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Europa

"Jagd auf Flüchtlinge" in Bulgarien

Bulgarien gilt als mögliche Ausweichroute für Flüchtlinge, doch sie sind dort nicht willkommen. Ein Bulgare ruft mit seiner Bürgerwehr im bulgarisch-türkischen Grenzgebiet sogar zur Jagd auf Flüchtlinge auf.

Das Dorf Dolno Yabalkovo im Grenzgebiet (Foto: DW/Vaksberg)

Das Dorf Dolno Yabalkovo im Grenzgebiet

"Von unserem Dorf bis zur Grenze sind es nur sieben Kilometer. Alle, die es über den Grenzzaun schaffen, gehen an unserem Dorf vorbei", erzählt Kosta, ein 76-jähriger Ziegenhirte. Kosta ist einer der insgesamt 18 Dorfbewohner von Dolno Yabalkovo - einer Ortschaft, in der das Brot dreimal pro Woche geliefert wird und Handys kaum Empfang haben. Neulich hat es Dolno Yabalkovo in die überregionalen Nachrichten geschafft - dank Dinko. Dinko ist ein junger Mann aus der benachbarten Stadt Yambol, der mit seinem Quad im Wald neben dem Dorf unterwegs war und angeblich "mit bloßen Händen 25 Flüchtlinge geschnappt" habe, wie einige bulgarische Boulevardmedien jubelten. Zurzeit versucht Dinko, Freiwillige für eine sogenannte "Jagd auf Flüchtlinge" zusammenzutrommeln. "Alle, die wir schnappen, bleiben in unseren Händen. (…) Es ist klar, dass ich sie umbringen möchte, sie wollen mich auch umbringen, oder?" sagte er in einem Interview mit einem bulgarischen TV-Sender - und macht keinen Hehl aus seiner Gewaltbereitschaft.

Der Ziegenhirte Kosta im bulgarischen Dorf Dolno Yabalkovo (Foto: DW/Vaksberg)

Der Ziegenhirte Kosta wirbt für mehr Mitgefühl - und hält nicht viel von Dinkos Plänen

Ein "Superheld" auf Facebook

Auch in einem Gespräch mit der DW behauptet Dinko, dass sein Vorhaben völlig in Ordnung sei: "Wenn sie Bomben zünden dürfen, dann darf ich das auch", sagt er. In seinen Augen ist alles ganz einfach: Jeder Flüchtling sei ein Dschihadist. Er bestätigt die Nachricht, dass seine sogenannte "Bürgerwehr" am 11. März mit der Grenzüberwachung anfangen will.

Doch die bulgarische Polizei beschäftigt sich noch nicht mit dieser gewaltbereiten Initiative: Das geht aus den Aussagen der Innenministerin Rumiana Batschvarova hervor. Sie hat die Medien aufgerufen, die Polizei über etwaige Unregelmäßigkeiten zu informieren - und Dinkos Vorstoß lediglich als "unüblich" bezeichnet.

"Dinko ist nicht ernst zu nehmen", sagt ein Vertreter der lokalen Politik, der anonym bleiben möchte. "Er will nur ins Rampenlicht und macht immer wieder verrückte Sachen: einen Panzer auf der Landstraße fahren, ein Pferd auf dem Hauptplatz reiten oder eben mit seinem Quad die Passanten auf dem Bürgersteig jagen." Gleichzeitig ist Dinko, nach eigenen Aussagen ein erfolgreicher Altmetallhändler, oft auch im Ausland unterwegs. Eine seiner letzten Reisen habe ihn sogar nach Damaskus geführt, wo er Maschinenteile verkauft habe. Und auf Facebook schreibt er, Damaskus sei "voll von Dschihadisten". In einem Kommentar zu diesem Posting ermuntert ihn ein Freund dazu, sie alle umzubringen. Viele bulgarische Facebook-User feiern Dinko als "Superhelden".

Hetze statt Fakten

In der neugegründeten Facebook-Gruppe der Bürgerwehr haben sich bereits zwanzig Freiwillige gemeldet. Fast alle sind auch begeisterte Quad-Fahrer. Einige von ihnen haben Dinkos Initiative in den lokalen Medien verteidigt, dann aber einen Gang runtergeschaltet, weil sie keine politische Unterstützung bekommen haben. So zum Beispiel Slav Slavov, ein ehemaliger Bürgermeisterkandidat aus dem Dorf Vesselinovo, Mitglied der in Sofia regierenden GERB-Partei. Vor den Medien tritt er als einer der Freiwilligen auf, verlangt "mehr Nationalismus" und dass "die Menschen endlich die Kontrolle übernehmen". In einem DW-Gespräch beklagt er sich nun, dass ihn die Partei wegen des Interviews "plattgemacht habe" und er sich zurückziehen musste. Er bleibe aber ein entschiedener Gegner der Flüchtlinge. "Gehen Sie mal zu einem der Grenzdörfer, dort sehen Sie die weinenden alten Menschen, die ja von den Fremden angegriffen und beraubt werden!" wettert er.

