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Politik

Jagdszenen in der Hauptstadt

Es ist nicht nur eine Metapher für den harten Überlebenskampf im politischen Washington. Immer mehr wilde Tiere tummeln sich im Großstadtdschungel der US-Hauptstadt.

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Udo Bauer

Jeder, der bei Nacht durch die Straßen läuft oder der – wie ich – in einer Erdgeschosswohnung in Downtown wohnt, hat schon einmal ihre Bekanntschaft gemacht. Washingtons Ratten haben einen Ruf über die Grenzen des Districts of Columbia hinaus. Sie sind laut, superdreist, riesengroß und heißen in meiner Nachbarschaft am Dupont Circle "German Rats", was aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammen muss, denn Biologen ist diese Bezeichnung nicht geläufig.

Washingtons Nager müssen sich jetzt vorsehen, denn ihre Vormachtstellung ist gefährdet. Während einer Bootsfahrt auf dem Anacostia River konnte ich vor einiger Zeit Szenen beobachten, die mich an Heinz Sielmanns Tiersendungen in den siebziger Jahren erinnerten. Auf Pfählen am Flussufer saßen ein halbes Dutzend Ospreys, das sind nordamerikanischer Fischadler, einige zerpflückten genüßlich eine Ratte von der Größe eines Kaninchens.

Gute Unterhaltung beim Luftkampf

Überhaupt hätten Ornithologen in der US-Hauptstadt ihre wahre Freude. Hier tummelt sich eine atemberaubende Vielfalt von Raubvögeln. Riesige Bussarde und Habichte zum Beispiel jagen unbeeindruckt von menschlicher Anwesenheit in den städtischen Parks und Gärten kleinere Vögel, Ratten, Eichhörnchen und Streifenhörnchen.

Spannend wird es, wenn die Raubvögel in die Nähe von Rabennestern kommen. Dann spielen sich Luftkämpfe ab, die die Flugszenen des Films "Top Gun" in den Schatten stellen. Denn die Washingtoner Raben sind Meister der Abfangjagd und legen - vor allem, wenn ihre Brut bedroht ist - keinerlei Angst an den Tag, wenn die Bussarde mit ihren scharfen Schnäbeln ausholen. Mit der Beobachtung dieser tierischen Auseinandersetzungen kann man sich durchaus eine Stunde lang gut unterhalten – "Fear Factor" ohne Werbeunterbrechung.

Kojoten am Rock Creek

Fressen und gefressen werden – der Lauf der Natur läßt sich von der urbanen Kulisse nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Zumal die Tiere an der Spitze der Nahrungskette außer vom Straßenverkehr nicht bedroht sind. Denn wer versuchen sollte, in Washington D.C. auf die Jagd zu gehen, um dem wilden Treiben mit der Flinte Einhalt zu gebieten, der wird entweder von der Heimatschutzbehörde wegen Terrorismusverdacht nach Guantanamo Bay verbannt oder gleich in Notwehr erschossen.

Aber Spaß beiseite: Jäger mit Hundemeuten könnten tatsächlich bald am wunderschönen Rock Creek Parkway Wirklichkeit werden. Denn an diesem bei Joggern und Radfahrern beliebten, bewaldeten Bachlauf im Stadtzentrum wurden neulich die ersten Kojoten gesichtet. Diese Allesfresser stehlen den vielen Füchsen die Show, die in zunehmendem Masse und vor Dreistigkeit strotzend private Gärten als ihr Revier markieren und sie so verwilderten Katzen, Rehen und Waschbären als Jagdgrund streitig machen. Was kommt wohl als Nächstes, fragen sich jetzt viele Washingtonians. Schwarzbären aus den Appalachen, die die Jagd auf die Jogger eröffnen oder sich im Nationalzoo nach einem Partner fürs Leben umsehen? Dann könnte es wirklich interessant werden…