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Musik

Jazz-Legende Paul Kuhn ist tot

Der Mann am Klavier spielt nicht mehr: Der Pianist, Sänger und Bandleader Paul Kuhn ist mit 85 während eines Kuraufenthaltes gestorben. Erinnerungen an einen außergewöhnlichen und bis zuletzt aktiven Musiker.

Oktober 1972. Paul Kuhn und die SFB-Bigband sind zu Gast in der damaligen UdSSR, um drei Konzerte zu spielen. Nach dem Soundcheck in Moskau sitzt die Band in der Kantine. Sie lauschen den russischen Begrüßungsworten auf der Bühne. Alle warten auf das Stichwort für ihren Auftritt. Womit die Band jedoch nicht rechnet: Im Russischen werden auch Eigennamen dekliniert. Und im Akkustativ wird Paul Kuhn dann phonetisch zu "Paulakuhna". Die Folge: Das Stichwort versteckt sich im Redeschwall. Schließlich wird die Band auf die Bühne geholt und der gelassene Paul Kuhn gibt mit seinen Musikern ein umjubeltes Konzert - erinnerte sich einmal Rolf Römer, damals Saxophonist in der Band.

Paul Kuhn mit der SFB-Bigband 1976 in Montreux (Foto: picture-alliance/Keystone)

1976 - Paul Kuhn mit der Bigband des SFB


Paulchen und die Gelassenheit

Eine gehörige Portion Gelassenheit brauchte der "Mann am Klavier", wie Paul Kuhn auch genannt wurde, immer wieder in seinem bewegten Leben. Als Akkordeon spielendes Wunderkind trat er im zarten Alter von acht Jahren auf der Funkausstellung in Berlin auf und entdeckte 1942 seine Liebe zum Jazz, als er das Glenn-Miller-Orchester im Radioprogramm der BBC hörte. In der Nazi-Zeit war das Hören von so genannten "Feindsendern" verboten und der amerikanische Jazz galt sogar als "entartete Musik". Paulchen - schon immer so genannt wegen seiner Körpergröße - machte das Beste aus der Situation und schaffte den Spagat zwischen dem Jazz-Fan und dem Unterhalter für deutsche Truppen in Frankreich - sicherlich mit Musik, die nicht nach Jazz klang.

Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte der Wiesbadener beim US-Radio AFN und in den Clubs der US-Armee als Jazzpianist seiner Leidenschaft nachgehen. Die GIs waren begeistert vom swingenden Spiel des jungen Deutschen. Die US-amerikanischen Pianisten Art Tatum und George Shearing zählten zu seinen Vorbildern. Das hörte man seinem Spiel an und genau das war das Geheimnis seines Erfolges beim Publikum.

Paulchen, der Jazz und der Schlager

Ein Jazzmusiker im Deutschland der 1950er und 60er Jahre hatte das Problem, dass er allein von Auftritten für die Alliierten nicht satt werden konnte. In der Zeit des Wirtschaftswunders und stetig steigender Konjunktur konnten und wollten sich die Deutschen wieder etwas leisten: Deftiges Essen nach den Hungerjahren des Krieges, Autos und Reisen taten der kranken Seele gut.

Ein Stimmungslied wie "Der Mann am Klavier" mit der Textzeile "Geben Sie dem Mann am Klavier noch ein Bier", das Paul Kuhn 1954 aufgenommen hat, passte ideal in diese Zeit und verkaufte sich rund 250.000 Mal. Auch der Schlager "Es gibt kein Bier auf Hawaii" aus dem Jahr 1963 wurde ein Verkaufshit und ebenso zu Kuhns Markenzeichen wie seine Zahnlücke. Auch als Schlagerproduzent machte er sich einen Namen mit jungen Künstlern wie Ralf Bendix, Rocco Granata und Howard Carpendale.

Paul Kuhn zusammen mit den Geigern Lonzo (li.) und Helmut (re) Die Sendung mit Paul, (Foto: picture-alliance/Keystone)

1976 - "Die Sendung mit Paul" und den Geigern Lonzo und Helmut Zacharias


Vor einigen Jahren sagte der Jazzer Kuhn in einem Gespräch mit der Online-Ausgabe der Tageszeitung "Die Welt", es wäre ihm nicht peinlich gewesen, Schlager gesungen zu haben. Sein damaliger Produzent fragte ihn, ob er einen Schallplattenvertrag haben wolle. Paulchen sagte sofort ja und erfuhr, dass er deutsch singen müsse - was er mit den Worten "Ach, schade!" kommentierte. Heute würde er so etwas nicht mehr machen, sagt er. Doch seine Schlagererfolge öffneten ihm damals auch die Türen zum jungen deutschen Fernsehen.

