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Welt

Janes: "Die Frage ist, was uns verbindet"

Was hat Deutschlands politische Führung von Obamas zweiter Amtszeit zu erwarten? Der US-amerikanische Deutschland-Experte Jackson Janes rechnet trotz aller Differenzen mit einer engen Zusammenarbeit.

DW: Was glauben Sie: Wird US-Präsident Barack Obama in seiner zweiten Amtszeit Berlin besuchen, nachdem er die deutsche Hauptstadt in der ersten konsequent gemieden hat?

Jackson Janes: Ich glaube nicht, dass die Formulierung "konsequent gemieden hat" zutrifft. Merkel und Obama haben sich in den letzten vier Jahren ohnehin häufig getroffen, übrigens auch in Washington. Fragen wie "Quo vadis, Europa?", "Quo vadis, Euro?" und "Quo vadis, transatlantische Wirtschaftsbeziehungen?" werden in den nächsten zwei, drei Jahren eine große Bedeutung haben und von daher ist es wahrscheinlich, dass Obama in Berlin auftaucht.

Wie würden Sie das deutsch-amerikanische Verhältnis der Obama-Jahre beschreiben?

Es war durch die Finanzkrise und die Entwicklungen im Nahen Osten geprägt. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland, Europa und Amerika werden von unmittelbarer Wichtigkeit bleiben. Ich glaube, dass beide Seiten die Initiative ergreifen werden, die wirtschaftlichen Verflechtungen zu verstärken, damit wir uns gegenseitig durch die wirtschaftliche Flaute helfen können.

Auf diesen Feldern gab es handfesten Streit - etwa um die Fiskalpolitik. Werden solche Differenzen die beiden Länder weiter beschäftigen?

Ich glaube ja. Die Fiskalpolitik in Amerika ist anders geprägt als in Deutschland und wir werden keinen Konsens darüber herstellen, ob man mit einer keynesianischen, nachfrageorientierten Politik oder mit einer Sparpolitik auf die Krise reagieren soll - das ist ja auch innerhalb der jeweiligen Länder umstritten. Aber es liegt auf der Hand, dass wir miteinander reden müssen, wie wir wirtschaftliche Stabilität erreichen - und deshalb ist die Initiative, die transatlantische Wirtschaftspartnerschaft weiterzuentwickeln, so wichtig für beide Seiten.

Hat es die Beziehungen dauerhaft beschädigt, dass Deutschland sich nicht an dem NATO-Einsatz in Libyen beteiligt hat?

Libyen war eine Fehlentscheidung. Aber ich meine zu erkennen, dass die Lehre, die man in Berlin daraus gezogen hat, die ist, dass man in gefährlichen Situationen eine gemeinsame Politik betreiben muss - zum Beispiel mit Blick auf das iranische Atomprogramm. Deutschland ist sehr stark an dem Versuch beteiligt, mit Sanktionen Druck auf Teheran auszuüben. Man darf außerdem nicht vergessen, dass der Einsatz in Afghanistan auch von Deutschland geprägt ist; nach den USA und Großbritannien stellt Deutschland die meisten Soldaten. Das war eine schwierige Umstellung, wenn Sie daran denken, wie groß die Abneigung gegen Militäreinsätze noch 1991 während des zweiten Golfkriegs war.

Wie wichtig ist die deutsche Bereitschaft, sich an Militäreinsätzen zu beteiligen, für das transatlantische Verhältnis?

Ein Dauerthema für Washington ist natürlich die Asymmetrie in der NATO - nicht nur gegenüber Deutschland, sondern gegenüber Europa insgesamt. Im Kongress dürfte in den nächsten Jahren zunehmend die Frage gestellt werden, warum wir die Hauptlast in der NATO tragen müssen. Wir haben wirtschaftlich nicht mehr die Kapazität, all das zu leisten, was wir bisher geleistet haben und die Frage ist, ob Europa mit seinen 27 Ländern bereit sein wird, die Aufgaben zu übernehmen, die es bislang den Amerikanern überlassen hat.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA scheinen zunehmend von einem freundlichen Desinteresse auf Seiten der USA geprägt zu sein…

Es ist in der Tat so, dass Deutschland nicht mehr die Rolle spielt, die es früher gespielt hat. Vor 25 Jahren war Deutschland ein Objekt der amerikanischen Außenpolitik: In Deutschland stand die Mauer und es waren 400.000 amerikanische Soldaten in Deutschland stationiert. Seit ungefähr 20 Jahren wird Deutschland zunehmend als Subjekt gesehen, also als ein Staat, mit dem man über Themen wie Afrika oder den Nahen Osten spricht und an den man Erwartungen stellt. Zwischen 1945 und 1994 waren 16 bis 17 Millionen Amerikaner in Deutschland stationiert - damit haben sehr viele Menschen quer durch Amerika ein Stück Deutschland erlebt. Das ist nicht mehr gegeben und die Frage ist, was uns heute verbindet. Das zu identifizieren, ist eine riesige Aufgabe für die jetzige politische Führung.

Jackson Janes ist Direktor des American Institute for Contemporary German Studies der Johns Hopkins University.

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