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Deutschland

"Jeder kennt den Hass"

Vor der US-Botschaft in Berlin haben Homosexuelle ihre Trauer für die Opfer von Orlando gezeigt. Ihnen ging der Angriff so nah, weil ihnen Hass im eigenen Alltag nicht fremd ist. Mit dabei ist Ron - er kennt den Tatort.

Als Ron Abraham am Tag danach aufgewacht ist, hat es ihn richtig gepackt. "Mir ist erst heute Morgen klar geworden, wie schlimm es ist." Jetzt hat er vor der amerikanischen Botschaft in Berlin im Nieselregen Blumen niedergelegt und wischt sich eine Träne weg. "It's a nightmare", sagt er und beschreibt seinen Albtraum. Ron Abraham ist Amerikaner. Er ist schwul. Er ist aus Orlando. Und er war schon oft im "Pulse". "Es ist ein Gay Club wie jeder andere in den USA. Es hätte uns alle, überall treffen können." Es hat über 100 Menschen getroffen - 50 sind tot, über 50 sind verletzt.

Lebt eigentlich in Orlando: Der US-Amerikaner Ron Abraham (links im Bild)

Lebt eigentlich in Orlando: Der US-Amerikaner Ron Abraham

Es war Glück, dass er nicht in Orlando war. Ron Abrahams Partner ist aus Berlin, gerade sind sie hier in Deutschland. Bald werden sie wieder in Orlando sein. Sie leben mal hier, mal dort. Jetzt steht Ron Abraham etwas abseits der Menschenmenge. Er trägt Turnschuhe, Shorts und einen Kapuzenpulli. Die Ohren sind gepierct, er hat einen grauen Bart. Traurig schaut er auf die Traube der rund 200 Trauernden. Ihr Mitgefühl freut ihn, aber überrascht ihn nicht. Er glaubt, dass Homosexuelle diese Tat noch stärker nachempfinden. "Jeder kennt den Hass auf Schwule, hat ihn schon im Alltag erlebt." So krass wie im "Pulse" hat ihn sicher noch keiner erlebt.

Als ob Terroristen aus Liebe handeln würden

Auch am Tag danach wird noch darüber spekuliert, ob der Täter ein islamistischer Terrorist oder ein Hasstäter war. Als ob Terroristen aus Liebe handeln würden und als ob der Islamismus nicht auch homophob wäre.

Auch Raffael sind die Motive nicht wichtig, aber für ihn steht fest: "Für uns Schwule ist es am schlimmsten." Raffael hält eine Fahne in der Hand. Die 50 Sterne sind alle drauf, aber statt der sieben roten und sechs weißen Streifen hat sie Regenbogenfarben. Raffael hatte es nicht weit - er arbeitet in der amerikanischen Botschaft, ist aber Israeli. Eigentlich war die Fahne auch für den CSD gedacht, den Christopher Street Day, sagt er. Seit vier Jahren ist die US-Botschaft bei der schwul-lesbischen Parade vertreten. Dieses Jahr wird die Stimmung eine andere sein.

Geschockte Grüne - zu Beginn der CSD-Saison

Das fürchten auch die Grünen, die mit dem gesamten Parteirat ans Brandenburger Tor gekommen sind. Jetzt stehen sie mit Blumen an der Gedenkstelle. Gestern hatte der homosexuelle Grüne Volker Beck noch bei Twitter seine Irritation über das Polizeiaufgebot bei einer Schwulen-Parade in Kiew ausgedrückt. Das war vor Orlando. Jetzt wird auch unter Grünen über Sicherheit diskutiert. Auch über die des Berliner CSD.

Becks Parteifreund Thomas Birk steht noch unter Schock. Er hat Blumen für alle mitgebracht. Drei Sträuße hält der queerpolitische Sprecher der Berliner Grünen in der Hand. "Ich hatte immer befürchtet, dass es zu so einer Hasstat kommt. Das ist niederschmetternd. Gerade jetzt, zu Beginn der CSD-Saison." Waffenkontrollen vor jedem Club wollen aber weder Birk noch die anderen. Hundertprozentige Sicherheit gebe es eben nicht.

"Angst ist ja das, was wir haben sollen"

Drag-Queen Clara: Angst ist nicht die Lösung (Foto: DW/F. v. d. Mark)

Drag-Queen Clara: "Angst ist nicht die Lösung"

Der Meinung ist auch Clara. Aus der Menge vor der amerikanischen Botschaft ragt sie schon allein durch ihre Größe heraus. Die Berliner Drag-Queen ist ganz in schwarz gekleidet. Aber nicht aus Trauer. "Das ist mein Style", sagt Clara. Auch sie hat schon viel Hass erlebt. Auch sie hat die Tat von Orlando tief getroffen. Aber verstecken, will sie sich deshalb nicht. "Angst ist nicht die Lösung. Das ist ja das, was wir haben sollen."

Ron Abraham aus Orlando kann Clara da nur zustimmen. Die Kraft zum Weiterleben ohne Angst zieht er auch aus der Wut. Wut über diejenigen, die, statt um die Opfer zu trauern, profitieren wollen von der Bluttat. Allen voran Donald Trump. Für ihn hat der Amerikaner nur Verachtung übrig. "Trump is the worst.", sagt er noch und verabschiedet sich. Es ist ein schlimmer Tag - auch für die schwul-lesbische Gemeinde in Berlin.