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Podcast Wirtschaft

Jahresrückblick 2001: Weltwirtschaft

Wachstumsdelle oder Rezession?
Die Weltkonjunktur war schon vor dem 11.09. auf Talfahrt

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Die Weltwirtschaft: Wachstumsprognosen nach unten korriegiert

Nach den Ereignissen in New York und Washington allerdings verstärkte sich diese Negativentwicklung - jedenfalls kurzfristig. Die direkten materiellen Kosten der Anschläge wurden mit über 30 Milliarden US-Dollar beziffert, Wertschöpfungsverluste durch Ausfälle unter anderem in der Transport- und Touristikbranche auf weltweit 40 Milliarden Dollar. Wachstumserwartungen wurden reihenweise nach unten korrigiert. Der Chef-Ökonom der Dresdner Bank, Rolf Schneider, fasst es so zusammen:

"2001 ist das schwächste Jahr weltwirtschaftlich seit dem Jahr 1982. Es gibt auch in den neunziger Jahren kein Jahr, das ein so geringes wirtschaftliches Wachstum geboten hat."

Als besonders problematisch wird von den Wirtschaftswissenschaftlern eingeschätzt, dass sich erstmals seit Jahrzehnten die ökonomisch führenden Weltregionen - USA, Europa und Japan - gleichzeitig in einer Krise befinden. In den USA fand heuer die bisher längste Aufschwungperiode seit über 150 Jahren ein Ende. Europa litt unter nachlassender Binnenkonjunktur und rückläufigen Exporten, Kursrückgängen an den Börsen und nicht zuletzt unter den Kosten der Tierseuchen. In Japan wurden der seit Jahren chronisch schwache Verbrauch und die Bankenkrise infolge fauler Kredite wieder sichtbarer. Die Entwicklungsstaaten schliesslich wurden hart in Mitleidenschaft gezogen haben: Ausländische Investitionen sind dort völlig zum Erliegen gekommen.

"Die Anschläge haben die ins Stottern gekommenen Motoren der Weltwirtschaft weiter gebremst", so die Weltbank in einer Studie vom November dieses Jahres. Für Afrika, Asien und Lateinamerika werde das Wachstum in den Entwicklungsländern im Durchschnitt nur 2,9 Prozent betragen. Das ist nur etwa halb soviel wie im Jahr 2.000. Für das kommende Jahr hält die Weltbank in den Entwicklungsstaaten ein Wachstum von 3,7 Prozent nur für möglich, falls sich die Weltkonjunktur bis Mitte 2002 erholt.

Anzeichen für eine Erholung in den USA wurden jedenfalls bereits ausgemacht: Der Einkaufsmanagerindex weist auf eine verbesserte Auftragslage hin. Zinssenkungen der wichtigsten Notenbanken der Welt führten zu größerer Liquidität, Steuerentlastungen, staatliche Hilfsprogramme und eine Erhöhung der Militärausgaben in den USA bewirkten ein Übriges. Hoffnungsfaktor Vereinigte Staaten: Vieles spreche dafür, so der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), dass die Amerikaner, die "auf eine fundamentale Bedrohung stets mit einer 'jetzt erst recht'-Haltung reagierten, sogar wirtschaftlich gestärkt aus der aktuellen Situation herauskommen könnten".

Ludolf von Wartenberg, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes erwartet weltweit eine wirtschaftliche Erholung. Dies werde auch die Auftriebskräfte in Deutschland stärken:

"Der Export von Gütern und Dienstleistungen macht ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus. Insgesamt hängen in Deutschland neun Millionen, also knapp ein Viertel der Arbeitsplätze, vom Außenhandel ab. In der deutschen Industrie stehen sogar zwei Drittel aller Arbeitsplätze in direktem oder indirektem Zusammenhang mit den Exporten."

Franz Schoser, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), nennt als Hauptgründe für den konjunkturellen Einbruch die Unsicherheiten durch den Kampf gegen den internationalen Terror, das Verschieben von Kaufentscheidungen durch Konsumenten und die Zurückhaltung von Unternehmen bei
Investitionen. Die weltweite Wirtschaftsleistung werde das Jahr 2001 mit "einer schwarzen Null" beschliessen. Und wie geht es weiter?

"Positive Erwartungen hat die Exportwirtschaft für den Handel mit den mittel- und osteuropäischen Ländern. Auch für die Europäische Union - dem wichigsten Absatzgebiet deutscher Ausfuhren - hegen die Unternehmen verhaltene Zuversicht. Hoffnungen richten sich auch auf die USA - basierend auf den dort eingeleiteten Schritten zur Wirtschaftsentwicklung. Der niedrige Euro begünstigt weiterhin die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exporteure gegenüber Anbietern von außerhalb des Euro-Raums."

