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Sport

Jedermanns Traum: Der Ötztalmarathon

Der Ötztaler Radmarathon zählt zu den härtesten Rennen seiner Art. Tausende Sportler bewerben sich jährlich um einen Startplatz. Längst nicht jeder kommt ins Ziel, trotzdem wollen alle immer wieder dabei sein.

Die Ötztaler Alpen in Österreich sind traumhaft: Schroffe Täler, idyllische Almen, schneebedeckte Gipfel und atemberaubende Passstraßen. Wunderschön, wenn man die Zeit hat, sich umzuschauen. Wenn! Die rund 3300 Teilnehmer des diesjährigen Ötztaler Radmarathons, einem Rennen über 238 Kilometer und 5500 Höhenmeter, haben für die schöne Kulisse keinen Blick. Zum einen, weil das Bergpanorama ohnehin im schlechten Wetter verschwunden ist, zum anderen, weil es schon anstrengend genug ist, sich aufs Bergauffahren zu konzentrieren.

Schon am ersten Pass hoch zum Kühtai gilt es für die Fahrer, 1.200 Höhenmeter zu klettern. Es regnet wie aus Kübeln, die Temperaturen liegen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Oben an der Verpflegungsstation herrscht tumultartiger Andrang. Alle sind völlig durchnässt, die erschöpften Fahrer bleiben nur wenige Sekunden stehen, stürzen die heiße Brühe mit zitternden Händen herunter und schon geht es zurück auf die Strecke. Einer von ihnen erkennt die eigene Frau nicht, die hinterm Tresen steht und Suppe verteilt. Wortlos und mit grauem Gesicht dreht er sich um, steigt wieder aufs Rad und macht sich auf die steile Abfahrt hinunter zum Inntal. Ein junger Mann ist so erschöpft, dass er nicht mal mehr den Becher mit der Suppe festhalten kann. Bevor er kollabiert und auf den nassen Asphalt fällt, packen ihn die Helfer und bringen ihn in die Stationsküche. Erst als er weiß, dass auch sein Rad in Sicherheit ist, beruhigt er sich.

"Nur für Beißer"

Dabei ist Scheitern hier keine Schande. Von 3352 Fahrern, darunter 154 Frauen, die am frühen Morgen in Sölden an den Start gehen, erreichen nur 2375 nach vier Alpenpässen das Ziel. Am Kühtai (2017m) beenden schon über 300 Fahrer erschöpft und verzweifelt ihr Rennen. Völlig durchnässt geht es für die anderen über die gefährliche Abfahrt Richtung Innsbruck in den Anstieg zum Brenner (1370m). Die Auffahrt zum Jaufenpass (2094m) verlangt den Fahrern einen gleichmäßigen Tritt ab. Letzte Instanz des Marathons sind die 1759 Höhenmeter zum Timmelsjoch (2509m). Selten war es so kalt, wie in diesem Jahr.

Jörg Ludewig bei der Zieldurchfahrt (Foto: Ötztal Tourismus/Ernst Lorenzi)

Am Ende ist ein Italiener der Schnellste: Roberto Cunico benötigt 7:13 Stunden, Jörg Ludewig (l.) wird Zweiter

"Heut' kommen nur die Beißer durch, die wo's wirklich wollen", lautet daher auch die Einschätzung eines einheimischen Zuschauers vor dem Rennen. Am besten beißt am Ende Roberto Cunico aus Italien. Er siegt in 7:13 Stunden und lässt den deutschen Ex-Profi Jörg Ludewig gerade einmal 12 Sekunden hinter sich. Schnellste Frau ist die bayerische Journalistin Monika Dietl. Sie braucht eine Stunde und 16 Minuten länger als Cunico.