Paulchen, die Bigband und das Fernsehen

"Mein eigentliches Instrument ist die Bigband", sagte Paul Kuhn einmal, der außer als Pianist auch als Arrangeur tätig war. 1968 nahm er ein überaus reizvolles Angebot des SFB (Sender Freies Berlin) an und wurde für zwölf glanzvolle Jahre Chef der öffentlich-rechtlichen Bigband in Berlin, was nicht gleichzeitig eine Festanstellung bedeutete. Alle waren freie Mitarbeiter des Senders, was später einen entscheidenden Nachteil haben sollte. Count Basie war für den Arrangeur und Orchesterleiter die Basis seiner Arbeit. Und das bedeutete Swing-Musik. In seiner Dankesrede für den Musikpreis ECHO in der Kategorie "Lebenswerk" erklärte Paul Kuhn vor drei Jahren: "Selbst bei meinen 'populären Ausflügen' galt für mich immer das Motto "It don't mean a thing if it ain't got that swing".

Mit Swing im Blut avancierte die SFB-Bigband mit ihren Top-Musikern in kurzer Zeit zum perfekten musikalischen Botschafter Berlins und erspielte sich und der geteilten Stadt weltweit höchste Anerkennung. Der SFB hatte Paul Kuhn drei Fernseh-Shows pro Jahr vertraglich zugesichert. Darunter die Straßenfeger "Pauls Party" und die "Gong Show". Hinzu kamen erfolgreiche Auftritte bei Gala-Veranstaltungen wie "Abend der Schallplatte" mit internationalen Stars. Der überaus telegene Paul und die Band waren durch die Fernsehsendungen auf dem Höhepunkt ihrer Popularität angelangt.

Paulchen, das SFB-Aus und die Finanzen

Zeiten und Geschmäcker ändern sich. Ende der 1970er Jahre wurden die Pop- und Rock-Bands immer beliebter. Für Swing-Bigbands schien die Zeit vorbei zu sein. Der SFB erkannte diese Zeichen und beendete die Zusammenarbeit mit seinen "freien Mitarbeitern". Paul Kuhn sah das als "Rauswurf" an. Paulchen ging schwer enttäuscht nach Köln und gründete seine eigene Bigband, mit der er viele Galas spielte und eine Reihe von Stars auf Tourneen begleitete wie beispielsweise Peter Alexander. Mit dabei waren auch die "Ute Mann Singers", geleitet von seiner Ehefrau Ute.

Der Entertainer Paul Kuhn, hier mit seiner dritten Frau Ute Mann, feierte 1998 seinen 70. Geburtstag (12.03.1928) mit einer Gala im Berliner Friedrichstadtpalast, die (Foto: Klaus Winkler)

Ute und Paul bei einer Gala zu seinem 70. Geburtstag


Große Künstler sind selten auch gute Geschäftsleute. Auch bei Paulchen war das so - und wahrscheinlich auch bei seiner Frau Ute. Er hat in den 1980er Jahren viel Geld verdient und - wie das Finanzamt ermittelte - viel zu wenig Steuern bezahlt. Die Medien berichteten damals von einer Million D-Mark Steuerschulden - 250 Tausend sollen es schließlich gewesen sein. Immerhin blieb ihm sein Flügel, mit dem er über die nächsten Jahre hinweg den Schuldenberg abarbeiten konnte.

Paulchen, das Trio und The Best

Die Musiker Hugo Strasser (l-r), Paul Kuhn und Max Greger zeigen sich gut gelaunt zur Vorstellung ihrer Tour Best of Swing Legenden im Friedrichstadtpalast (Foto: Jens Kalaene/ dpa)

Paul Kuhn, Hugo Strasser und Max Greger

Anfang der 1990er Jahre habe er sich einen Traum erfüllt, erzählte der inzwischen fast erblindete Paul Kuhn der Deutschen Presseagentur. Mit seinem Leib-Drummer Willy Ketzer war er seitdem im Trio unterwegs. Mit dem Saxophonisten Max Greger und dem Klarinettisten Hugo Strasser tourte er bis vor zwei Jahren als "Jazz-Legenden" sehr erfolgreich durch die Konzertsäle.

Im diesem November wollte der seit Jahren von Krankheiten gezeichnete Paul Kuhn bei den Leverkusener Jazztagen auftreten. Wie in Agenturen zu lesen war, werde die Trauerfeier im engsten Familien- und Freundeskreis stattfinden.

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