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Deutschland

Jeder zweite Ostdeutsche war schon arbeitslos

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt gehörte und gehört zu den markantesten Trennlinien zwischen Ost- und Westdeutschland. Der Politologe Thorsten Faas über ein Phänomen, dessen Wirkungen noch immer unterschätzt werden.

Der Autor Thorsten Faas (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Thorsten Faas

Schon kurz nach der Wiedervereinigung nahm die Arbeitslosigkeit im Osten Ausmaße an, wie sie im Westen zuvor nicht bekannt waren. Und dennoch gilt: Arbeitslosigkeit ist ein unterschätztes Phänomen. Die von der Bundesagentur für Arbeit allmonatlich veröffentlichten Zahlen bilden nur einen kleinen Ausschnitt von dem Ausmaß ab, in dem Arbeitslosigkeit die Gesellschaft berührt. Massenarbeitslosigkeit gibt es in Westdeutschland seit der Ölkrise in den 1970-er Jahren. Im Januar 1975 waren erstmals seit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit wieder mehr als eine Million Arbeitslose zu verzeichnen.

Logo der Agentur für Arbeit auf einer Glastür (Foto: AP)

Anlaufstelle für Jobsuchende

Dem stand bis 1989 mit der DDR ein System gegenüber, das keine Arbeitslosigkeit kannte – und darauf stolz war. In der DDR herrschte Vollbeschäftigung – zumindest offiziell. Erst mit der Wiedervereinigung hielt das Phänomen offizieller Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern Einzug, dann allerdings mit einer zuvor nicht gekannten Vehemenz. Für den Psychologen Thomas Kieselbach war die Entwicklung des dortigen Arbeitsmarktes nach 1989 "ohne historische Präzedenzfälle". Die bislang höchste Arbeitslosenquote in Ostdeutschland war im Februar 2005 zu verzeichnen: 22,8 Prozent.

Mehr als die Summe der Betroffenen

Im Januar 2010 sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in Deutschland 3,62 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet – 2,47 Millionen in West- und 1,15 Millionen in Ostdeutschland. Das entspricht Quoten von 7,4 und 13,5 Prozent. Sich ausschließlich auf solche Kennzahlen zu konzentrieren, wird dem Phänomen der Arbeitslosigkeit allerdings nicht gerecht. Arbeitslosigkeit ist weitaus mehr als die Summe der zu einem Zeitpunkt betroffenen Personen.

Für einzelne Menschen ist Arbeitslosigkeit ein Prozess – sie werden arbeitslos, bleiben für einen mehr oder minder langen Zeitraum in der Arbeitslosigkeit, verlassen sie wieder, werden später vielleicht erneut arbeitslos. Eigene Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit sind daher in der Gesellschaft viel weiter verbreitet, als es die Zahl der aktuell Arbeitslosen vermuten lässt. Dies zeigt beispielsweise die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), die von den Befragten unter anderem wissen wollte, ob sie in den (vom jeweiligen Befragungszeitpunkt aus gesehen) zurückliegenden zehn Jahren einmal arbeitslos waren.

Infografik zur Arbeitslosigkeit in Ost und West (DW-Grafik)

Ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau unmittelbar nach der Einheit 1990 hat sich der Anteil der Menschen zwischen 31 und 65 Jahren, die selbst schon einmal Arbeitslosigkeit erfahren haben, binnen kürzester Zeit auf rund 50 Prozent in Ostdeutschland erhöht. Dagegen muten die Vergleichswerte für Westdeutschland, die in ihrer Spitze auch immerhin 25 Prozent erreichen, vergleichsweise bescheiden an (siehe Grafik).

Bleibende Narben

Nun könnte man einwenden, Betrachtungen, die auf längeren Zeiträumen basieren, seien übertrieben und überflüssig. Immerhin würden doch viele Menschen offenkundig die Arbeitslosigkeit erfolgreich wieder verlassen. Dabei vergisst man allerdings eines: Arbeitslosigkeitserfahrungen hinterlassen langfristige Narben. Dies gilt für die finanzielle Situation der Betroffenen, aber Studien zufolge auch für ihre persönliche Lebenszufriedenheit. Diese bleibt auch nach dem Ende der Arbeitslosigkeit geringer.

Zudem fordert Arbeitslosigkeit "Opfer-durch-Nähe" – auch eine Formel des Psychologen Kieselbach. Arbeitslosigkeit im eigenen Haushalt (etwa über die Eltern oder den Partner) oder im Freundeskreis zu erfahren, vergrößert die Reichweite von Arbeitslosigkeit in die Gesellschaft hinein nochmals erheblich. Umfragen zeigen, dass in den Hochzeiten der Arbeitslosigkeit drei von vier ostdeutschen Befragten sagen, dass ein ihnen "Nahestehender" von Arbeitslosigkeit betroffen sei.

Dies alles zeigt: Arbeitslosigkeit und ihre Folgen für den Einzelnen, aber auch die Gesellschaft insgesamt zu verstehen, erfordert einen umfassenden Blick auf das Phänomen. Der in der Öffentlichkeit dominierende Blick auf die aktuellen Zahlen und Quoten schränkt die Perspektive stark ein. So hoch die veröffentlichten Zahlen zur Arbeitslosigkeit in Deutschland - vor allen in den neuen Bundesländern - auch sein mögen, das wahre Ausmaß, in dem Arbeitslosigkeit die Bevölkerung betrifft und berührt, wird dabei unterschätzt.

Autor: Thorsten Faas
Redaktion: Manfred Böhm

Thorsten Faas, Foto: Faas


Thorsten Faas

, geboren 1975, ist Juniorprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim und forscht insbesondere zum Wählerverhalten. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören außerdem die Themen Wahlkämpfe und politische Folgen von Arbeitslosigkeit.



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