"Wir werden uns durchschinden" hatte Jan Ullrich noch am Vortag des Rennens gesagt. Er ist als Hobbysportler zum dritten Mal in Folge dabei. Der ehemalige Radprofi zeigt seine Freude auf die Herausforderungen des Marathons, wirkt jedoch insgesamt sehr zurückhaltend. Am Ende wird er in seiner Altersklasse Elfter und ist damit sehr zufrieden. Im Teilnehmerfeld ist Ullrich aber durchaus umstritten. Während der Veranstalter ihn hofiert und vor neugierigen Journalisten abschirmt, bringen ihm einige Mitfahrer ihre Verachtung während des Rennens ungeschminkt zum Ausdruck. Bei anderen ist die Bewunderung für den Tour de France Sieger von 1997 ungebrochen: "Er ist immer noch eine Ikone für den Radsport", so ein Teilnehmer aus Frankfurt. Über das Thema Doping spricht man nicht.

Trainieren für den Traum

Ein Geheimrezept für den Erfolg beim Ötztaler gibt es wohl nicht. 17.000 Trainingskilometer fuhr Monika Dietl, die Gewinnerin in der Frauenwertung. Viele Fahrer geben ein Trainingspensum zwischen 5000 und 10.000 Kilometern an. Dietmar Gebel aus Krefeld, der in diesem Jahr zum 15. Mal fährt, profitiert von der Erfahrung seiner vielen "Ötztaler" und sagt: "Die richtige Einschätzung deiner eigenen Performance und die Streckenkenntnis vom Berg sind hilfreich."

Ein erschöpfter Radsportler lehnt sich an sein Rad und trinkt ausd er Wasserflasche (Foto: Ötztal Tourismus/Jürgen Skarwan)

Erschöpft aber glücklich - die "Finisher" sind froh, es geschafft zu haben

Ob man den Marathon bis zum Ende durchsteht, wird zum großen Teil ohnehin nicht in den Beinen, sondern im Kopf entschieden. Es ist auch das Gefühl, das die Fahrer trägt, das mehrdimensionale Erlebnis der alpinen Umgebung, die freundschaftliche Stimmung während des Events. Am Ziel wird jeder "Finisher" vom Moderator begrüßt, der Moment der Einfahrt wird auf der Großbildleinwand übertragen, die von den Strapazen der Tour gezeichneten und gleichzeitig frohen Gesichter werden übergroß sichtbar. Jedermann und Jedefrau sind am Ende die Helden.

Individuelle Grenzerfahrung

"Jedermann heißt auch, die Vielfalt der Menschen, die hier mitfahren. Die Statistik der Trikotgrößen sagt einiges darüber aus", so Dietmar Gebel. "I have a dream", sagt Jan Wiedemann aus Thüringen, der den "Ötztaler" mit nur einem gesunden Arm fährt: "Für mich geht es ums Ankommen. Mit einer Behinderung solche eine Strecke zu fahren, bedeutet mir sehr viel." "Ich liebe Pässe – wenn es hoch geht, da komme ich", gesteht Edith Vigl aus Südtirol, eine 130 Zentimeter große Radsportlerin, die ein speziell angefertigtes Carbon-Rad fährt.

Das Rennen war zunächst nur ein Insidertipp unter Radsport-Fanatikern, bevor es sich zu einem weltbekannten Radmarathon entwickelte. 2013 reisten Teilnehmer aus 34 Nationen an. Waren zum Jahrtausendwechsel Profi-ähnliche Strukturen erkennbar, so ist es heute das Ziel des Veranstalters, ein Radsportereignis für Jedermann anzubieten. Das sportliche Gesamt-Ergebnis hat darunter nicht gelitten, wie die Fahrzeiten der "Finisher" belegen. Der Traum, den "Ötztaler" zu bezwingen, ist für die meisten Teilnehmer oberstes sportliches Ziel, Selbstbestätigung und garantiertes Glücksgefühl. Und das ist es auch der Grund dafür, dass die meisten Fahrer nicht nur einmal teilnehmen, sondern immer wieder dabei sind. "Am Timmelsjoch schwöre ich mir jedes Mal: nie wieder", so Dietmar Gebel, "Aber dann bin ich noch nicht ganz abgestiegen und sage schon: Im nächsten Jahr bist du wieder dabei!"

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