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Nahost

Jemen am Abgrund?

Eine internationale Konferenz in London soll vor allem darüber beraten, wie das Terrornetzwerk Al Kaida im Jemen bekämpft werden kann. Doch für die Regierung in Sanaa stehen andere Probleme im Vordergrund.

Blick auf die Altstadt von Jemens Hauptstadt Sanaa (Foto:ap)

Blick auf die Altstadt von Jemens Hauptstadt Sanaa

Jemens Außenminister Abu Bakr al Kirbi und seine US-Amtskollegin Hillary Clinton (Foto:ap)

Jemens Außenminister Abu Bakr al Kirbi und seine US-Amtskollegin Hillary Clinton

Die Regierung in Sanaa hat der "Al Kaida auf der arabischen Halbinsel", einem Zusammenschluss des saudischen und der jemenitischen Ablegers des Terrornetzwerkes, vor einem Monat den Krieg erklärt. Seither überschlagen sich die Erfolgsmeldungen – bisher sollen schon mehrere führende Al-Kaida-Kämpfer getötet worden sein, bis sie wenige Tage später bei ihren Verwandten beim Mittagessen wieder aufgetaucht sein sollen. Besonders glaubwürdig ist sie nicht - trotzdem will die jemenitische Regierung keine Hilfe ausländischer Truppen: Jemens Priorität liege auf der Entwicklungshilfe, erklärte Jemens Außenminister Abu Bakr al Kirbi. Außerdem brauche die Regierung Hilfe beim Ausbau ihrer Anti-Terror-Einheiten, sei es beim Training, bei der Ausrüstung oder bei der logistischen Unterstützung.

Innere Zerreißprobe

Jemens Staatspraesident Ali Abdullah Saleh (Foto:ap)

Jemens Staatspräsident Ali Abdullah Saleh

Sanaa steht vor riesigen innenpolitischen Problemen, die Präsident Ali Abdullah Saleh offenbar nicht lösen kann: Ein Aufstand der schiitischen Houthi-Rebellen im Norden, eine militante Abspaltungsbestrebung des Südens, Al Kaida, Armut und Arbeitslosigkeit bedingt durch ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum, extreme Wasserknappheit und eine völlig korrupte Regierung.

Sanaa, wo Präsident Ali Abdullah Saleh nach Ansicht von Beobachtern alleine entscheidet, versucht nun, das internationale Interesse zu nutzen, um Unterstützung für die Bekämpfung der Oppositionen im Norden und im Süden zu gewinnen. Außerdem wittert der Jemen die Chance, seine wachsenden Budgetprobleme, bedingt durch sinkende Erdöleinkünfte, mit Geldern aus dem Ausland abzufedern. Doch Amr Hamzawy, Jemen-Experte der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden in Beirut, hofft auf einen Sieg der Vernunft. In Sanaa wisse man, dass es fünf vor zwölf ist, dass dieser Staat zerfällt. Die Regierung sei sich auch im klaren darüber, dass sie es alleine nicht schaffen kann. "Dieses Bewusstsein", sagt Amr Hamzawy, "kann vielleicht auch die Vernünftigen um Saleh darin stärken, vehementer für ein ausgeglicheneres Agieren des jemenitischen Staates zu plädieren."

Jemen Flüchtlinge Camp Flash-Galerie

Jemenitische Flüchtlinge in einem Camp im Norden des Landes. Sie sind vor den andauernden Kämpfen zwischen Regierungstruppen und aufständischen Houthi-Rebellen geflohen.

Kaum Gelder abgerufen

Bereits 2006 wurden dem Jemen auf einer Geberkonferenz rund 5 Milliarden US-Dollar zugesagt, die allerdings an Reformen gebunden waren. Doch rief Sanaa nur einen Bruchteil dessen ab, weil die Regierung nicht die notwendigen Projektvorlagen präsentieren konnte. Ziel der Konferenz in London ist nun unter anderem, den Abfluss dieses Geldes zu beschleunigen. Doch all das helfe nicht, wenn man nicht das massive Korruptionsproblem angehe, dessen Wurzel die Machtkonzentration beim Präsidenten sei, betont der jemenitische Experte Abdul-Ghani al-Iriyani. Präsident Saleh, der das Land seit fast 32 Jahren regiert, ist Teil des Problems, bestätigt Amr Hamzawy, doch gebe es keine Alternative zu ihm, die aus sicherheitspolitischen Gesichtspunkten vertretbar wäre.

Nachbarstaaten in der Pflicht

Karte Jemen

Der Jemen und seine Nachbarstaaten Saudi Arabien und Oman

Die Probleme des Jemen, dessen Bevölkerung von heute 23 Millionen sich innerhalb von 20 Jahren verdoppeln dürfte, sind so groß geworden, dass schnelle Abhilfe ausgeschlossen ist. Schadensbegrenzung ist angesagt und das gehe am besten, indem der Westen die Nachbarn am Golf in die Pflicht nehme, fordert Hamzawy. Das bedeutet, dass die Golfstaaten die Grenzen wieder für jemenitische Arbeiter öffnen müssten, die sie seit dem Golfkrieg 1991 weitgehend geschlossen halten, weil Präsident Saleh sich damals mit dem irakischen Ex-Präsidenten Saddam Hussein solidarisierte. Denn wenn das Problem der steigenden Arbeitslosigkeit von derzeit mehr als 35 Prozent nicht gelöst wird, dann werde Al Kaida weiter aus einem großen Rekrutierungspool junger Männer ohne Job und Perspektive schöpfen können. "Armut ist ein Zwillingsbruder von Al Kaida im Jemen", betont denn auch Jemens Präsidentenberater Abdul Karim al-Iryani: "In machen Ländern kommen die Terroristen aus der Mittelklasse. Im Jemen ist es eine Frage der Armut, denn Mitglied von Al Kaida zu sein ist eine attraktive Einkommensquelle."

Autorin: Birgit Kaspar
Redaktion: Thomas Latschan