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Wirtschaft

Japans Ja zur Atomkraft

Nach dem schwersten Atomunfall Japans vor dreieinhalb Jahren sind sechs Ex-Manager einer Aufbereitungsanlage auf Bewährung verurteilt worden. Auch künftig setzt Japan, trotz zahlreicher Pannen, weiter auf Atomstrom.

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Schauplatz mehrerer Unfälle: Wiederaufbereitungsanlage Tokai

"Wir müssen uns bei der Nation dafür entschuldigen, dass wir durch die nicht vollständige Einhaltung der Bestimmungen Besorgnis ausgelöst haben." - Die Bestimmungen, die Jun-ichiro Nishizawa, Vorsitzender des Forums der Japanischen Atomindustrie, in dieser Erklärung vom vergangenen Oktober ansprach - das sind die Sicherheitsbestimmungen für Betrieb und Wartung von Kernkraftwerken. Wenn sich angesichts der zahlreichenden alten japanischen AKWs nicht ein grundlegender Wandel im Umgang mit der Öffentlichkeit und der Sicherheitskultur einstelle, dann - so Nishizawa sinngemäß - sei Japan nicht mehr berechtigt, sich als moderne Kernkraftnation zu bezeichnen.

Anlass dieser deutlichen Selbstkritik war die Aufdeckung des skandalös laxen Umgangs mit Sicherheitsbestimmungen und Inspektionsberichten beim Tokyoter Elektrizitätsversorger TEPCO im September. Seitdem sind 14 der insgesamt 17 TEPCO-Kernkraftwerke abgeschaltet. Der Konzern, der tätige Reue gelobt, warnt bereits davor, die Bürger der Mega-Metropole Tokio müssten sich durch den nächsten heiß-schwülen Sommer schwitzen, falls die Reaktoren nicht bald wieder angefahren werden könnten, um Strom für die Millionen Klimaanlagen zu liefern.

Lange Pannenserie

Der TEPCO-Skandal ist jedoch nur einer von vielen bedenklichen Vorgängen im Bereich der Kernenergie. Kritiker des rigorosen Ausbaus der Kernenergie halten Japan seit langem für einen Problemfall. 52 Kernkraftwerke zwischen Hokkaido und Kyushu liefern ein Drittel des Strombedarfes. In wenigen Jahren soll dieser Anteil auf 40 Prozent gesteigert werden. Doch der Widerstand gegen den zügigen Ausbau der Nuklearkapazitäten ist nach zahlreichen und zum Teil schwerwiegenden Störfällen hartnäckig. Kaum eine Kommune lässt sich mittlerweile durch noch so lukrative Angebote dazu überreden, Baugelände für kerntechnische Anlagen zur Verfügung zu stellen. Zu offenkundig ist die Unfähigkeit von Stromkonzernen und staatlichen Aufsichtsgremien, in den AKW's, Wiederaufbereitungs- und Forschungsanlagen sowie in den geplanten Endlagerstätten verantwortungsbewußtes Handeln einzuführen.

Bedenklich genug ist schon die regionale Konzentration der Reaktoren. In Präfekturen wie Fukui oder Fukushima stehen die AKW's wie an einer Perlenschnur aneinandergereiht nebeneinander - zum Teil auf Erdbebenspalten, und das im tektonisch extrem unruhigen Japan.

Sinkendes Vertrauen

Vor allem die schweren Störfälle und Vertuschungsversuche in den neunziger Jahren haben das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Nuklearlobby erschüttert. Nach Serien von Berichten über Risse in Leitungssystemen und Lecks in den Kühlkreisläufen von Leichtwasserreaktoren schockierte vor allem der Brand des Schnellen Brüters "Monju" im Jahr 1995 die Nation. Damals verließen die Reaktorfahrer nach der Notabschaltung des Brüters das Werksgelände - stundenlang wusste niemand, was sich im Inneren des Reaktors abspielte.

Zwei Jahr später kam es zu einer verheerenden Explosion in der Wiederaufbereitungsanlage Tokai nördlich von Tokio. 1999 dann löste in einer Forschungseinrichtung von Tokai das vorschriftswidrige Einfüllen einer Uransubstanz per Eimer in einen Tank eine unkontrollierte Kettenreaktion aus. Der Explosion fielen zwei der Arbeiter zum Opfer, rund 600 Personen in der Umgebung von Tokai wurden verstrahlt.

Regierung hält an Atomenergie fest

Das alles konnte die japanische Regierung einschließlich des als unkonventionell geltenden Ministerpräsidenten Koizumi nicht davon abbringen, den Plan eines geschlossenen nuklearen Kreislaufes vom AKW über die Wiederaufarbeitung von Atommüll bis hin zur Überschussproduktion von Kernbrennstoff durch Schnelle Brüter und zur Endlagerung weiter zu verfolgen. Bei der gerichtlichen Aufarbeitung der Tokai-Explosion von 1999 hielt der Richter am Dienstag (3.3.2003) den Angeklagten zugute, sie seien nicht die einzig Verantwortlichen gewesen. Im Fall des havarierten Schnellen Brüters "Monju" lehnte das zuständige Gericht die Wiederinbetriebnahme mit der Begründung ab, die sicherheitstechnische Nachrüstung reiche nicht aus. Bis zum Beweis des Gegenteils muss sich Japan kerntechnisch wohl bestenfalls unter der Rubrik "Mittelmaß" einordnen lassen.