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Wissen & Umwelt

Jan Matthes: "Anabolika machen aggressiv"

Im Haus des beinamputierten Leichtathleten Oscar Pistorius wurden nach der Tötung seiner Freundin anabole Steroide gefunden. Beeinflussen solche Dopingmittel womöglich Psyche und Verhalten eines Menschen?

Priv.-Doz. Dr. med. Jan Matthes, Institut für Pharmakologie Universität Köln (Bild: Universität Köln) zugeliefert von: Tobias Oelmaier

Priv.-Doz. Dr. med. Jan Matthes

DW: Herr Matthes, wie können sich anabole Steroide auf das Gemüt, auf die Psyche auswirken?

Jan Matthes: Ganz unterschiedlich. Es werden verschiedene Effekte beschrieben wie Depressionen, Halluzinationen, also im weitesten Sinne Wahnvorstellungen, Symptome einer Manie mit Antriebssteigerungen und Enthemmung oder auch Aggressionen. Das ist offensichtlich abhängig von der Dosis: In höherer Dosierung, so wie beim Missbrauch zum Doping, tritt das wahrscheinlich häufiger auf als wenn man diese Hormone in therapeutischer Absicht einsetzt.

Sind tatsächlich Fälle bekannt, in denen gedopte Athleten ausgerastet sind?

Aggressionen unter Anabolika sind nicht selten. Hierzu gibt es Studien. Ältere Untersuchungen zeigen, dass fast ein Drittel der Athleten, die anabole Steroide nutzen, über subjektive Nebenwirkungen klagen. Häufig sind das Aggressionen. Es gibt eine neuere Untersuchung, die sogar davon spricht, dass 90 Prozent der Sportler, die Anabolika missbrauchen, über Aggressionen bei sich selbst berichten.

Interessant in diesem Zusammenhang sind Studien aus Skandinavien, die nahelegen, dass der Missbrauch von Anabolika auch mit einer erhöhten Kriminalitätsrate einhergeht.

Wir sprechen hier über das männliche Sexualhormon. Was machen diese anabolen Steroide mit einem, dass man sich nicht mehr unter Kontrolle hat?

Ich würde Aggressionen nicht mit Kontrollverlust gleichsetzen. Der molekulare Mechanismus, der der aggressionssteigernden Wirkung zugrunde liegt, ist nicht im Detail aufgeklärt. Man sieht allerdings, dass anabole Steroide relativ spezifische Effekte auf die Ausschüttung und Wirkung von Botenstoffen im Gehirn wie Vasopressin und Dopamin haben, und damit die Interaktion zwischen Nervenzellen beeinflussen können.

Es gibt verschiedene Wirkstoffgruppen unter den Dopingmitteln. Kann man sagen: jeder Dopingwirkstoff hat unterschiedliche Auswirkungen auch auf das Verhalten?

Im Prinzip ja. Da der Wirkmechanismus der unterschiedlichen Dopingsubstanzen sehr verschieden ist, sind auch die Nebenwirkungen sehr verschieden. Das besagt schon die unterschiedliche Verwendung der Substanzen im Doping. Der Sportschütze zum Beispiel will eher eine ruhige Hand haben.

Er nimmt dann Beta-Blocker oder Barbiturate (Betäubungsmittel)?

Oder zum Beispiel Opioide, die eigentlich als Schmerzmittel eingesetzt werden.

Wenn nun jemand Aufputschmittel nimmt, eilt er dann auch sonst regelrecht aufgeputscht durch den Alltag?

Ja. Bei Stimulanzien, den Amphetaminen. Die sollen aufputschend wirken und zumindest vorübergehend die körperliche Leistungsfähigkeit steigern. Das kann dann auch zumindest vorübergehend zu Reizbarkeit und Aggressionen führen.

Verstärken solche Dopingmittel psychische Dispositionen, oder führen sie auch zu völlig unerklärlichen, neuen Verhaltensweisen?

Es ist sicherlich richtig, dass eine Substanz, die antriebssteigernd wirkt, bei jemandem, der ohnehin schon etwas aktiver ist, das Verhalten verstärken kann. Aber es ist auch durchaus denkbar, dass es gerade bei Substanzen wie Steroidhormonen, die sehr komplexe Wirkungen hervorrufen können, zu unerwarteten Effekten kommt.

Nun führen viele Drogen, unter die auch Dopingmittel fallen, zu einer körperlichen Abhängigkeit. Führt Doping denn auch zu einer psychischen Abhängigkeit?

Das kommt auf das Dopingmittel an. Die erwähnten Amphetamine oder Opioide führen relativ häufig zu psychischer Abhängigkeit. Dabei ist allerdings wichtig: Opioide werden in der Schmerztherapie eingesetzt, und wenn sie richtig eingesetzt werden, ist das relativ unbedenklich. Im Fall von Missbrauch ist das aber durchaus ein Problem. Bei den anabolen Steroiden ist das Risiko einer psychischen Abhängigkeit, soweit man weiß, eher gering einzuschätzen, auch wenn es in den letzten Jahren Untersuchungen gab, die zeigten, dass das Risiko bislang unterschätzt wurde oder ansteigt.

Ein prominenter Fall der Doping-Geschichte ist der Radprofi Marco Pantani, gestorben an einer Überdosis Kokain. Kann man Doping als Einstiegsdroge für andere harte Drogen bezeichnen?

Ich weiß nicht, ob ich soweit gehen würde. Es kommt auch hier wieder darauf an. Wenn man mit einer Substanz dopt, die selbst abhängig macht, liegt es nahe, dass man nach dem Abbruch des Dopings eine Ersatzdroge sucht. Andererseits würde ich davon ausgehen, dass die Motivation für die Einnahme von Dopingmitteln eine ganz andere ist als für die Einnahme von Drogen. Was den Schritt vom Doping zu Drogen aber erleichtern könnte, ist die Tatsache, dass man für die Beschaffung von Dopingmitteln in der Regel mit kriminellem Milieu in Kontakt kommt.

Die Fragen stellte Tobias Oelmaier.

Priv.-Doz. Dr. med. Jan Matthes ist Pharmakologe an der Universität Köln.

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