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Kultur

Jahrhundertautorin Irène Némirovsky

1942 starb die in Kiew geborene Autorin Irène Némirovsky im NS-Konzentrationslager Auschwitz. Ihr reiches literarisches Werk wurde spät wiederentdeckt. Nun erschien ihr Debüt, das kurz nach dem Ersten Weltkrieg spielt.

Vor zehn Jahren kam in Frankreich ein unvollendeter Roman heraus, der sich schnell zu einer literarischen Sensation entwickelte. Das Manuskript von "Suite française" hatte zuvor 62 Jahre lang auf einem Dachboden gelegen. Nachdem es die Töchter von

Irène Némirovsky

2004 zur Veröffentlichung freigegeben hatten, war sich die literarische Fachwelt einig: Hier war eine große Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts (wieder) zu entdecken.

Thema Erster Weltkrieg

In Deutschland wiederholte sich dieses Phänomen ein Jahr später, als "Suite française" in der Übersetzung erschien. Auch hier war die Kritik begeistert. Seitdem kommt in schöner Regelmäßigkeit ein Band des umfangreichen Oeuvres der Autorin heraus - manches davon erstmals in deutscher Sprache, zuletzt ihr Debüt "Das Mißverständnis". Da es in diesem Roman auch um den

Ersten Weltkrieg

geht, wird dem Buch derzeit besondere Aufmerksamkeit zuteil.

Irène Némirovsky war in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beileibe keine Unbekannte. Sie galt in literarischen Kreisen als Star und wurde viel gelesen. Dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg für Jahrzehnte in Vergessenheit geriet, hatte wohl auch mit der Scham zu tun über das, was ihr angetan wurde, zunächst in der Ukraine und Russland, dann in Frankreich und Deutschland. Es ist sicherlich eine der dramatischsten Lebensgeschichten einer Schriftstellerin im 20. Jahrhundert.

Kennerin jüdischen Milieus

Geboren wurde Irene Irène Némirovsky 1903 in Kiew. Die Eltern waren Juden, der Vater stammte aus einfachen Verhältnissen, war aber mit Aktien zu einem großen Vermögen gekommen. Die Mutter kam aus einer vornehmen Familie aus Odessa. Die Eltern kümmerten sich nur wenig um das Kind, es wurde von einer französischen Gouvernante zweisprachig erzogen. In Französisch sollte Irene später auch ihre Romane verfassen.

Flucht nach Paris

Vor antisemitischen Umtrieben und Pogromen in der Ukraine und Russland flüchteten die Némirovskys über Moskau, St. Petersburg und Skandinavien in den Jahren 1918/19 nach Paris. Dort knüpfte der Vater schnell wieder an geschäftliche Erfolge an, der Familie fehlte es finanziell an nichts. Anfang der 20er Jahre begann Irène Némirovsky zunächst in Zeitschriften zu veröffentlichen, 1929 erschien ihr erstes Buch "David Golder", kurz darauf der Roman "Der Ball", der mit prominenter Besetzung auch verfilmt wurde - für die junge Autorin war es der Durchbruch.

Irene Nemirovsky (Foto: Knaus Verlag)

Irene Nemirovsky

Vorwurf Antisemitismus

Irène Némirovsky war ausgesprochen fleißig und schrieb ein Buch nach dem anderen. Unumstritten war sie nicht. In "David Golder" sowie in einigen späteren Werken ging es oft um das Leben der Schönen und Reichen - und um das Finanzgebaren der jüdischen Oberschicht. All das kannte die Autorin aus eigener Anschauung. Und doch warf man der Jüdin Irène Némirovsky Antisemitismus vor. Von "jüdischem Selbsthass" sprachen Kritiker. Daran sollte erst das fürchterliche Schicksal der Familie Némirovsky etwas ändern. Die Eltern brachten die Kinder zunächst in die französische Provinz. Doch Irène wurde im Sommer 1942 nach Auschwitz deportiert. Dort starb sie kurze Zeit später völlig geschwächt im Krankenhaus.

Vom Verlöschen einer Liebe

Ihr bislang letzter auf Deutsch erschienener Roman, ihr literarisches Debüt "Das Mißverständnis", das zuvor nur in einer Zeitschrift veröffentlich worden war und auch in Frankreich 2010 neu aufgelegt wurde, schildert das traurige Verlöschen einer Liebe: In Biarritz trifft kurz nach dem Ersten Weltkrieg der junge, wohlhabende Yves, der gerade von den Frontkämpfen in Belgien zurückgekehrt ist, die verheiratete, aber unglückliche Denise. In der Sommerfrische im mondänen Atlantikort vergnügt man sich. Zurück in Paris, zerbröselt die junge Liebe dann an den schnöden Anforderungen des Lebens.

Schlachtfeld bei Verdun (Foto: AP)

Trauma Schlachtfeld

Trauma Schlachtfeld

Zwar deutet die Autorin an manchen Stellen auf

traumatische Erfahrungen

Yves an der Front hin, doch wäre es falsch "Das Mißverständnis" auf diese Aspekte zu reduzieren. Es ist wohl auch ein wenig den vielen Erinnerungen anlässlich des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu verdanken, dass der Roman jetzt vom Verlag herausgebracht und auch so beworben wird.

Dabei hätte er das gar nicht nötig. Wie all die anderen Bücher der Autorin, die man als Leser in den vergangenen Jahren kennen lernen durfte, besticht auch "Das Mißverständnis" durch die Psychologie der Figuren und eine klare, einfache Sprache. Verblüffend bleibt: Dass man hier eine Schriftstellerin immer wieder (neu)entdecken kann, die ihre Bücher vor fast einhundert Jahren geschrieben hat, die aber auf heutige Leser taufrisch wirken.

Irène Némirovsky: Das Mißverständnis, Roman, Knaus Verlag, München, 172 Seiten, ISBN 978-3-8135-0467-5.

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