1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Jeder hat drei Wünsche frei

Einfach in ein Geschäft gehen, nehmen was das Herz begehrt - und nichts dafür bezahlen müssen. Im Kölner Umsonstladen wird dieser Traum zur Realität: Hier werden solche Geschenke nicht nur zur Weihnachtszeit gemacht.

Innenraum des Kölner Umsonstladens (Foto: Monika Griebeler/DW)

Im Umsonstladen geht Einkaufen ohne Geld

Es ist kalt und ungemütlich geworden draußen. Drinnen im Umsonstladen im Kölner Westen geht es dagegen herzlich her. Und laut. "Schau mal, das ist schön." - "Das wär was für meine Mutter." - "Ein Spielzeug. Du darfst dir ein Spielzeug aussuchen." Etwa zehn Menschen drängen sich in dem kleinen Raum. Die Holzdielen quietschen unter den Winterstiefeln. In den Regalen stapeln sich Herrenhemden, Wollpullover und Babystrampler. Es gibt eine Spielzeugecke und hinter der Tür stehen in hölzernen Trägern alte Wasser- und Biergläser, Glasschälchen und ein Kaffeeservice mit Blümchen.

Gebrauchtwaren finden neue Nutzer

Innenraum des Kölner Umsonstladens mit vielen Büchern (Foto: Monika Griebeler/DW)

Der Laden ist vollgepackt bis unter die Decke

Preisschilder gibt es hier nicht. Und auch keine Kassierer oder Ladendetektive. Alles ist umsonst, gratis, kostenlos. Hier wird verschenkt: "Einfach so, aus Freundlichkeit", sagt Heidi Rinkau und lacht. Seit zwei Jahren hilft die 62-Jährige im Umsonstladen mit. Das Prinzip ist einfach: Wer etwas braucht, nimmt es sich mit. Und wer etwas übrig hat, der kann es hier abgeben. "Eigentlich ist bei uns das ganze Jahr Weihnachten", meint Rinkau.

Etwa 50 solcher Umsonstläden gibt es in Deutschland, viele schon jahrelang. Der Kölner Laden existiert seit 2004. Konsumkritisch und antikapitalistisch soll die Philosophie sein. "Kauf das und du bist glücklich! Das stimmt nicht! Glücklichsein hat nichts mit Kommerz zu tun", sagt Rinkau und haut energisch mit der Hand auf den Tisch. Ihr geht es ums Schenken und Beschenktwerden. Allerdings gibt es Einschränkungen: Jeder darf maximal drei Teile mitnehmen. Angenommen wird alles, was noch ordentlich ist und nicht zu groß.

Durch die Krise kommen mehr Kunden

Vor dem Bücherregal neben dem Fenster steht eine ältere Frau. Um den Hals hat sie ein blaues Seidentuch gewickelt. Ihr Blick gleitet über die Buchrücken. "Tödlich willkommen" von John D. MacDonald aus dem Jahr 1991 steht da, "Der Klient" und "Der schwangere Mann", ebenfalls aus den 90ern, ein Stück weiter. Die Sammlung wirkt fast wie eine Mini-Ausgabe des "Friedhofs der Vergessenen Bücher" von Carlos Ruiz Zafón.

Kunden im Kölner Umsonstladen (Foto: Monika Griebeler/DW)

Besonders beliebt sind Kleidung, Bücher und Haushaltswaren.

"Ich bin sonst nicht so für gebrauchte Artikel", erzählt die Frau. Aber die Bücher hätten es ihr angetan. "Und ich muss sagen, durch meine Arbeitslosigkeit…" Der Rest des Satzes schwebt unausgesprochen im Raum. In der letzten Zeit sind immer mehr Leute in den Laden gekommen. Auch um Weihnachtsgeschenke zu finden. "Die Armut zieht weitere Kreise," beobachtet Rinkau. Und wer kaum Geld hat, der sei froh, etwas zu bekommen, ohne sich ausweisen oder rechtfertigen zu müssen.

Am Ende doch eine Frage des Geldes

Doch nicht nur Arbeitslose kommen in den Umsonstladen. Eine junge Mutter sucht mit ihrer Tochter zusammen ein Puzzle aus, ein Student schaut sich die Geschirrsammlung an und eine Büroangestellte legt den Pullover zusammen, den sie mitnehmen möchte. "Ich hab auch erst gedacht: Das sind nur Sozialhilfeempfänger oder Obdachlose", erzählt Rinkau. "Aber wir haben wirklich alles hier, vom Herrn Studienrat bis zur Klofrau." Drei Tage hat der Laden pro Woche geöffnet, jeweils zwei Stunden lang.

Spendenaufruf im Kölner Umsonstladen (Foto: Monika Griebeler/DW)

Ohne Spenden könnte der Umsonstladen seine Miete nicht zahlen

Gegen Ende der Öffnungszeit ist es deutlich ruhiger. Nur vereinzelt schauen Kunden noch rein. Die Frauen vom Laden haben es sich um den Tisch gemütlich gemacht. Auch sie hätten eigentlich drei Wünsche: einen größeren Laden, ein paar jüngere Leute, die mitmachen - und dass die Miete gesichert ist. Denn obwohl die Mitglieder des Umsonstladen anderen kostenlos etwas bieten, müssen sie selbst jeden Monat das Geld für die Miete zusammenkratzen - und durch Spenden sammeln. Heute beträgt die Ausbeute knapp zehn Euro. Viel ist das nicht. Und so geht es dann letztlich doch wieder ums Geld.

Autorin: Monika Griebeler

Redaktion: Annamaria Sigrist