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Asien

Japans vergessene Geschichte

Während in Korea die Erinnerung an die Kolonialvergangenheit wach gehalten wird, spielt sie im öffentlichen Leben in Japan kaum eine Rolle. Dort gedenkt man eher der japanischen Opfer des zweiten Weltkriegs.

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In Japan äußerst beliebt - koreanische Popstars

Wenn man in Tokio im Stadtteil Shin Okubo aus dem Zug steigt, findet man sich in einer Art Klein-Seoul der japanischen Hauptstadt wieder. In den Videotheken stehen koreanische Filme im Regal. Die Restaurants kochen koreanische Gerichte. Und aus vielen Geschäften ist schon auf der Straße die Musik koreanischer Popstars zu hören. Seit einigen Jahren ist das Koreaner-Viertel auch bei japanischen Mädchen und Frauen beliebt, denn koreanische Schauspieler haben die Herzen vieler Japanerinnen erobert. Seither boomt in Japan die koreanische Kultur.

Korea-Boom in Japan

Koreaner in Japan 2

Eine der wichtigsten Gedenkstätten in Japan: Der umstrittene Yasukuni-Schrein in Tokio

Das Interesse an der Popkultur führt dazu, dass sich immer mehr Japaner auch für die Sprache des Nachbarlandes interessieren. Hiromi Kagi etwa ist Ende zwanzig, sie lernt seit sechs Jahren Koreanisch und einmal ist sie auch schon nach Korea gereist. Über die geschichtlichen Beziehungen zwischen Japan und Korea weiß sie jedoch kaum etwas. Es interessiert sie auch nicht sonderlich. "In der Schule habe ich nur wenig über Korea gelernt, der Lehrer hat dafür keine Zeit gehabt", sagt Hiromi Kagi. "Aber ich als ich in Korea war, habe ich gemerkt, dass die Leute dort viel mehr über die Geschichte und über die Kolonialzeit wissen als wir Japaner. Ich persönlich interessiere mich mehr fürs Kochen, ich mag koreanisches Essen. Naja, und eigentlich rede ich auch mit meinen koreanischen Freunden nicht so viel über Politik oder über Geschichte. Wir reden eher über Musik, Computer-Spiele, oder was im Fernsehen läuft."

Jüngere Geschichte kaum Thema im Unterricht

Koreaner in Japan 2

Auch koreanisches Essen ist in Japan sehr beliebt

So wie Hiromi Kagi geht es vielen Japanern. Dass Japan zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das koreanische Nachbarland kolonialisiert und teilweise hart unterdrückt hat, ist vielen Japanern beinahe unbekannt. Weil sie in der Schule darüber nur wenig erfahren. Japans Geschichtslehrer klagen immer wieder: Sie müssten so viel Stoff vermitteln und schafften es deswegen nicht, am Jahresende auch noch die Ereignisse im 20. Jahrhundert unterzubringen. Selbst den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima haben junge Japaner nicht parat, erzählt Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio: "Ich habe sehr viele Studenten getroffen, die zum Beispiel nicht wissen, wer die Bombe über Hiroshima abgeworfen hat. Unglaublich! Da kommt dann nur 'mmh, das war leider in der Woche vor den Prüfungen.'"

Hinzu kommt, dass es in Japan kaum Gedenkstätten gibt, die an die Gräueltaten erinnern, die Japan begangen hat. "Die Gedenkstättenlandschaft in Japan ist ein wenig problematisch, weil sie sehr stark von der Politik geprägt wurde", sagt Sven Saaler, Professor für japanische Geschichte an der Sophia-Universität in Tokio. "Und in der japanischen Politik gibt es eine starke Richtung, die eine fast beschönigende Sicht des Krieges vertritt."

Die Kriegsverbrechen fanden außerhalb Japans statt

Trostfrauen protestieren gegen Koizumi

Die Verbrechen geschahen außerhalb: Ehemalige "Trostfrauen" demonstrieren in Seoul.

Viele Gedenkstätten erinnerten zwar an die japanischen Opfer des Krieges. Aber fast nie stünden diejenigen im Mittelpunkt, die unter Japan zu leiden hatten, sagt Saaler: "Der Grund dafür ist, dass anders als in Deutschland praktisch keine Kriegsverbrechen in Japan selbst begangen wurden, dass es also solche authentischen Stellen des Terrors und der Kriegsverbrechen in Japan nicht gibt. "Korea und China werfen Japan regelmäßig vor, seine Vergangenheit zu verdrängen und sich bis heute nicht ernsthaft entschuldigt zu haben. Doch Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio, will sich diesen Vorwürfen nicht anschließen. Japanische Politiker hätten sich wiederholt bei ihren asiatischen Nachbarn entschuldigt, sagt er. Das Problem sei aber, dass national gesinnte japanische Politiker diese Entschuldigungen anschließend jedes Mal mit provozierenden Äußerungen relativiert hätten. Deswegen wirke Japan beim Thema Aufarbeitung wankelmütig.

Wer sich schämt, der schweigt

Und noch ein anderer Aspekt spiele beim Thema Aufarbeitung eine Rolle, erklärt Florian Coulmas. Während man sich in Europa aus der christlichen Tradition heraus öffentlich zu Unrecht bekenne und damit Reue zeige, sei die japanische Kultur vom Prinzip der Scham geprägt. Und deswegen sei das Gedenken dort eher ein stilles, nach innen gekehrtes: "Wenn man sich für etwas schämt, dann schweigt man darüber". Wegen dieses Schweigens verlaufen gerade in der älteren Generation zwischen Japanern und Koreanern noch tiefe Gräben. Aber vielleicht bringt ja die Kultur die jungen Menschen in Japan und Korea zusammen.

Autorin: Silke Ballweg
Redaktion: Mathias Bölinger