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Solidarität

Jeroen Dijsselbloem: "Das ganze Geld für Schnaps und Frauen"

Manchem Politiker hat ein einziges Wort genügt, um sich ins Abseits zu schießen. Eurogruppenchef Dijsselbloem redete sich mit zwei Wörtern um Kopf und Kragen, die den "südlichen Euroländern" galten.

Niederlande Parlament Jeroen Dijsselbloem Finanzminister (Getty Images/AFP/E. Daniels)

Dijsselbloem am Prinzentag 2016, an dem traditionell das parlamentarische Sitzungsjahr eröffnet wird

Die Fragen waren durchaus nicht überraschend. Wozu soll der Chef der Eurogruppe Auskunft geben, wenn neue Griechenland-Hilfen anstehen? Richtig: zu neuen Hilfsgeldern, aber auch zu deren Rechtfertigung. Stichwort: Solidarität. Schnaps und Frauen sind dabei nicht unbedingt die ersten Assoziationen.

"Solidarität" klingt auf den ersten Blick unverfänglich, doch es ist gleich mehrfach ein heißes Eisen. Denn der Chef der Eurogruppe soll eben alle Länder repräsentieren: diejenigen, die den Euro haben, und diejenigen, die darum kämpfen, ihn zu behalten. Wer die Stärkeren in dieser Runde sind, leuchtet unmittelbar ein.

Jeroem Dijsselbloem sprach also über Solidarität. Das Interview führte kein Boulevardjournalist, sondern ein Vertreter des seriösen deutschen Finanzjournalismus. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" druckte die Antwort bereits am Montag. Doch die Wellen brauchten offensichtlich zwei Tage, um in den Süden Europas zu schwappen - und von dort als Bugwelle zurückzukommen.

Filmstill aus Alexis Sorbas (picture-alliance/United Archives)

Klischee des leichtlebigen Griechen: Film "Alexis Sorbas" mit Anthony Quinn und Eleni Anousaki (Schnaps nicht im Bild)

Die nördlichen Länder hätten sich in der Eurokrise mit den Krisenländern - die im heißen Süden verortet werden - solidarisch gezeigt. So setzte der Niederländer, der selbst aus dem kalten, erfolgreichen Norden kommt, zunächst ganz unverfänglich an. "Als Sozialdemokrat halte ich Solidarität für äußerst wichtig. Aber wer sie einfordert, hat auch Pflichten", ergänzte er. Und wer fände daran etwas auszusetzen?

Dann allerdings erwies sich dramatisch, dass Dijsselbloem eine gefährliche rhetorische Kurve mit zu hoher Geschwindigkeit durchfuhr - und prompt aus derselben getragen wurde: "Ich kann nicht mein ganzes Geld für Schnaps und Frauen ausgeben und anschließend Sie um Unterstützung bitten", räsonierte er.

"Beschämend" und "diskriminierend"

Weitaus weniger farbig als das Zitat selbst klingt die Empörung, die dem Eurogruppenchef dafür entgegenschlug: Die Äußerungen seien "beschämend" und "diskriminierend" für die Länder Südeuropas, sagte der italienische Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Europaparlament, Gianni Pittella.

Der portugiesische Außenminister Augusto Santos Silva, auch ein Sozialdemokrat, erklärte, Dijsselbloems Äußerungen seien "vollkommen inakzeptabel". Dieser sei "nicht geeignet, Vorsitzender der Eurogruppe zu bleiben".

Keine Entschuldigung

Unbeugsam weigerte sich der Niederländer bei einer Anhörung im EU-Parlament, eine Entschuldigung abzugeben. "Nein, sicherlich nicht", erwiderte er auf die entsprechende Forderung eines Abgeordneten am Dienstag. An diesem Mittwoch gab sich Dijsselbloem schon etwas weniger trotzig. Er habe allgemein über die Solidarität in der Eurozone gesprochen und nicht bestimmte Länder kritisiert, ließ der Gescholtene einen Sprecher erklären.

Jetzt droht dem Mann, der im Hauptberuf niederländischer Finanzminister ist, der Verlust seines Amtes - aber nicht unbedingt wegen seiner vermeintlichen verbalen Entgleisung: Nach der Wahlschlappe der Sozialdemokraten in den Niederlanden dürfte er seinen Ministerposten verlieren. Die Eurostaaten sind uneins in der Frage, ob er dann bis zum Ende seiner regulären Amtszeit Eurogruppenchef bleiben könnte; das Mandat der Eurogruppe läuft regulär bis Anfang 2018.

Diese Entscheidung dürfte nun freilich nicht leichter geworden sein. Womöglich hat sich Dijsselbloem selbst ins Abseits geschossen, weil er mit seinem Zitat allzu sehr an das Lebensmotto des legendären Fußballers George Best erinnerte: "Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst." Der früh verstorbene Best, für seine Abstürze berühmt, kam übrigens nicht aus dem Süden, sondern aus Nordirland.

jj/stu (dpa, afp)