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Kultur

Japanisches Filmfestival – jetzt erst recht!

Es ist das größte japanische Filmfestival der Welt: "Nippon Connection" in Frankfurt am Main. Ein Festival angesichts der Katastrophe in Japan – geht das? Und warum falten Japanologie-Studenten in Bonn Kraniche?

(Foto: Nippon Connection)

Ein Jahr lang hatten sie alles vorbereitet, hatten 100 japanische Filme, die Kinosäle und Presseaktionen organisiert. Alles für "Nippon Connection", das größte japanische Filmfestival der Welt in Frankfurt am Main, das vom 27. April bis zum 1. Mai stattfindet. Und dann erschütterte am 11. März ein Erdbeben der Stärke 9 Japan. Dieses Ereignis brachte auch das Festival-Konzept komplett ins Wanken.

"Wir waren wie gelähmt"

(Foto: Nippon Connection)

Marion Klomfaß, Leiterin des Filmfestivals Nippon Connection

Denn ausgerechnet am Abend vor dem Beben hatte Festival-Leiterin Monika Klomfaß das Programm veröffentlicht. "Wir waren so froh, dass wir endlich fertig waren", erinnert sie sich. Doch am Morgen des 11. März wurde sie von einem Journalisten aus dem Bett geklingelt, der ihr erzählte, dass in Japan die Erde bebt. "Ich war geschockt, bin erst mal vor den Fernseher, ich konnte gar nicht richtig fassen, was ich da gesehen habe. Die zerstörten Dörfer, die Tsunamiwelle, ich war wie gelähmt." Nicht nur ihr erging es so, sondern auch den 50 ehrenamtlichen Helfern, die in ihrer Freizeit am Film-Event mitarbeiten. Die ersten paar Tage saß das ganze Festival-Team vor dem Fernseher, und vor allem am Computer, um Nachrichten und Mails aus Japan abzurufen. Sie alle haben eine sehr enge Beziehung zu Japan. Viele haben Freunde dort oder Familie. Und schließlich waren da noch ihre Kollegen, die japanischen Filmemachern und Produktionsfirmen. "Per Skype haben wir die meisten erreicht, konnten uns überzeugen, dass es ihnen einigermaßen gut geht."

Filmfestival abblasen? Nein!

"Als der erste Schock überwunden war haben wir heftig diskutiert: Sollen wir trotz allem das Festival machen, oder blasen wir alles ab", sagt Festival-Leiterin Marion Klomfaß. Aber am Ende sei klar gewesen: Jetzt erst recht! "Der Tenor war: Wir müssen es machen. Keiner in Japan würde verstehen, wenn wir dieses Filmfestival aus Pietätsgründen absagen würden. Das wäre ein komplett falsches Zeichen." Überhaupt, sagt Klomfaß, hätten nur die Deutschen Bedenken gehabt, dass ein Filmfestival angesichts der Katastrophe in Japan schlecht ankommen könnte. "Die japanischen Filmemacher konnten unsere Bedenken überhaupt nicht verstehen. Für sie war klar, dass wir gerade jetzt das Festival als Zeichen der Solidarität machen müssen."

Anti-AKW-Dokumentarfilmerin reist an

(Foto: Nippon Connction)

The Tatami Galaxy: Mangafilme, Comics, Animationen – kein Film wurde aus dem Festivalprogramm genommen

Das Festival-Team hat deshalb ein Spendenaktion gestartet und beschlossen, dass 50 Cent von jeder Eintrittskarte an die Japan-Hilfe geht. Außerdem haben sie das Programm erweitert und zusätzlich Hitomi Kamanaka eingeladen, eine mittlerweile internationale bekannte Regisseurin und Anti-Atom-Aktivistin. Sie wird ihre Dokumentationen über die Anti-Atom-Bewegung in Japan auf dem Festival vorstellen.

Der Rest des Programms bleibt aber wie geplant. Animations-, Mangafime und auch Komödien sind dabei. "Viele japanischen Freunde erzählen, dass sie momentan froh wären, Komödien sehen zu können, um sich abzulenken", sagt Marion Klomfaß. Ihr Ziel sei es ein positives, facettenreiches Bild von Japan zu zeigen. Und selbstverständlich sei das Festival mehr denn je als Austausch-Plattform gedacht.