Nach der Jahreswende sehen deutsche Wirtschafts-Institute die Rückkehr der Konjunktur auf einen verhaltenen Wachstumskurs. Oscar-Erich Kuntze vom Münchner IFO-Institut etwa meint:

"Die deutliche Belebung der Weltkonjunktur erfaßt auch die asiatischen Schwellenländer, Lateinamerika - vor allem Mexiko - sowie Mittel- und Osteuropa. Sie wird jedoch eine geringere Dynamik entfalten als im letzten Aufschwung. Die weltweite Konjunkturbelebung spiegelt sich auch im Welthandel wieder. Dieser dürfte in 2002 um etwa 3,5 Prozent expandieren, nachdem er heuer gegenüber dem vorigen Jahr annähernd stagniert."

Eine nachhaltige Aufwärtstendenz für Entwicklungs- und Schwellenländer setze allerdings voraus, dass die Industriestaaten bei laufenden Verhandlungen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) dazu bereit seien, ihre Märkte insbesondere für Textilien und Agrarprodukte zu öffnen. Hier seien vor allem die acht führenden Industrienationen (G-8) gefragt. Dazu Dieter Schulte, noch Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB):

"Wir sind der Meinung, daß bei gemeinsamen Anstrengungen der G-8-Staaten ein Wachstum von jenseits der zwei Prozent, eher an drei Prozent heran schon möglich ist. Das zweite, was wir vermitteln wollen, ist, daß der sogenannte Technologietransfer in die Drittstaaten erleichtert wird, damit diese nicht von diesen Wachstumsraten abgekoppelt werden, sondern im Gegenteil dadurch zusätzliche Chancen erhalten."

Eine Ansicht, die von den Spitzenvertretern der deutschen Wirtschaft durchaus geteilt wird - noch einmal
BDI-Hauptgeschäftsführer Ludolf von Wartenberg:

"Von der WTO-Ministerkonferenz kann ein Signal ausgehen, das weit über die Handelspolitik hinausreicht - ein Signal der Zuversicht, das allen verdeutlicht: die gegenwärtige Herausforderungen der Weltwirtschaft, gerade auch die Probleme der Integration der Entwicklungsländer, können durch ein entschlossenes Handeln der Politik überwunden werden. Nur mit Geben und Nehmen auf breiter Front können die Voraussetzungen für eine dynamische Entwicklung des Welthandels für Wirtschaftswachstum und für neue Arbeitsplätze nachhaltig verbessert werden."

Eine Furcht im Zuge der Terroranschläge war jedenfalls unbegründet: Die Preise für Rohöl sind nicht sprunghaft gestiegen. Von dieser Seite her steht einer Erholung der Weltkonjunktur nichts im Wege. Mit Solidarität der erdölproduzierenden Ländern (OPEC) gegenüber der westlichen Welt hat das wenig zu tun, auch wenn der Anteil der OPEC an der Welt-Ölversorgung wieder auf 40 Prozent gestiegen ist. Ihr Einfluss auf den Ölmarkt ist gering,
ihr Handlungsspielraum nur eng begrenzt. Ihr Dilemma: Sie befindet sich in einer doppelten Zwickmühle. Drosselt sie die Förderung, so ist ein Anstieg des Ölpreises - zumal bei lahmender Weltkonjunktur - keinesweg garantiert.

Das Risiko von Mindereinnahmen ist hoch. Auch Länder wie Saudi Arabien, besonders aber Iran und Venezuela könnten mit ihren Staatsfinanzen in eine noch größere Schieflage geraten, da sie ihre Haushalte weitgehend aus den Öleinnahmen finanzieren. Das gilt auch für eine Reihe von Nicht-OPEC-Förderländern wie zum Beispiel Russland. Selbst Saudi Arabien verfügt zur Zeit über nur geringe finanzielle Reserven, auf die im Ernstfall zurückgegriffen werden könnte. Durch den Verfall der Aktienkurse haben auch sie bei ihren Anlagen in westliche Industriewerte viel Geld verloren.

