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Nahost/Nordafrika

Jemendialog: Journalisten überwinden Vorurteile

Nord gegen Süd, alte Eliten gegen junge Reformer - zahlreich sind die Konfliktlinien. Wie lässt sich hier ausgewogen berichten? Dazu lud die DW Akademie Journalisten aus allen Landesteilen nach Berlin ein.

Zu Besuch im Bundesrat: Hussein Ba Sleem und Mokhtar Gamil Al-Qadasi (links) (Foto: DW Akademie/Nadine Wojcik).

Zu Besuch im Bundesrat: Hussein Ba Sleem und Mokhtar Gamil Al-Qadasi (links)

Feedbackrunde. Es ist der letzte gemeinsame Tag der Redaktionsleiter und Medienmanager aus dem Jemen in Berlin. An den Wänden hängen bunte, handgeschriebene Karten in Arabisch und Deutsch, Schlagworte des einwöchigen Workshops: "journalistische Ethik", "fehlender Pressekodex" und "mangelnde Ausbildung". Hinter den neun Medienschaffenden liegt eine arbeitsintensive Woche. "Besonders gefallen haben mir die Gespräche untereinander", sagte Fathi bin Lazrq, Chefredakteur der Zeitung "Aden Al-Ghad". "Eine wirklich große Annäherung - diese Erfahrung wird uns im künftigen Redaktionsalltag begleiten."

Die meisten jemenitischen Medien sind direkt oder indirekt parteipolitisch gebunden. In Zeiten der politischen Polarisierung tragen sie das Ihre zu den Spannungen bei, indem sie parteiisch berichten, Gerüchte als Fakten darstellen und den jeweiligen politischen Gegner denunzieren. "Die meisten jemenitischen Journalisten sind in erster Linie politische Meinungsträger und erst in zweiter Linie Journalisten, die ihre Aufgabe darin sehen, zu informieren", sagte Antje Bauer, Projektmanagerin der DW Akademie "Hier wollten wir ansetzen, indem wir die Journalisten durch einen Dialog miteinander in Kontakt bringen, so dass sie ihre Vorbehalte gegenüber den Kollegen aufgeben und lernen, die Meinung der anderen zu respektieren. Das soll sich dann natürlich auch in einer ausgewogeneren Berichterstattung niederschlagen."

Konfliktlösungen aufzeigen

Jemenitische Journalisten zu Gast im Bundesrat (Foto: DW Akademie/Nadine Wojcik).

Föderalsystem - Modell für Jemen? Jemenitische Journalisten zu Gast im Bundesrat

Zum ersten Mal trafen sich die zehn Journalisten im Juni 2014 zu einem gemeinsamen Workshop in Istanbul. Kein reibungsloses Zusammentreffen: Der eine mochte sich nicht neben den anderen setzen, immer wieder kam es zu erbitterten Diskussionen über politische Themen. Dennoch ließen sich die Journalisten während des fünftägigen Workshops darauf ein, sich über die politische, soziale und kulturelle Lage ihrer Herkunftsorte auszutauschen und dadurch die Wahrnehmung der jeweils anderen Seite zu verstehen. Mehr noch: Nach dem Workshop blieben sie miteinander in Kontakt und versuchten - zumindest teilweise - die Meinung der anderen Seite in ihren Medien wiederzugeben. "Ich habe nach meiner Rückkehr nach Sanaa meinen Journalisten sofort die Regeln konfliktsensitiver Berichterstattung beigebracht", erklärte Hussein Ba Sleem, Chef des staatlichen Fernsehsenders, stolz.

Von den anfänglichen Berührungsängsten ist vier Monate später beim Folge-Workshop im November 2014 in Berlin nichts mehr zu spüren. "So eine familiäre Atmosphäre", fasste Mokhtar Gamil Al-Qadasi, Direktor des Fernsehsenders Al-Saida, die gemeinsame Zeit zusammen. "Es fühlt sich an, als ob wir uns schon lange kennen würden." Auf dem Programm standen in Berlin nicht nur Debatten zur Presseethik oder über den Zustand der jemenitischen Medienlandschaft, sondern vor allem auch Besuche und anschließende Diskussionen beim Bundesrat, bei der Landesvertretung Hamburg und beim Rundfunk Berlin-Brandenburg. "Uns ist es wichtig, die Teilnehmer auch politisch weiterzubilden. Und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie ein Land föderal regiert oder kulturellen Minderheiten die größtmögliche Autonomie gegeben werden kann", sagte Maria Frauenrath, Trainerin der DW Akademie, die seit über 25 Jahren in Konfliktregionen arbeitet.

Gemeinsam journalistische Standards setzen

Mokhtar Gamil Al-Qadasi, Direktor des Fernsehsenders Al-Saida (Foto: DW Akademie/Nadine Wojcik).

Mokhtar Gamil Al-Qadasi, Direktor des Fernsehsenders Al-Saida

Das Angebot wurde begeistert aufgenommen. Die Journalisten diskutierten in Berlin lebhaft und engagiert. Selbst Teilnehmer aus dem sezessionistischen Südjemen erklärten, das deutsche Föderalsystem könnte ein Modell für den Jemen sein. "Mit unserem Journalisten-Dialog möchten wir dazu anregen, die Themen der Konflikt-Berichterstattung im Jemen zu erweitern, also zum Beispiel über Ansätze für Konfliktlösungen zu schreiben, anstatt nur bewaffnete Auseinandersetzungen oder Gräueltaten zu schildern", sagte Antje Bauer.

Die vielen Gespräche und gemeinsamen Erfahrungen haben die Journalisten auf die Idee gebracht, ein wichtiges Projekt für die jemenitische Medienlandschaft in Angriff zu nehmen: die Etablierung eines Pressekodexes - ein gemeinsames Projekt von Journalisten aus dem Norden und Süden. "Die deutschen Erfahrungen sind sehr wichtig und wertvoll für uns", sagte Ali Hamid Maarof, Vizedirektor des nordjemenitischen TV-Senders As-Sahhat . Und Fathi bin Lazrq aus dem südjemenitischen Aden fügt hinzu: "Wenn wir in Zukunft eine bessere Arbeit machen und ausgewogener berichten - dann haben wir das der DW Akademie zu verdanken."


Die DW Akademie engagierte sich im Jemen bereits vor dem politischen Umschwung 2011. So fanden seit 2005 regelmäßige Trainings und Beratungen für den staatlichen Radio- und Fernsehsender in Sanaa und Aden statt. Seit 2012 unterstützt die DW Akademie zudem das unabhängige Radio "Yemen Times" mit journalistischen Trainings, die vom Auswärtigen Amt gefördert werden. Auch der zweiteilige Journalisten-Dialog Jemen 2014 wurde vom Auswärtigen Amt finanziert.

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01_02_2012 Themenbild für Newsletter Ansprechpartner für weitere Verwendungszwecke: Sabrina.Tost@dw-world.de

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