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Musik

Jazzfest Berlin: Geschichte trifft auf Avantgarde

Zum ersten Mal leitete der Publizist Bert Noglik das traditionsreiche Festival. Er zeigte Traditionslinien und aktuelle Spielarten und vor allem lud er Musiker ein, eigene Projekte zu entwickeln.

Mit einer Hommage an die in Vergessenheit geratene deutsche Jazzpianistin Jutta Hipp begann das Jazzfest Berlin 2012. Ihr Zuhause war der Swing. In den fünfziger Jahren ging die junge Leipzigerin nach New York. Dort wurde ihr der Hardbop-Stil des Pianisten Horace Silver zum Vorbild. Doch Jutta Hipp scheiterte am Druck der Musikbranche, an schrecklichem Lampenfieber und an ihrer Alkoholsucht. Nach zehn Jahren Präsenz im Jazz rettete Jutta Hipp sich mit Mitte 20 in ein Leben als Fabriknäherin auf Long Island. Nach Deutschland kam sie nie wieder zurück, verstarb 2003 an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

 "Remembering Jutta Hipp"

Klarinettist Rolf Kühn (rechts) und Joe Lovano (Foto: Grzegorz Drygala)

Klarinettist Rolf Kühn (rechts) und Gast Joe Lovano legen sich für Jutta Hipp ins Zeug

In Berlin nahm sich die träumerisch-schwermütig spielende Jazzpianistin Julia Hülsmann der Musik von Jutta Hipp an. Die 43-Jährige traf auf den 83-jährigen Klarinettisten Rolf Kühn. Er verdankt seine Jazzkarriere Jutta Hipp, weil sie ihm 1947 in Leipzig das erste Mal eine Platte von Benny Goodman vorgespielt hatte.

Mit einem speziell zusammengestellten Ensemble um den New Yorker Tenorsaxophonisten Joe Lovano spielten sie Originale der Hipp. Aus alten Aufnahmen zauberten sie neue, eigene Kompositionen.  

"Songs for Kommeno"

Ein Projekt mit politischer Note entstand aus unmittelbarer Betroffenheit. Der Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer hatte bei einem Festival im kleinen griechischen Dorf Kommeno auftreten sollen, als er 2008 erfuhr, dass dort im August 1943 bei einem Massaker 317 Kinder, Frauen und Männer von einer deutschen Gebirgsjägereinheit ermordet worden waren. "Ich bin kein Politiker, ich bin Musiker. Deshalb entschied ich mich, ein musikalisches Projekt zu entwickeln, das den Namen des Dorfes Kommeno und die Erinnerung an das Leid der Opfer in den Mittelpunkt rückt", erläuterte Günter "Baby" Sommer der Deutschen Welle.

Günter Baby“ Sommer (Foto: Grzegorz Drygala)

Günter "Baby“ Sommer erinnert an das Massaker von Kommeno

Mit griechischen Musikerfreunden, etwa der fantastischen Sängerin Savina Yannatou, entwickelte Sommer ein berührendes Klangerlebnis in Demut: Glocken begleiteten den Klagegesang einer Dorfbewohnerin, eine türkische Trommelgeige ließ böse Erinnerungen erwachen. Aber als das Schlagzeug am Ende die "Songs for Kommeno" mit schwungvollem Elan in die Gegenwart zog, richtete Sommer den Ausblick auf ein friedliches Miteinander in Kommeno heute. 

Folklore und Free Jazz

Häufig traf beim diesjährigen Jazzfest Berlin Geschichte auf Avantgarde. Der studierte Bassklarinettist Michel Portal aus Frankreich etwa brachte mit Schlagzeuger Daniel Humair und Bassist Bruno Chevillon eine All Star-Band nach Berlin. Ein zweiter Bandleader aus Frankreich, Saxofonist und Klarinettist Louis Sclavis, kam dazu. Und schon traf Folklore auf Free Jazz. Technische Perfektion verband sich mit Fantasie in großartigem Zusammenspiel.  

Michel Portal (Foto: Grzegorz Drygala)

Michel Portal an der Bassklarinette

Doch es waren die Musikerinnen und Musiker, die das Improvisieren nicht auf dem College, sondern auf der Straße und in den Clubs gelernt hatten, die mit ihrer Improvisationskunst am meisten faszinierten. Die Pianistin Geri Allen trat selbstbewusst ins Scheinwerferlicht. Sie wollte Jazz mit Stepptanz verbinden.

Doch Tänzer Maurice Chestnut war wegen Hurrikan Sandy nicht gekommen. Als Ersatz stieß Saxofonist Joe Lovano zum traumhaft eingespielten Trio. Beim spontanen Charlie Parker-Standard ließ Geri Allen dem Tenor die lange Leine, hielt seinen Übermut nur gelegentlich mit starken rhythmischen Peitschenhieben im Zaum, antwortete dann selbst mit eleganten, atemberaubend schnellen Soli. Tradition bedarf der Erneuerung, wenn sie lebendig bleiben will? Hier war der Beweis.

Ekstase im Hier und Jetzt

"Ich glaube nicht, dass zeitgenössische Musik immer für Fortschritt stehen muss. Das verlangen wir ja von anderen Künsten auch nicht. Gerade im Jazz gibt es eine Qualität des Hier und Jetzt, des Ekstatischen im Moment des Musizierens, eine Aura von Zeitlosigkeit", sagte Bert Noglik.

Der neue künstlerische Leiter hat einen Anfang gemacht. In den nächsten Jahren will Bert Noglik weiter auf Bewährtes setzen und Neues ermöglichen. "Keine Tourneeprogramme - ich möchte weiterhin Spezielles präsentieren, das man andernorts nicht sieht", betonte er. "Was das im Einzelnen sein wird, kann nur die Zeit zeigen."