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Deutschland

"Je mehr Austausch, desto besser"

Die Münchner Sicherheitskonferenz schafft einen Rahmen, in dem informelle Begegnungen zwischen schwierigen Partnern möglich werden. Das braucht die Welt in schwieriger Zeit, sagt SIPRI-Chef Dan Smith im DW-Interview.

Deutsche Welle: Als gäbe es nicht schon genug Konferenzen, Gipfeltreffen und Diskussionsforen wie G7, G20 oder auch große UN-Konferenzen wie zuletzt die Klimakonferenz in Paris, gibt es auch noch privat organisierte Konferenzen. Zur Münchner Sicherheitskonferenz kommen in diesem Jahr fast 30 Staats- und Regierungschefs, fast 70 Außen- und Verteidigungsminister und fünf Direktoren von Nachrichtendiensten. Warum kommen die nach München?

Dan Smith: Der Reiz kleinerer Treffen wie der Münchner Sicherheitskonferenz liegt darin, dass die Leute sich in einem weniger formalen Rahmen austauschen können - ohne den Zwang, ein Kommuniqué veröffentlichen zu müssen wie etwa am Ende eines G7- oder G20-Gipfels. Das bietet den Teilnehmern mehr Freiheit für vertrauliche Begegnungen und Austausch jenseits des Protokolls. Auf der anderen Seite: Je größer und hochrangiger besetzt auch diese Konferenzen werden, je stärker sie von den Medien wahrgenommen werden, umso mehr besteht die Gefahr, dass sie bloß noch Übungen in konkurrierender Öffentlichkeitsarbeit werden.

SIPRI Direktor Dan Smith (Foto: SIPRI)

Auch in München dabei: Dan Smith

Wir leben im digitalen, im Informationszeitalter. Wie wichtig sind Treffen wie das in München denn heutzutage noch, um zu wissen, wie die anderen Parteien denken?

In dieser Hinsicht sind die großen Podien weniger bedeutend als die kleinen Treffen unter "Chatham House"-Regeln mit einer begrenzten Anzahl von Leuten oder auch die Gelegenheiten zum informellen, direkten Austausch. Auch im digitalen Zeitalter gibt es keinen Ersatz für Treffen von Angesicht zu Angesicht - das gilt für jede Form von diplomatischen Prozessen oder Verhandlungsprozessen. Auch wenn unsere Kommunikationsmittel technisch noch so fortschrittlich werden mögen, wir werden immer echte Treffen zwischen den handelnden Personen brauchen.

Aus Russland kommen in diesem Jahr gleich zwei hochrangige Politiker nach München: Ministerpräsident Dmitri Medwedew und Außenminister Sergej Lawrow. Zeichnet sich da eine außenpolitische Offensive Russlands ab?

Russland hat immer großen Wert darauf gelegt, für seine außenpolitischen Perspektiven zu werben. Und mit all den Entscheidungsträgern und Meinungsmachern vor Ort bietet die Münchner Sicherheitskonferenz dafür eine Plattform, der die Russen nur schwerlich widerstehen können. Offensichtlich gibt es sowohl in Russland wie auch im Westen große Sorgen über die dramatische Verschlechterung der Beziehungen zwischen beiden Seiten während der letzten drei Jahre. Und wie auch immer man das analysiert, welche Punkte auch immer jede Seite zur Untermauerung ihrer Position anführt - je mehr Austausch, je mehr Kontakt es gibt, desto besser. Deshalb werte ich das als ein positives Zeichen.

In München werden auch hochrangige Beamte aus dem Iran, aus Saudi-Arabien, aus Ägypten und dem Irak erwartet. Könnte in München Schwung generiert werden für eine Verbesserung der Lage in Syrien?

Das ist eine hochspekulative Frage. Aber wenn ich mich auf die Spekulation einlasse, würde ich sagen: Saudi-Arabien und der Iran sind noch nicht an dem Punkt, an dem formelle Kontakte zwischen beiden Regierungen möglich sind. Aber es gibt da immer eine stille Diplomatie im Hintergrund - und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Länder oder Regierungen, die mit den beiden Antagonisten assoziiert sind, Saudi-Arabien und den Iran ermutigen, informelle Kontakte zu knüpfen.

Der Titel der Konferenz ist ziemlich duster: "Grenzenlose Krisen, Rücksichtslose Zerstörer, Hilflose Beschützer" ("Boundless Crisis, Reckless Spoilers, Helpless Guardians"). Die Münchner Sicherheitskonferenz hätte schwerlich einen pessimistischeren Titel finden können. Wenn schon die Sicherheitsexperten ihre Konferenz so nennen: Wie weit sind wir vom Abgleiten der Welt ins Chaos entfernt?

Ich glaube und ich hoffe, dieser Titel wurde für die Konferenz gewählt, damit die politischen Führer auf allen Seiten der verschiedenen Konflikte erkennen, dass sie an einem Prozess beteiligt sind, der enorme Risiken für die Zukunft birgt. Der Wandel in den Machtstrukturen der Welt während der letzten eineinhalb Jahrzehnte hat eine Situation geschaffen, in der internationale Führer Probleme haben, ihre Beziehungen in problemlösender Weise zu verwalten. Ich hoffe, der Konferenztitel ist als Weckruf gemeint. Meiner Meinung nach sind wir noch nicht an einem Punkt, an dem der Titel eine akkurate Beschreibung der heutigen Welt ist. Aber Elemente davon sind da: Wenn auch nicht grenzenlose Krisen, so doch sich überschneidende Krisen. Und da sind rücksichtlose Zerstörer. Aber da sind auch Beschützer, die etwas unternehmen um den Frieden zu erhalten und die Dinge besser im Gleichgewicht zu halten. Wir stehen noch nicht am Abgrund. Aber man sollte sich darüber klar sein: Wenn wir es nicht schaffen, einige der großen Krisen in den Griff zu bekommen, dann könnte diese Titel in einigen Jahren passen.

Dan Smith ist Direktor des schwedischen Friedensforschungsinstituts SIPRI.

Das Interview führte Matthias von Hein.

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