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Filme

Jean-Luc Godard: Europas Gewissen des Kinos

Noch immer sorgt der Regisseur für Gesprächsstoff. Zu seinem 80. Geburtstag wurde er überall gepriesen - aber bis heute ist er das Enfant terrible der Branche. Ein Buch versucht sein Werk zu erklären.

Die großen Feuilletons in Deutschland haben ihn gerade allesamt als einen der wichtigsten Filmemacher des Jahrhunderts gewürdigt. Sogar Hollywood verlieh ihm einen Oscar für das Lebenswerk. Hat also die Filmwelt ihren Frieden geschlossen mit Jean-Luc Godard? Mitnichten. Der in der Schweiz lebende Filmkünstler ist umstritten wie eh und je. Seine Filme laufen - wenn sie denn überhaupt noch öffentlich zu sehen sind - vor halbleeren Rängen. Godard wird in der Presse wegen angeblich antisemitischer Äußerungen scharf kritisiert. Und dass der Regisseur nicht nach Hollywood reiste, um seinen Oscar abzuholen ("Würden Sie so weit für ein Stück Metall reisen?") und damit manchen vor den Kopf stieß, bestätigte viele nur in ihren Urteilen.

So ist es unbedingt zu begrüßen, dass auf dem deutschsprachigen Markt wieder eine aktuelle Abhandlung zu Godard erschienen ist, die sich diesem so widersprüchlichen Künstler widmet. Eigentlich erstaunlich: Godard wird von vielen als bedeutendster lebender Regisseur des Kinos angesehen, Bücher über ihn sucht man aber fast vergeblich - zumindest in Deutschland. Mit Godard lässt sich eben kein Geld verdienen - das gilt für seine Filme, und wohl auch für das Schreiben über Godard. Zudem ist das Werk des Regisseurs natürlich auch ein immer wieder schwer zu entschlüsselndes Rätsel.

Widerspruch gehört zum Werk...

Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg in einer Szene aus 'Außer Atem' (Foto: akg-images)

Berühmtes Filmpaar: Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg in "Außer Atem"

Der nun vorliegende Band über Godard, in der verdienstvollen Reihe "Film-Konzepte" der "edition text und kritik" erschienen, ist denn auch nicht das große Buch über Regisseur und Werk, auf das wir in Deutschland noch weiter warten müssen. Es versammelt vielmehr kurze, komprimierte Aufsätze zu einzelnen Werkaspekten. Godard und das Thema Krieg etwa wird behandelt, seine Beziehung zu seinen Filmfiguren, den Frauen vor allem. Der Einsatz von Musik in seinen Filmen, sein schwieriges Verhältnis zum amerikanischen Genrekino - all das wird von den Autorinnen und Autoren des Bandes mit viel Sachkenntnis analysiert.

Bei Godard gehört der Widerspruch zum Werk - ein Widerspruch, der sich meist nicht auflösen lässt. Das wird auch in vielen Deutungen der Autoren des Bandes offensichtlich. "Die Bilder bei Godard sind Wahrheit und Offenbarung und verschließendes Geheimnis zugleich", schreibt etwa Josef Rauscher über die monumentale Filmgeschichte des Regisseurs "Histoire(s) du cinéma", in der dieser vor ein paar Jahren versucht hat, eine andere, eine alternative Geschichte des Kinos, bestehend aus Bildern und Tönen, aus Satzfragmenten und filmischen Mosaiksteinchen zu erzählen.

...und zur Künstlerpersönlichkeit Godard

Anna Karina in 'Made in U.S.A' (Foto: Kinowelt/Arthaus)

Faszinierende Frauenfiguren: Anna Karina in "Made in U.S.A"

Man muss sich Godard als zutiefst widersprüchliche Künstlerpersönlichkeit vorstellen, immer zerrissen zwischen der Liebe zum Kino sowie dem Genrefilm und dem Versuch, diese Liebe im gleichen Moment wieder zu zerstören, in Frage zu stellen. Gleich mehrere Brüche in seiner Biografie konnte man registrieren. Die markantesten waren sicherlich Mitte der 1960er Jahre und 1980 auszumachen: 1967 kam Godards Film "La Chinoise" in die Kinos. Damit "beginnt der Hass über die Liebe zu triumphieren, der Film markiert für Jahre die Abkehr Godards vom spielerischen Umgang mit generischen Traditionen". 1980 sei ein Markstein in seiner Biografie, weil er in diesem Jahr zur großen Leinwand zurückgekehrt sei. Die einzelnen Autoren versuchen sich diesen Brüchen und Widersprüchen Godard von verschiedenen Seiten zu nähern, sie ein wenig aufzuhellen. Das große Rätsel Godard bleibt freilich auch nach Lektüre des Buches.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Gabriela Schaaf

Filmkonzepte 20: Jean-Luc Godard, hrsg. von Thomas Koebner und Fabienne Liptay, edition text+kritik 2010/11, 118 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-86916-071-9.

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