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Ostmitteleuropa

Jeder zehnte Pole muss auf sein Gehalt entweder warten oder verzichten

Warschau, 24.03.2003 POLITYKA, poln.

Jeder sechste Pole hat keine Arbeit und jeder zehnte bekommt seinen Lohn oder sein Gehalt mit Verspätung. (...) Die staatliche Arbeitskontrollbehörde (PIP) stellte im letzten Jahr bei 68 Prozent der untersuchen Arbeitgeber Verletzungen der Gesetzte über die Abrechnung und die Auszahlungsfristen von Löhnen und Gehältern fest. Im Jahr 1998 wurden diese Unregelmäßigkeiten bei jedem dritten Betrieb festegestellt.

Auch die gerichtlichen Statistiken bestätigen, dass dieses Problem immer größer wird: Im Jahre 2000 wurden über 80 000 Klagen wegen Nichtauszahlung von Löhnen und Gehältern bei den polnischen Amtsgerichten eingereicht. Im Jahre 2001 wuchs diese Zahl auf 167 000. Im vergangenen Jahr wurden aus diesem Grunde etwa 146 000 Anklagen erhoben. (...)

Auch das Hauptamt für Statistik (CBOS) führte Untersuchungen über "die Befolgung von Arbeitsrechten in den Betrieben und über die Effizienz der Gewerkschaften bei der Umsetzung dieser Gesetze" durch. Danach bekommen zehn Prozent der Beschäftigten entweder überhaupt keinen Lohn und kein Gehalt oder dies geschieht mit erheblichen Verspätungen. Jeder dritte Beschäftigte wird gezwungen, Überstunden zu machen, die nicht bezahlt werden.

Dieses Problem beschränkt sich aber nicht nur auf die Betroffenen und die Lage war noch nie so schlimm wie jetzt. (...)

Die Vertreter der Gewerkschaften sprechen offen über die Situation in den Betrieben, die bereits insolvent oder davon bedroht sind: "Die Menschen wollen aber keine Einmischung, sie möchten sich nicht verteidigen und die Möglichkeiten nicht ergreifen, die durch die Gewerkschaften geboten werden", stellt Bogdan Klepas, Leiter des Vorstandes der Gewerkschaft "S" in der Region Wielkopolska, fest.

Die Leiter der einzelnen Gewerkschaften in den Betrieben berichten zwar über die Probleme bei der Auszahlung von Löhnen und Gehältern, aber sie fordern gleichzeitig, diese nicht ans Tageslicht zu bringen. Sie haben Angst, dass solch eine Information die Gläubiger dazu bewegen könnte, die Gerichtsvollzieher zu schicken und alles zu beschlagnahmen sowie die Firmenkonten zu blockieren. Dies würde die Hoffnung auf die erwarteten Auszahlungen ihres Geldes ein für allemal zunichte machen. (...)

Die Lage im staatlichen Gesundheitswesen ist auch nicht besser: "Der Arbeitnehmer ist immer der Schwächste. Es ist am einfachsten, ihn nicht zu bezahlen und das Risiko auf ihn abzuwälzen, das mit einer wirtschaftlichen Tätigkeit immer verbunden ist", sagt Miroslaw Czapski, ein Bezirksarbeitsinspekteur aus Lodz, und fügt hinzu: "Manchmal sagt ein Arbeitnehmer, der von mir zu Zahlung von Busgeldern aufgefordert wird, dass seine wirtschaftliche Tätigkeit durch mich behindert werde. Ich antworte ihm dann: Stellen Sie sich mal vor, dass Sie nach einem Monat Arbeit zur Kasse gehen und Ihnen kein Geld ausbezahlt wird."

"Jemand, der eine termingerechte und volle Auszahlung der Löhne und Gehälter fordert, wird immer öfter als derjenige angesehen, der dem Betrieb schaden will. Es ist eine stillschweigende Einwilligung zur Nichtauszahlung von Löhnen und Gehältern entstanden", behauptet Zbigniew Kowalczyk vom Bezirksvorstand der Gewerkschaft "S" in Gdansk (Danzig - MD).

Das geduldige und schweigsame Warten auf die Auszahlung wird als "Verantwortung und Reife der Arbeitnehmer und der Gewerkschafter" bezeichnet. Oft bringt aber dieses Opfer keine Resultate, da ein Teil der Firmen aufgrund von schlechtem Management sowieso zur Insolvenz verurteilt ist. Außer einer großen Gruppe von Arbeitgebern, die keine Wahl haben und die entweder die Insolvenz anmelden müssen oder die fälligen Löhne und Gehälter auszahlen, gibt es eine Gruppe von Arbeitgebern, die diese Tendenz ausnutzen, weil sie entdeckt haben, dass die Arbeitnehmer als eine Quelle von billigen und nicht verzinsten Krediten dienen können.

"Nach der Beendigung unserer Kontrolle findet sich doch in vielen Betrieben das Geld für Löhne und Gehälter", bemerkt Bozena Walczak-Siwek, Arbeitsinspekteurin der Bezirksabteilung der Arbeitskontrollbehörde in Gdansk . Dank der Interventionen von PIP in der Region Gdansk wurden 16 Millionen Zloty (etwa vier Millionen Euro) an fälligen Löhnen und Gehältern ausgezahlt, d.h. 22, 2 Prozent der gesamten Gelder, auf die die betroffenen Arbeitnehmer warten. Den Arbeitsinspekteuren von Krakau gelang es sogar, die Arbeitgeber dazu zu bewegen, über 45 Millionen Zloty (etwa 11,15 Millionen Euro) an die Beschäftigten auszuzahlen. Diese Summe machte 89,3 Prozent der gesamten offenen Forderungen der insgesamt 105 000 Beschäftigten aus.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass die staatliche Arbeitskontrollbehörde nur fünf Prozent aller Firmen und Betriebe im Jahr kontrolliert. Die anderen Arbeitnehmer müssen sich also selbst helfen. (...) (Sta)

  • Datum 31.03.2003
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  • Permalink http://p.dw.com/p/3RgI
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