Hysterische Berichterstattung in Deutschland

"Unser Wunsch wäre, wenn die Zuschauer merken, dass Japan nicht nur aus AKW-Katastrophen besteht." Denn dieses Bild hätten mittlerweile viele Deutsche, angesichts der – aus ihrer Sicht – hysterischen Berichterstattung seit dem 11. März, meint die Festival-Chefin. Sie und die anderen Helfer stört vor allem das Reißerische. "Dieses Worst-Case-Szenario auszumalen, das ist typisch deutsch!" Doch nicht nur das Team von "Nippon Connection" ist von der Japan-Berichterstattung enttäuscht, sondern auch Japanologen in Deutschland, wie zum Beispiel Dan Wichter und Naohira Yauchi. Sie studieren beide an der Univerität Bonn. Der Doktorand Dan ist hierzulande aufgewachsen, hat eine japanische Mutter und einen deutschen Vater. Der Student Naohiro ist Japaner und vor fünf Jahren zum Studieren nach Deutschland gekommen.

Sie stehen vor einem Kiosk in der Fußgängerzone und blättern verschiedene Tagszeitungen durch. "Es ist unglaublich, erst drei Wochen Dauer-Panik, und nun ist Japan auf die letzte Seite gerückt, oder überhaupt nicht mehr drin", ärgert sich Dan. "Am meisten hat mich gestört, dass man versucht hat, die Leute auf einer konstanten Panikstufe zu halten. Der Liveticker wurde alle 20 Sekunden aktualisiert. Im Fernsehen hörte man nur, dass die Kernschmelze im Gange sei. Das ist einfach nicht sachlich", findet der Doktorand Dan.

Medien haben Klischees bedient

Ebenso wie die Frankfurter Festivalleiterin Klomfaß, bemängeln auch die beiden Studenten, dass kaum etwas über den Alltag der Japaner berichtet, sondern Klischees bedient wurden. Zum Beispiel, dass alle Japaner geduldig seien, meint Naohiro, dass keiner weine oder protestiere. Am Tag des Erdbebens war er in Japan, bei Freunden in Tokio. "Dort war wirklich alles ruhig. Allerdings hatten wir auch kaum Informationen. Aber kaum bin ich auf dem Flughafen in München gelandet, sind drei Kamerateams auf mich zugestürmt", erzählt der junge Mann, und nestelt etwas verlegen an seiner lila Jacke. Er sei sich ein wenig vorgekommen wie im Zoo, alle wollten auf einmal alle Japaner filmen, die gerade aus dem Krisenland kamen.

1000 Origami-Kraniche für Japan

(Foto: Laura Johnen)

1000 Kraniche für Japan haben die Bonner Studenten gefaltet - ein Zeichen der Solidarität

Nachdenklich meint Naohiro Yauchi dann noch, dass er "große Schuldgefühle habe, dass er einfach wieder nach Deutschland geflogen sei und seine Familie und Freunde im Stich gelassen hat". Deshalb hat er sich zusammen mit Doktorand Dan und rund 30 Kommilitonen etwas einfallen lassen. Sie haben Mitte April eine Benefizaktion an der Uni Bonn auf die Beine gestellt: Trommelkonzerte, Sushi, Flohmarkt. Innerhalb von vier Stunden hatten die Studenten mehr als 4000 Euro Spenden gesammelt.

Und sie haben Origami-Kraniche aus Papier gefaltet. "1000 Kraniche für Japan" heißt die Aktion. "Ein japanischer Brauch", lächelt Naohiro, "Origami-Kraniche verschenken wir in Japan, um Mitgefühl zu zeigen".

(Foto: Laura Johnen)

4000 Euro in vier Stunden - die Spendenbereitschaft in Bonn war groß

Geld war das eine, aber das Hauptanliegen der Japanologie-Studenten war noch ein anderes: "Wir wollen aufklären, informieren wie es den Japanern geht. Dass auch nicht alle Japaner gefasst sind und alles erdulden. Wir wollen den Deutschen mehr Einblick in die japanische Kultur geben als die Medien es bisher getan haben", sagt Dan. Dieses Ziel haben die Studenten bei ihrer Benefizaktion in Bonn auch gleich in die Tat umgesetzt: Sie haben jedem Spender - angelehnt an den japanischen Brauch - einen Origami-Kranich überreicht.

Autorin: Miriam Klaussner

Redaktion: Arnd Riekmann

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