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Europa

Jede Sekunde zählt

Nur sie können das Stimmengewirr in der EU entschlüsseln: die Dolmetscher. 23 Amtssprachen und den größten Dolmetscherdienst der Welt hat die EU. Eine der wenigen lettischen Dolmetscher ist Iveta Kantrima-Zelmene.

Die lettische EU-Dolmetscherin Iveta Kantrima-Zelmene bei der Arbeit in der Übersetzerkabine vor dem Mikrofon (Foto: DW)

Iveta Kantrima-Zelmene bei der Arbeit

Konzentriert sitzt Iveta Kantrima-Zelmene in der Übersetzerkabine und schaut durch die große Glasscheibe in den Presseraum. Unter ihren blonden Locken blitzt ein Kopfhörer hervor. Mit dem Stift macht sie sich zwischendurch Notizen. Als das rote Lämpchen am Mikrofon aufleuchtet, beginnt sie mit ruhiger Stimme die Pressekonferenz des EU-Kommissars Joaquin Almunia in ihre Muttersprache Lettisch zu übersetzen.

Der Druck ist groß

Anzeigetafel in rot-schwarz, auf der die Sprachen, in denen während einer Pressekonferenz übersetzt wurde, stehen (Foto: DW)

Auf diversen Kanälen kann man die verschiedenen Sprachen hören

Alle zehn bis 20 Minuten wechselt sie sich mit einer Kollegin ab. Denn es wird schnell anstrengend: zuhören, verstehen, übersetzen – und das alles gleichzeitig. Doch Kantrima-Zelmene kann sich keinen interessanteren Job vorstellen. "Kein Tag ist wie der andere", erzählt die 37-Jährige lächelnd in einer Pause. "Man weiß nie, was in der nächsten Stunde oder Minute passieren wird. Schließlich kann man nicht wissen, was die Leute sagen werden oder wie sich die Konferenz entwickeln wird. Man muss also immer bereit sein."

Wie ein Adrenalinstoß sei das. Doch viele halten diesem Druck nicht stand und so fallen Zweidrittel der Bewerber bereits durch den schwierigen Aufnahmetest durch. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist das Simultandolmetschen der stressigste Job der Welt nach dem Düsenjetfliegen.

Lettisch dringend gesucht

Bei den EU-Institutionen ist Iveta Kantrima-Zelmene eine von nur 27 fest angestellten lettischen Dolmetschern. Lettisch ist hier eine der so genannten "kleinen" Sprachen. Denn in dem osteuropäischen Land leben nur knapp zweieinhalb Millionen Menschen. Mit dem Beitritt Lettlands in die EU im Mai 2004 ging auch für die 37-Jährige die Arbeit richtig los. "Mein erster Tag war so interessant und überwältigend: das Stimmengewirr der 24 Amtssprachen", erinnert sie sich. "Für mich ist da ein Traum wahr geworden."

Dabei hatte die EU jahrelang Schwierigkeiten, genug lettische Dolmetscher zu finden. Das hat vor allem geschichtliche Gründe, denn Lettland war, als es noch zu der Sowjetunion gehörte, ein relativ abgeschlossenes Land.

Wer spricht was, wann und wo

Blick auf die Übersetzerkabine der lettischen EU-Dolmetscherin Iveta Kantrime-Zelmene in Brüssel (Foto: DW)

Oben in den Dolmetscherkabinen arbeitet Iveta Kantrima-Zelmene

Aufgeregt sei sie beim Simultandolmetschen auch nach all den Jahren manchmal noch, gibt Kantrima-Zelmene zu. Vor allem, wenn sie vom Lettischen ins Englische übersetzen muss. "Wenn ein Delegierter sich zu Wort meldet, ist man die einzige, die ihn versteht und seine Aussage in eine andere Sprache übersetzen kann", gibt sie zu bedenken. "Wenn ich es falsch verstehe, wird es jeder falsch verstehen. Deshalb trage ich eine große Verantwortung. Und es ist stressig."

So wird beim Relais-Dolmetschen von einer "kleinen" in eine weit verbreitete Sprache, wie Englisch, übersetzt. Das Englische wird dann weiter gedolmetscht in andere Sprachen. Die Einsatzpläne für die Dolmetscher müssen also je nach Sprachkenntnissen mühsam ausgetüftelt werden. Schließlich gibt es 552 mögliche Sprachkombinationen bei der EU.

Jedem eine Stimme geben

Die Hände der lettische EU-Dolmetscherin Kantrima-Zelmene beim Notizen machen (Foto: DW)

Notizen sind das A und O beim Dolmetschen

Um eine gute Vorbereitung, kommt kein Simultandolmetscher herum. Geht es bei einer Sitzung um Fischereiabkommen, heißt das: am Abend vorher Fischarten auswendig lernen. Schließlich hat man nur ein, zwei Sekunden Zeit, um auf das richtige Wort zu kommen. Und auch auf Zwischentöne komme es an, sagt Kantrima-Zelmene. "Wenn man eine Redensart oder einen Witz gut übersetzt hat, so dass die Abgeordneten lachen, dann denkt man: 'Ja, ich habe es richtig gemacht.'" Hin und wieder kommen die Abgeordneten nach einer Sitzung sogar in die Übersetzerkabine und bedanken sich. "Das freut mich besonders", erzählt die lettische Dolmetscherin.

Für sie war es ein langer Weg – von der lettischen Hauptstadt Riga nach Brüssel. Dort wartete mit einem Einstiegsgehalt von rund 4000 Euro brutto auch finanzielle Sicherheit. Vor allem aber hat sie ihre Eltern stolz gemacht. "Sie sind darüber erstaunt, wie weit ich es geschafft habe", sagt Iveta Kantrima-Zelmene. "Sie haben noch nicht einmal einen Universitätsabschluss. Mein Erfolg bedeutet ihnen viel." Dann rückt sie das Mikrofon zurecht. Gleich wird sie wieder Simultandolmetschen - und dafür sorgen, dass sich die Menschen aus den 28 EU-Ländern in Brüssel auch untereinander verstehen.

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