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Asien

Jakarta will Sexualtäter chemisch kastrieren

In Indonesien ist die Zahl sexueller Missbrauchsfälle an Kindern in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Jetzt will die Regierung in Jakarta deutlich härter durchgreifen. Menschenrechtsorganisationen üben Kritik.

Jamaludin war sieben Jahre alt. Er besuchte die erste Klasse einer staatlichen Grundschule in Depok südlich von Jakarta. Nach der Schule traf er sich oft mit Januar, den er für seinen Freund hielt. Der 35-jährige Januar ging mit Jamaludin regelmäßig in eine nahegelegene Spielhalle. Zusammen zockten sie dort stundenlang Videospiele. Doch eines Tages kehrte Jamaludin danach nicht mehr nach Hause zurück. Die besorgten Eltern riefen die Polizei. Und die fand den kleinen Jungen tot im Badezimmer von Januars Wohnung. Der Mann hatte ihn geschlagen, sexuell missbraucht und danach erwürgt.

Indonesien unter Schock

Indonesisches Mädchen auf dem Schoß ihrer Mutter (Foto:Getty Images)

Die Zahl sexueller Missbrauchsfälle an Kindern ist in den letzten Jahren in Indonesien stark angestiegen

Jamaludin ist nur das jüngste Opfer in einer ganzen Reihe äußerst brutaler Missbrauchsfälle an Kindern, die derzeit Indonesien erschüttern. Die indonesische Kinderschutzkommission (KPAI) hat in den vergangenen vier Jahren rund 16.000 solcher Vorfälle registriert. Allein im vergangenen Jahr soll es rund 3000 Missbräuche gegeben haben. Rund 60 Prozent davon waren sexuelle Übergriffe. Die meisten Gewalttaten an Kindern geschähen im privaten Umfeld, etwa durch Familienangehörige, Bekannte oder Lehrer. Auffallend sei dabei die zunehmende Enthemmung auf Seiten der Straftäter. Im April 2015 wurden zwei Lehrer der Internationalen Schule in Jakarta verurteilt, weil sie mehrere Schüler missbraucht haben sollen. Im August 2015 wurde eine Achtjährige auf Bali – vermutlich von ihren eigenen Adoptiveltern – zu Tode misshandelt und im Hinterhof verscharrt. Zwei Monate später fand man in Jakarta die Leiche eines neunjährigen Mädchens in einem Pappkarton am Straßenrand. Sie war vor ihrer Ermordung mehrfach vergewaltigt worden.

Der Vorsitzende der KPAI, Arist Merdeka Sirait, spricht schon seit längerem von einem "Notstand sexueller Gewalt", in dem sich Indonesien befinde, und kritisierte mehrfach, dass Indonesien nicht hart genug gegen Pädophilie und Kindesmissbrauch vorgehe. Bislang liegt die Höchststrafe für Kindesmissbrauch bei 15 Jahren Haft, in vielen Fällen in der Vergangenheit kamen die Täter allerdings mit deutlich geringeren Strafen davon.

"Sinnvolle und wirksame Abschreckung"

"Besonders sexuelle Übergriffe an Kindern müssen als außerordentlich schwere Verbrechen eingestuft und genauso schwer bestraft werden wie Korruption, Terrorismus oder Drogenhandel", verlangt Sirait, der eine wachsende Zahl von Indonesiern hinter sich weiß. In Indonesiens sozialen Netzwerken herrscht Empörung. Mittlerweile fordern auch dort viele Menschen ein weit härteres Durchgreifen der Regierung.

Demonstration in Banda Aceh gegen Kindesmissbrauch (Foto:Getty Images)

In vielen Landesteilen - wie hier in Aceh - wächst der Protest gegen die steigende Anzahl von Missbrauchsfällen

Und diese hat mittlerweile reagiert. So hat Indonesiens Präsident Joko Widodo bereits eine Verschärfung der Gesetze und eine Erhöhung der Strafmaße angekündigt. Und in Kürze will er offenbar auch eine Verordnung unterschreiben, nach der überführte Straftäter zusätzlich chemisch kastriert werden sollen. Anders als bei einer operativen Kastration werden ihnen hierbei weibliche Hormone injiziert, die die Testosteronbildung unterdrücken und so den männlichen Geschlechtstrieb für längere Zeit hemmen.

Sirait, der bei besonders schweren Fälle von Kindesmissbrauch sogar fordert, "dass man auch über die Todesstrafe nachdenken müsse", sieht in der chemischen Kastration eine "sinnvolle und wirksame Abschreckung". Auch Indonesiens Generalstaatsanwalt Prasetyo glaubt, dass "diese Maßnahme jeden dazu bringen wird, tausendmal darüber nachzudenken, ob er eine solche Tat wirklich durchführen sollte." Er erklärte, dass Präsident Widodo beabsichtige, eine entsprechende Verordnung per Dekret zu erlassen. Damit würde sie automatisch in Kraft treten, ohne dass das Parlament sie zuvor absegnen müsse.

Kritik von Aktivisten

Doch es gibt auch viele Experten und Menschenrechtler, die der geplanten Maßnahme ablehnend gegenüber stehen. So kritisiert etwa amnesty international, dass die Zwangsgabe von Medikamenten auch eine Menschenrechtsverletzung darstelle. Natürlich müsse jedes Verbrechen bestraft werden. Jedoch habe dies im Einklang mit der UN-Menschenrechtscharta zu geschehen, und unter Einbeziehung legaler und angemessener Mittel. Diese Meinung vertritt auch Siti Noor Laila von der indonesischen Menschenrechtskommission. Außerdem habe Indonesien bereits 1998 eine internationale Konvention gegen Folter und Menschenrechtsverletzungen ratifiziert. Supriyadi Eddyono vom Institut für Kriminalrechtsreform in Jakarta kritisiert, dass eine chemische Kastration nicht die Ursachen für sexuellen Kindesmissbrauch bekämpfe. Er fordert eine intensivere psychologische Betreuung überführter Täter und umfangreichere Präventionsmaßnahmen.

Bislang wird chemische Kastration als Strafe für überführte Sexualstraftäter weltweit nur in einigen wenigen Ländern durchgeführt. Hierzu gehören Südkorea, Moldawien, Russland, Estland sowie einige Bundesstaaten der USA. Auch Malaysia und Indien haben bereits entsprechende Gesetzesinitiativen auf den Weg gebracht.