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Afrika

Jagd auf Schmuggler vor Nigerias Küste

Vor der Küste Nigerias gefährden Schmuggler und Piraten die Schifffahrt. Um dieser Gefahr zu begegnen, lässt sich im Rahmen der Marineübung "Obangame Express" eine deutsche Fregatte von nigerianischen Soldaten entern.

Das Frachtschiff "MV Stannis" ist vor Wochen aus dem libyschen Hafen Bengasi ausgelaufen, hat die Straße von Gibraltar passiert und dann Südkurs gesetzt. Nun steuert der Frachter, der schon bessere Tage gesehen hat, den Hafen von Lagos in Nigeria an. Auf der Brücke steht Kapitän Dirk Smith, ein schlanker Mann, Jahrgang 1968. Mit seinem Fernglas sucht er immer wieder den Horizont ab, da krächzt das Funkgerät: Die nigerianische Fregatte "Thunder" will Angaben zu Schiffsdaten und Ladung in Erfahrung bringen. Sein Schiff habe generelle Fracht, Maschinen und Ersatzteile geladen, antwortet Kapitän Smith - und weiß, das ist eine Lüge! Denn auf der "MV Stannis" werden Waffen geschmuggelt.

Rollenspieler bei der Übung des Manövers Obangame Express auf der Schiffsbrücke (Foto: DW/Kriesch/Drechsel)

Alles nur ein Spiel: Auf der Brücke nehmen die deutschen Soldaten ihre Rollen ein

Doch das Schiff heißt nicht wirklich "MV Stannis", sondern "Hamburg", es ist auch kein altes Frachtschiff, sondern eine moderne deutsche Fregatte. Kapitän Dirk Smith heißt in Wirklichkeit Dirk Steffen und ist Kapitän in der deutschen Marine. Die "Hamburg" und Steffen stellen im Rahmen der multinationalen Marineübung "Obangame Express" lediglich Waffenschmuggler dar. Bei dem Manöver vor der westafrikanischen Küste wollen 20 Länder Einsätze gegen Schmuggler und Piraten trainieren. Es geht vor allem darum, Kommunikation, Befehlsketten und das sogenannte Boarding - also das Betreten fremder Schiffe - zu üben.

Das Boarding-Team kommt im Speedboot

Von der "Thunder" wird ein Speedboot zu Wasser gelassen, an Bord sind zehn Soldaten. Ihr Boot pflügt durch die Wellen, umrundet die "MV Stannis" einmal, kommt dann an Backbord und steuert die an der Bordwand heruntergelassene Lotsenleiter an. Zwei Soldaten bleiben im Speedboot, die acht anderen klettern - mit Sturmgewehren bewaffnet - einer nach dem anderen die schwankende Strickleiter hoch.

An Bord des verdächtigen Frachters sichern die in Schwarz gekleideten Soldaten mit ihren Waffen Durchgänge und Schiffstreppen und halten Besatzungsmitglieder in Schach. Vorsichtig stoßen sie bis zur Brücke vor und treffen dort auf Kapitän Dirk Smith. Der imaginäre Waffenschmuggler stellt sich den Männern in den Weg, fordert sie auf, "sein" Schiff wieder zu verlassen. "Turn around!", ruft der Soldat mehrfach. "Umdrehen!" Als Kapitän Smith der Forderung nicht nachkommt, drücken die Soldaten ihn zu Boden und legen ihm Handfesseln an.

Fotos von Waffen auf Pappkartons

Nigerianischer Soldat sichert bei Übung des Manövers Obangame Express ein Schiff (Foto: DW/Kriesch/Drechsel)

Alles im Blick: Mit Sturmgewehren sichern die nigerianischen Soldaten das Schiff

Ein Deck tiefer sichern zwei nigerianische Soldaten zwei weitere Rollendarsteller, lassen sich deren Papiere aushändigen. Von oben kommt Kapitän Smith mit seinen Bewachern, sie verschwinden durch ein Schott ins Innere des Schiffes. Kurze Zeit später kommt ein Soldat wieder an Deck - mit einem weiteren Besatzungsmitglied der "MV Stannis".

Unten im Frachtraum durchsucht das nigerianische Boarding-Team die Ladung und wird fündig: Auf Pappkartons sind Fotos von Waffen aufgeklebt. Die Konsequenz ist klar: Als die Gruppe wieder in das Sonnenlicht tritt, erfährt Kapitän Smith, dass er sein Schiff unter Begleitung der "Thunder" in den Hafen von Lagos steuern soll und das Boarding-Team bis dahin an Bord der "MV Stannis" bleiben wird. Damit ist die Übung beendet.

"Das war zumindest schon eine professionelle Performance, die hier abgeliefert worden ist", resümiert Fregattenkapitän Steffen. Man habe gemerkt, dass das Team intensiv ausgebildet und auch mit westlichen Standards konfrontiert wurde.

Der Offizier sieht aber dennoch Verbesserungspotenzial: "Sie sind jetzt hier ohne Wasser und medizinische Ausrüstung an Bord gekommen", sagt er. Ein solches Boarding könne mehrere Stunden oder sogar einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. "Dann wird ein Team durchaus an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit kommen. Im Falle einer Verletzung wären sie so außerdem nicht in der Lage, diese mit eigenen Mitteln zu versorgen." Ohne die Boarding-Übung bei praller Sonne und Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius wäre diese Fehlerquelle vielleicht erst bei einem echten Einsatz gegen Schmuggler im Golf von Guinea aufgefallen.

Deutsche und nigerianische Soldaten tauschen Abzeichen (Foto: DW/Kriesch/Drechsel)

Alles gut gelaufen: Am Ende der Übung werden Abzeichen getauscht

"Das wird uns helfen"

Die Nigerianer sind vom Manöver "Obangame Express" begeistert - nicht nur wegen des Aufdeckens von Gefahrenquellen. "In den vergangenen zwei Wochen waren drei deutsche Soldaten bei uns in der Kaserne und haben uns Taktiken gezeigt, die wir bislang nicht angewandt haben", sagt ein Boarding-Soldat, der seit zwölf Jahren in Nigerias Armee dient. "Das wird uns helfen und dafür danken wir ihnen."

Kurz bevor die Nigerianer die "Hamburg" wieder verlassen, werden militärische Abzeichen ausgetauscht und Gruppenfotos gemacht. Dann steigt das Boarding-Team wieder ins Speedboot, um zur "Thunder" überzusetzen und im Golf von Guinea Jagd auf echte Schmuggler und Piraten zu machen.

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