichten aus der Uni oder von der Straße mit. Ich kenne die Historie und die Fakten der Stadt. So helfen wir uns gegenseitig, die Stadt aus neuen Perspektiven zu betrachten." Das hilft ihnen, den Usern ein umfassenderes Bild der Stadt zu geben.

"Hier ist alles Politik"

Qudscom wurde 2015 von der Jugendorganisation PalVision in Zusammenarbeit mit der DW Akademie gegründet. "Es ist eher eines unserer kleinen Projekte, aber wir sind sehr stolz darauf", erzählt Rami Naser Eddin, Direktor von PalVision, vor der Redaktionssitzung. "Medien vermitteln Werte. Qudscom berichtet daher über das Leben der Jugendlichen in Jerusalem, über Soziales, Kultur, Familie, nicht immer nur über Politik." "Hier ist alles Politik!", unterbricht ihn Hanadi Qawasmi streng. Rami Naser Eddin lacht: "Sie ist noch nicht einmal eine Woche hier, und schon ist sie wie mein Boss. Aber ich mag, dass sie kritisch ist."

Man sei eine Graswurzel-Organisation, betont Naser Eddin, keine NGO. Denn viele NGOs in Palästina, nun ja… er verzieht den Mund. "Wir sind mit keiner Partei verbunden. Bei uns gibt es keine Interessen, die uns aus dem Hintergrund dirigieren. Das gibt den Nachwuchsjournalisten den Freiraum, sich ausprobieren." So konnte sich die Redaktion beispielsweise das Logo und den Namen der Seite selbst überlegen.

Qawasmis Handy klingelt, sie entschuldigt sich höflich und verlässt den Raum, um das Telefonat anzunehmen. "Ich sollte sie nicht loben, wenn sie dabei ist", sagt Rami Naser Eddin verschwörerisch, "aber sie ist sehr schlau. Sie weiß, wie sie mit den jungen Studenten arbeiten muss." Qawasmis Arbeitsweise habe den Geschmack einer guten Investition. Als sie zurückkommt, schaut Rami unschuldig an die Decke und Hanadi lacht.

Verlässliche Nachrichten aus Jerusalem

Draußen klingen die Kirchenglocken. Der Teppich ist voller Krümel von dem Gebäck, das Qawasmi die Teilnehmer zwischendurch hat kaufen lassen. Ihre vom Kugelschreiber verschmierten Hände sind ständig in Bewegung, während sie die Fragen der Jungjournalisten beantwortet. Recherchetechniken seien ein wichtiges Thema: "Sie müssen noch lernen, wie sie an Informationen kommen und wie sie diese bewerten", so Qawasmi. "Ich habe die Erfahrung und das journalistische Handwerkszeug, sie haben Enthusiasmus und Ideen. Das ist eine gute Mischung."

Palästinenser lesen Nachrichten vor allem online

Palästinenser lesen Nachrichten vor allem online

Die Bedeutung von journalistischem Handwerkzeug wird deutlich, wenn man sich die jüngste Medienentwicklung in den Palästinensischen Gebieten anschaut. "Früher haben wir alle Al Jazeera geguckt, nachdem Al Jazeera den Hauptschwerpunkt auf den arabischen Frühling gelegt hat und weniger über Palästina berichtete, schauten wir TV-Sender aus Palästina", sagt sie. "Aber mittlerweile werden Nachrichten vor allem auf Facebook gelesen", fügt sie hinzu und zeigt auf ihrem Smartphone Facebook-Fotos von den Kontrollen israelischen Soldaten, einem omnipräsenten Thema für Palästinenser. Aber, räumt sie ein, Nachrichten in den sozialen Medien seien keine verlässliche Quelle. Daher sollen die Qudscom-Journalisten verlässliche Hintergrundberichte und gut recherchierte Reportagen liefern.

Draußen wird es dunkel, auf der anderen Seite der Stadt endet der Schabbat - der jüdische Ruhetag. Die Sitzung hat sich nach und nach aufgelöst. Eine Studentin baut ihre Kamera auf, sie will Qawasmi für ihre Uni-Zeitung interviewen. Doch die Chefredakteurin kann nicht stillsitzen, sie ruft über die Köpfe hinweg und erinnert jeden an seine Aufgaben. Einer kontert mit einen neckendem Kommentar, Qawasmi grinst und zuckt ergeben die Schultern. Dann konzentriert sie sich und wendet sich der Interviewerin zu, hinter deren Rücken sich neugierig ihre jungen Kollegen scharren.

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