Bulgarien Dolno Yabalkovo (Foto: DW/Vaksberg)

Slav Slavov behauptet, alte Menschen würden in den Grenzdörfern von Fremden beraubt

Doch im Grenzdorf Dolno Yabalkovo beklagt sich keiner. Von Raubüberfällen durch Flüchtlinge hat hier auch noch niemand gehört. "Wie kann man bloß so reden!" regt sich der Hirte Kosta auf. "Die Menschen fliehen vor dem Krieg, sie kommen nackt, barfuß und durstig hierher." Es sei nur menschlich, ihnen zu helfen, das Notwendigste für sie zu besorgen - und erst dann die Polizei zu benachrichtigen, so Kosta. Er selbst tue das sehr oft, wenn er Flüchtlingen begegne.

Mit Maschinengewehren gegen Flüchtlinge?

Im aktuellen Grenzbericht steht, dass an diesem Tag drei illegale Grenzgänger festgenommen wurden. Doch diese Zahlen werden steigen, behaupten die Grenzbehörden. Nach Bulgarien kommen zurzeit monatlich etwa 1500 Flüchtlinge, hauptsächlich aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Sie wollen meist weiter über Serbien nach Westeuropa reisen.

Auch die Menschen im Dorf erwarten, dass die Zahl der Flüchtlinge steigt. Es wird versucht, mit den Neuankömmlingen menschlich umzugehen. "Wie sie nur nach dem Brot trachten! Als ob sie nie in ihrem Leben Brot gesehen haben!" sagt Kosta. "Und die Schuhe - ganz kaputt, schrecklich. Vor kurzem haben wir ein paar Kindern hier in dem Laden etwas zu essen gegeben. Was will Dinko mit ihnen machen? Sie etwa schlachten?"

Doch ein anderer Ziegenhirte fordert, man solle mit Maschinengewehren auf Flüchtlinge schießen. Seinen Namen will er nicht preisgeben, er spricht mit russischem Akzent und erzählt, dass er in Baku geboren ist und zur Zeit der Sowjetunion in Afghanistan gekämpft hat. Er wolle sich nicht von "rührenden Geschichten über hungernde Kinder und Frauen" täuschen lassen. Sie seien allesamt Terroristen, findet er - und man müsse sie mit allen Mitteln abwehren. Das sieht ein Grenzpolizist genauso: Die Grenzpolizei allein könne die Flüchtlinge nicht aufhalten, deswegen brauche man Leute wie Dinko, sagt er der DW-Reporterin. Auch der Zaun an der Grenze zur Türkei, den die Regierung angeblich schnell ausbauen würde, sei überhaupt kein Hindernis, fügt er hinzu. Bald aber hört er sich ganz anders an, denn ein Kollege kommt mit Kaffee in zwei Plastikbechern. Doch, die Grenzbehörde würde die Grenze sehr gut kontrollieren, man brauche keine Freiwilligen, der Grenzzaun komme gut voran und werde bald fertig sein: So nun die offizielle Aussage des Grenzpolizisten.

Die junge Russka im bulgarischen Dorf Dolno Yabalkovo (Foto: DW/Vaksberg)

Russka: "Die Flüchtlinge haben keinen anderen Ausweg und sind auf unsere Hilfe angewiesen"

Keine Angst vor den Fremden

Die 25-jährige Russka aus dem Nachbardorf Fakiya begegnet alle paar Tage Flüchtlingen - meist Gruppen von fünf bis sechs Menschen, hauptsächlich junge Männer und Frauen. Die meisten fragen nach dem Weg nach Sofia. "Sie haben keinen anderen Ausweg und sind auf unsere Hilfe angewiesen", sagt sie.

Ob sie Angst vor den Fremden habe, wo doch die Medien immer wieder negativ über Flüchtlinge berichten? "Soll ich etwa Angst vor dir haben? Dich kenne ich ja auch nicht", antwortet Russka der DW-Reporterin. "Dich kenne ich nicht, sie kenne ich nicht, aber wenn ich mit jemandem ein paar Worte austausche, dann weiß ich schon, was für ein Mensch das ist. Meistens stelle ich fest, das ist kein gefährlicher Mensch. Und behalte auch Recht." Dann schaut sie die Reporterin prüfend an und fügt hinzu: "Oder?"

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