Aber die Aktienmärkte der Welt scheinen einen neuerlichen Aufschwung bereits zu wittern. Selbst die einstweilen ins Trudeln geratenen Börsennotierungen der sogenannten High-Tech-Industrie konnten wieder an Boden zu gewinnen. Für die meisten Beobachter überraschend schnell erholten sich die Kurse nach den Anschlägen in den USA. Optimisten wollen sogar schon Anzeichen für einen neuerlichen Boom etwa der Internet-Wirtschaft ausmachen. Susanne Teltscher ist Mitautorin einer Studie der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD):

"Wir meinen, daß der elektronische Handel weiterhin sehr schnell wachsen wird und nur unwesentlich von der momentanen wirtschaftlichen Situation beeinflußt ist. Wir rechnen damit, daß der Anstieg der Ausgaben im Informationstechnologiebereich über die nächsten zwei Jahre wieder auf acht bis zehn Prozent pro Jahr steigen wird. Wir schätzen, daß sich die Zahl der Internet-Nutzer weltweit bis Ende 2004 auf eine Milliarde verdoppeln wird. Und wir schätzen, daß die Ausgaben im business-to-consumer-Bereich um 36 Prozent im nächsten Jahr steigen wird."

Die meisten asiatischen Länder hätten gute Chancen, den Anschluß an die Entwicklung in den Industriestaaten zu halten. Dies gelte besonders für China, nachdem das bevölkerungsreichste Land der Welt der Welthandelsorganisation WTO beigetreten ist. Susanne Teltscher:

"Das heißt: China wird in den nächsten Jahren zunehmend seine Märkte unter anderem für Telekommunikation und Finanzdienstleistungen öffnen, was sich natürlich positiv auf die weitere Entwicklung des elektronischen Handels in China auswirken wird."

Trotz bereits weitestgehend geöffneter Märkte ist der wirtschaftliche Abstand zwischen den 13 Beitrittskanidaten und den heutigen EU-Ländern noch enorm. Damit dieser Abstand kleiner wird, brauchen die künftigen Mitglieder ein deutlich höheres Wachstum als die heutige EU. Vor dem Hindergrund der schwächeren Weltkonjunktur ging aber auch in den Beitrittsländern das Wachstum zurück. Betrug es im vergangenen Jahr für alle 13 Bewerber im Schnitt noch 4,8 Prozent, so dürfte es in diesem Jahr null betragen.

Allein an dieser Zahl gemessen wäre es einstweilen vorbei mit der Aufholjagd, die Bewerberstaaten fallen zurück. Trösten kann man sich allerdings damit, dass es sich hierbei um eine Durchschnittsbetrachtung handelt und eine differenziertere Analyse ein etwas positiveres Bild vor allem der ehemals zentralwirtschaftlich organisierten Länder ergibt. Das Nullwachstum als Durchschnittszahl wird nämlich allein von der Türkei verursacht, wo die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um fast sieben Prozent zurückgeht.

Nimmt man die zehn osteuropäischen Staaten allein, so ist zwar im Vergleich zum Vorjahr auch hier eine Abschwächung des Wachstums auszumachen, aber der Rückgang hält sich mit einer Verringerung von 3,7 Prozent im vergangenen Jahr auf 3,1 Prozent in diesem Jahr noch in erträglichen Grenzen. Nach der Einschätzung von EU-Kommissar Günter Verheugen haben die Beitrittsländer Fortschritte gemacht:

"Bei den wirtschaftlichen Kriterien ist es so, dass zehn Kandidatenländer funktionierende Marktwirtschaften sind und auch endweder schon heute oder in naher Zukunft in der Lage sein werden, den Wettbewerbsdruck auf dem Binnenmarkt stand zu halten."

Wichtiger als kurzfristige Wachstumseinbußen seien beim Blick insbesondere auf Russland die strukturellen Reformen, so Johannes Linn, Vize-Präsident der Weltbank:

"Ganz grob ganz kann man sagen, daß in den letzten zwei bis drei Jahren die Talsohle, die sehr schwierig war für die Länder im allgemeinen, jetzt wohl durchlaufen ist, daß alle Länder sich jetzt in einer Wachstumsphase befinden. Besonders wichtig für die Region jetzt Russland und die Ukraine, die jetzt ein verhältnismässig hohes positives Wachstum verzeichnen. In dem Sinne kan man jetzt allgemein ganz optimistisch sein."

Linn stellt der Moskauer Führung grundsätzlich gute Noten aus:

"Seit Herr Putin an die Regierung gekommen ist, sehen wir mit großer Zufriedenheit, daß die Regierung insbesondere unter dem Wirtschaftsminister Gref ein gutes Programm zusammengestellt hat. Das Programm wird jetzt auch langsam realisiert und man sieht einige Bereiche, wo es jetzt besser geht: in der Steuerreform zum Bespiel. Im Bereich Bodenrechtsreform passiert jetzt endlich etwas, was sehr wichtig ist, um Investoren zu helfen."

E N D E

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  • Datum 18.12.2001
  • Autorin/Autor Thomas Kirschning
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