1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kunst

Jan Böhmermann eröffnet erste Ausstellung

Mit seiner Kunstschau "DEUSCTHLAND" im NRW-Forum Düsseldorf wirft der Satiriker einen Blick zurück auf das Jahr 2017 und fragt: "Ist das noch Satire oder schon Revolution?" DW-Reporterin Paula Rösler war vor Ort.

Sicherheitskontrollen am Eingang des NRW-Forums in Düsseldorf. Die Eröffnung der ersten Ausstellung von Satiriker Jan Böhmermann mit dem absichtlich falsch geschriebenen Titel "DEUSCTHLAND" birgt scheinbar Gefahren. Eine Reporterin wird vom Sicherheitspersonal angewiesen, sich als Frau doch bitte auf der rechten Seite anzustellen, zum Abtasten. Die Kollegin protestiert, das ganze Prozedere dauere ihr zu lange, sie müsse schließlich arbeiten, und links in der "Männerschlange" sei ja gerade nichts los.

Passkontrolle zum Auftakt der Satire-Schow
Kontrollhäuschen - Ausstellungsansicht Deutschland NRWForum (NRW-Forum Düsseldorf/Foto: B. Babic )

Passkontrolle zum Auftakt der Satire-Ausstellung

Der Disput vor dem länglich-schmalen Ziegelgebäude am Düsseldorfer Rheinufer könnte fast schon Teil von Böhmermanns Inszenierung sein. Dabei ist die Angelegenheit eigentlich eine ernste. Die Sicherheitsvorkehrungen machen deutlich, wie sehr die Marke Böhmermann inzwischen zur Angriffsfläche geworden ist. Besondere Vorsichtsmaßnahmen um seine Person sind notwendig, seit der Fernsehmoderator Ende März 2016 mit einem sogenannten "Schmähgedicht" den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gegen sich aufbrachte. Eine Staatskrise zwischen Deutschland und der Türkei war die Folge.

Böhmermann kommt nicht zur Eröffnung

Der daraufhin aufbrausende mediale Wirbelsturm war für Böhmermann vermutlich ein Grund mehr, zu Journalisten auf Abstand zu gehen. Interviews gibt der 36-Jährige nur selten. Selbst zur Eröffnung seiner eigenen Ausstellung kommt er nicht. Ungern lässt er sich vom Medienbetrieb den Takt vorgeben. Nun gilt es zu zeigen, dass er und sein Team von der Produktionsfirma "Bild und Tonfabrik" (btf) auch das Zeug haben, eine museale Kunstausstellung auf die Beine zu stellen.

Mütze, Schal und Angela Merkels Wanderoutfit

Kappe, Bluse, Hose - Wanderoutfit von Angela Merkel

Wer es durch den Sicherheitscheck ins Foyer geschafft hat, den erwartet am Eingang zum Ausstellungssaal gleich die nächste Kontrolle. Zum Satire-Auftakt müssen alle Besucher ihren Pass vorzeigen. Deutsche Staatsbürger bekommen einen rosa Aufkleber, Ausländer einen gelben. Damit ist die Richtung von Böhmermanns satirischem Jahresrückblick 2017 vorgegeben. Er und sein Team mahnen zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte - und Gegenwart. Populismus, Nationalismus, Debatten- und Erinnerungskultur sind die Themen der eigens für die Ausstellung entworfenen Exponate. Auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel arbeitet sich der Satiriker ab - indem er sich über ihr Wanderoutfit lustig macht. 

Was kann uns eigentlich noch schocken?

Das Umsetzen von Alltagszuständen in prägnante Szenen und Exponate ist meist originell: So spuckt der "Hetztkeks-Automat" bei Einwurf eines Euros einen in Goldfolie verpackten, knusprigen Keks mit Zettel aus, auf dem ein Hass-Tweet gedruckt wurde. Da steht etwa: "Du bist zu Dumm um ins Klo zu Scheißen". Die Keksmaschine macht darauf aufmerken, dass Hasskommentare im Internet alltäglich geworden sind. Doch total überraschen, aufwühlen, zum Nachdenken bringen, das können die Macher mit diesem und vielen anderen Ausstellungsstücken nicht.

Böhmermanns Vorstellung vom Reichspark der Neonazis - Ausstellungsansicht Deutschland NRWForum (NRW-Forum Düsseldorf/Foto: B. Babic )

Böhmermanns Vorstellung vom "Reichspark" der Neonazis

Das eindringlichste Exponat in der Böhmermann-Sammlung ist der "Reichspark", ein als Miniaturmodell skizzierter Themenpark zum Nationalsozialismus. Mit der Aktion werfen die Künstler mit sarkastischer Raffinesse die Frage auf: Was kann uns in Zeiten von Trump, Brexit und der AfD im Bundestag eigentlich noch schocken? Eine sechsminütige Virtual-Reality-Fahrt - durch Hitlers Führerbunker, die Schlacht von Stalingrad und das zerbombte Dresden - parodiert die Verherrlichung des Nationalsozialismus unter Neonazis aufs Schärfste. Und mahnt gleichzeitig gegen das Vergessen.

Ein Jahresrückblick - nicht mehr, nicht weniger

"Ein Exponat wie der 'Reichspark' birgt sicherlich sehr viel Provokationspotential", sagt der Künstlerische Direktor und Geschäftsführer des NRW-Forums Alain Bieber. Es gehe aber nicht darum, bewusst zu provozieren oder einen großen Skandal zu verursachen, sondern die richtigen Fragen zur richtigen Zeit zu stellen. Eine Revolution ist die Exposition nicht, Satire allemal. Für Bieber ist klar: Was Böhmermann und sein Team im NRW-Forum ausstellen, ist Kunst. "Worüber man streiten kann", ergänzt er, "ist, ob es gute oder schlechte Kunst ist."

Schwarz-weiß Porträt von Jan Böhmermann

Jan Böhmermann - seit 2013 wöchentlich im Neo Magazin Royale zu sehen

Der satirische Jahresrückblick 2017 in Ausstellungsform ist lediglich ein Nochmal-vor-Augen-Führen von Zuständen, Missständen, Absurditäten. Nicht mehr und nicht weniger. Fest steht, Böhmermann schafft es, mit Fernsehsendungen und Podcasts wichtige Themen unserer Zeit einem breiten Publikum zu vermitteln. Ob ihm dies nun auch analog im Museum gelingt? Das wird in den kommenden Wochen auch von der Länge der Warteschlangen an der Sicherheitskontrolle vorm Museumseingang abhängen. Aber nicht vergessen: Männer links, Frauen rechts.

Die Ausstellung "DEUSCTHLAND" läuft bis zum 4. Februar 2018 im NRW-Forum in Düsseldorf.

Die Redaktion empfiehlt