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Europa

Jahrhundert-Bauwerk in Tschernobyl

Der neue Schutzmantel über dem havarierten Block des ukrainischen Kernkraftwerks Tschernobyl nimmt Formen an. Eine endgültige Lösung für die radioaktive Ruine ist damit allerdings nicht gefunden.

Bau der neuen Schutzhülle über dem havarierten Reaktor des AKW Tschernobyl (Foto: DW)

Bau der neuen Schutzhülle über dem havarierten Reaktor des AKW Tschernobyl

Mehrere hundert Bauarbeiter sind fast rund um die Uhr in zwei Schichten im Einsatz. Es sind Ukrainer, Türken, Franzosen, Deutsche, Russen, Italiener, Philippiner und Aserbaidschaner. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Großbaustelle nicht viel von anderen - wären da nicht die Dosimeter, die Strahlenmessgeräte, die jeder um den Hals trägt, und die weltbekannte Silhouette des alten Tschernobyl-Schutzmantels, auch Sarkophag genannt.

Chefingenieur Viktor Salisezki auf der Baustelle in Tschernobyl (Foto: DW)

Chefingenieur Viktor Salisezki muss auch die Sicherheit der Baustelle stets im Blick haben

Der Bau des so genannten New Safe Confinement (NSC), einer neuen Schutzhülle über der strahlenden Reaktorruine, ist nur scheinbar alltäglich. Tatsächlich kann es jederzeit Alarm geben. Für diesen Fall hat jeder eine Atemschutzmaske. Wie groß die Gefahr einer Verstrahlung in der Nähe des zerstörten Reaktors ist, zeigte ein Zwischenfall im Februar dieses Jahres. Nur etwa 100 Meter von der Baustelle entfernt hatten Schneemassen rund 600 Quadratmeter des Daches einer Maschinenhalle des havarierten Atomblocks zum Einsturz gebracht. "Wir hatten Glück, dass feuchtes Wetter herrschte und es zu keiner bedeutenden Staubemission kam", sagte Viktor Salisezki der Deutschen Welle. Er ist Chefingenieur des NSC-Projekts.

Sicherheitsvorkehrungen auf der Baustelle

Die radioaktive Strahlung rund um die Ruine ist heute um mehrere hundert Male geringer als nach dem Reaktorunfall im Jahr 1986. Aber immer noch übersteigt sie die Grenzwerte um ein Vielfaches. Jeder Arbeiter darf nicht mehr als 15 Tage im Monat im Einsatz sein. Nicht einfach war es auch, einen relativ sicheren Betrieb der Baustelle zu gewährleisten. Auf einem Gebiet von der Größe von acht Fußballfeldern wurde eine mehrere Meter dicke Schicht radioaktiv verseuchten Bodens abgetragen. Der Bereich, in dem die neue Schutzhülle montiert wird, ist zudem durch eine dicke Betonschicht vor Strahlung aus dem Boden geschützt.

Die höchste Strahlung bekommen die Bauarbeiter ab, die direkt an den Wänden des alten Sarkophags arbeiten. Sie sind höchstens zwei bis drei Stunden im Einsatz. Dort errichten sie die Fundamente eines Gebäudes, von dem aus Fachleute künftig den Betrieb des neuen Schutzmantels überwachen werden.

Eine Lösung für die nächsten 100 Jahre?

Bauarbeiten unmittelbar am alten Sarkophag (Foto: DW)

Bauarbeiten unmittelbar am alten Sarkophag

Die Vorschläge, was man mit dem havarierten Kernkraftwerk machen könnte, reichten von einer Überbauung mit einer Art Cheops-Pyramide aus Beton bis hin zu einer Absenkung des Reaktorblocks in eine Tiefe von mehreren Kilometern. Ideen habe es viele gegeben, erinnert sich Norbert Molitor, der deutsche Koordinator der Expertengruppe, die das NSC-Projekt entwickelte. "Die radioaktiven Materialien auf dem Standort zu belassen - egal in welcher Form - würde voraussetzen, dass wir diesen Standort in ein Endlager verwandeln können. Das heißt: alle Kriterien eines Endlagers müssten erfüllt werden. Aber dies ist nach mir bekannten Vorschlägen bisher keinem gelungen", sagte er der DW. Also habe man zu einer temporären Lösung greifen müssen.

Der neue Schutzmantel ist auf 100 Jahre angelegt. Politiker und Experten hoffen, dass man bis dahin eine Lösung für die Bergung der hochradioaktiven Überreste finden wird, die sich dann unter dem NSC befinden werden. Aber immerhin hätten Experten bereits damit begonnen, einen Plan zu erstellen, wie der alte Sarkophag demontiert werden könnte, berichtete Viktor Salisezki. Unklar sei noch die Finanzierung. "Die Demontage instabiler Konstruktionen des Sarkophags sowie weitere Arbeiten unter dem neuen Schutzmantel wird die Ukraine wohl selbst finanzieren müssen", vermutet Salisezki. Wann dies geschehe, werde von der wirtschaftlichen und finanziellen Lage im Land abhängen.

Auf die Ukraine kommen Kosten zu

Portrait von Norbert Molitor (Foto: DW)

Norbert Molitor: Wann das Tschernobyl-Problem endgültig gelöst wird, ist unklar

Norbert Molitor weiß, wie schwierig es ist, Geld für die Beseitigung der Folgen der Katastrophe von Tschernobyl zu sammeln. Er hatte die Geberkonferenzen mitorganisiert, bei denen weltweit 980 Millionen Dollar für den NSC zusammenkamen. Wann das Tschernobyl-Problem endgültig gelöst wird, wagt der Experte nicht vorauszusagen. "Dabei ist sicherlich von einem Vielfachen der einen Milliarde auszugehen", sagte er. Politiker würden nicht für eine so lange Zeit voraus denken. Das Geld für den neuen Schutzmantel sei nur zusammengekommen, als klar geworden sei, dass der alte jederzeit einstürzen könne.

Nach der Fertigstellung des neuen Schutzmantels im Herbst 2015 werden auf die ukrainische Regierung neue Ausgaben für den Betrieb des gigantischen Objekts zukommen. Diesbezüglich bestehen bislang keine Vereinbarungen mit internationalen Geldgebern. Sie haben Hilfen nur für den Bau des NSC zugesagt.