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Asien

Jacobson: Afghanistan-Einsatz war erfolgreich

Der stellvertretende ISAF-Kommandeur Jacobson beurteilt den Afghanistan-Einsatz positiv. Es gebe keinen Grund, pessimistisch in die Zukunft zu schauen, sagt der Bundeswehr-General im DW-Interview.

Deutsche Welle: Vor 13 Jahren wurde das Regime der Taliban durch US-Luftangriffe und die von den USA und verbündeten afghanischen Kämpfern geführte Bodenoffensive gestürzt. Heute gibt es wieder fast jeden Tag Anschläge der Taliban. Kann die NATO wirklich mit gutem Gewissen ihren Kampfauftrag beenden?

Jacobson: Der Kampfauftrag der NATO ist bereits mit der Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch die afghanischen Kräfte im Jahr 2013 von diesen weitgehend übernommen worden. Bereits im vergangenen Sommer, während der politisch heiklen Phase der Wahlen und der Auszählung der Wahlergebnisse, haben die afghanischen Sicherheitskräfte weit über 90 Prozent aller Operationen in Afghanistan geführt. Dabei hat es noch Unterstützung durch die NATO-Kräfte gegeben. Dies wird sich jetzt mit Ende des Kampfauftrages auf Beratung und Unterstützung der Führungsorgane der afghanischen Streitkräfte beschränken.

Insofern bin ich sehr optimistisch, dass die afghanischen Streitkräfte erstens in der Lage sind, die Sicherheit im Lande zu garantieren. Sie haben das in zwei Sommern bereits unter Beweis gestellt und wir bleiben in einer neuen Mission mit neuem Auftrag hier, um sie dabei zu unterstützen.

Nach dem Abzug der ehemaligen Sowjet-Armee Ende der 80er Jahre konnte sich das von Moskau eingesetzte Nadschibullah-Regime nur drei Jahre lang gegen die Aufständischen behaupten. Bei seinem Sturz brach ein blutiger Bürgerkrieg aus. Viele Afghanen machen sich Sorgen, dass sich die Geschichte nach dem vollständigen Abzug von NATO- und US-Truppen in zwei Jahren wiederholen wird.

Die Situation beim Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan und die heutige Situation sind völlig unterschiedlich. Am Ende der sowjetischen Besatzung in Afghanistan tobte ein intensiver Krieg der Afghanen gegen die sowjetische Besatzungsarmee. Die von der Besatzungsmacht ins Amt gesetzte Regierung konnte sich nicht halten, weil sie von der Bevölkerung nicht akzeptiert war.

Heute ist die Situation anders: Die internationale Staatengemeinschaft hat mit viel Einsatz und Mühe afghanische Sicherheitskräfte aufgestellt, ausgebildet und ausgerüstet und anschließend die Afghanen bei einem demokratischen Prozess begleitet, der gegen den Widerstand der Aufständischen und mit großer Unterstützung der Bevölkerung zu erfolgreichen Wahlen geführt hat. Wir haben in diesem Sommer das erste Mal in der Geschichte Afghanistans den Wechsel von einem demokratisch gewählten Präsidenten zu einem anderen demokratisch gewählten Präsidenten erlebt.

Was die Gesamtsituation im Lande, was die Entwicklung angeht, ist sie eine ganz andere als beim Abzug der sowjetischen Streitkräfte. Wichtig ist, dass wir stabile Verhältnisse in Afghanistan haben, dass es eine stabile Regierung gibt, die sich im Moment weiterbildet und die in der Lage ist, Afghanistan in wirtschaftlichen Fragen, in Sicherheitsfragen und in Fragen der internationalen Zusammenarbeit in der Region weiter zum Erfolg zu führen.

Wie kann NATO sicherstellen, dass diese Erfolge, die Sie genannt haben, nicht wie im Irak zunichte gemacht werden?

Miniterin von der Leyen mit ISAF-Vizekommandeur Jacobson in Kabul (Foto: Reuters)

Bundesverteidigungsministerin von der Leyen (hier mit ISAF-Vizekommandeur Jacobson) will sich auf die Dauer der Nachfolgemission der Bundeswehr nicht festlegen

Die Erfolge, die ich genannt habe, schlagen sich in messbaren Zahlen nieder. Dabei handelt es sich nicht allein um 350.000 Polizisten und Soldaten, die heute ausgebildet und ausgerüstet zur Verfügung stehen, und wo wir weiter mit Beratungsaktivitäten tätig sein werden. Es geht auch um die Gesamtsituation im Lande, die Verbesserungen bei Infrastruktur, Stromversorgung und im Gesundheitswesen.

Ich nenne nur eine Zahl: Wir haben einen Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von 48 auf 63 Jahre erreicht, das ist nicht nur ein Indikator für eine Verbesserung des Gesundheitssystems, sondern auch für eine Verbesserung der Lebenssituation. Das alles werden die Afghanen mit Sicherheit nicht aufs Spiel setzen wollen. Sie werden kaum einen Afghanen finden, der sich eine Rückkehr zum Regime der Taliban wünscht. Insofern brauchen wir von der NATO die Unterstützung vor allen Dingen da, wo es darum geht, wie man organisiert, wie man plant, wie Streitkräfte geführt werden, wie Polizei geführt wird, wie man Beschaffungen plant. Das ist die wesentliche Aufgabe der Anschlussmission "Resolute Support", die sich auf die Ministerien und oberste Führungsbehörden konzentriert.

Bei der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte haben sogenannte "Insider- Attacken" das Vertrauen zwischen Afghanen und ihren Verbündeten stark beschädigt. Vor einigen Monaten wurden in einer Kabuler Militärakademie ein US-General von afghanischen Soldaten getötet und ein Bundeswehrgeneral verletzt. Wie kann angesichts solcher Ereignisse eine künftige vertrauensvolle Zusammenarbeit funktionieren?

Der General Harold Green, den wir Anfang August verloren haben, war ein persönlicher Freund von mir, und ich kenne diese Situation sehr gut, weil ich damals hier im Einsatz war. Ich war auch im Einsatz 2011 und 2012, als uns die sogenannten Insider- oder "Green-on-blue"-Attacken, wie wir sie nennen, tatsächlich Sorgen bereiteten. Wir haben seit 2012 umfangreiche Maßnahmen ergriffen. Nicht nur wir, sondern auch die Afghanen. Diese Gefahr ist jetzt extrem reduziert. Der Zwischenfall in der afghanischen Offiziersakademie ist eine Ausnahme und der einzige "Green-on-blue"-Zwischenfall, den wir seit Juni in dieser Form erlebt haben.

Dieses ist mit Sicherheit nicht die Hauptbedrohung. Die Hauptbedrohung besteht weiter in den nadelstichartigen Angriffen durch die Taliban gegen willkürlich gewählte Ziele unter den Afghanen.

Welche Lehre zieht die NATO aus ihrem Einsatz in Afghanistan für andere oder zukünftige internationalen Einsätze?

Der wichtigste Aspekt ist: Keine zwei Einsätze sind gleich. Aber eine der wichtigsten Erkenntnisse ist sicherlich, dass wir ein System brauchen, mit dem wir sehr rasch in der Lage sind, in Staaten, in denen es erforderlich ist, ein Sicherheitssystem aufzubauen, und es an internationalen Rechtsnormen und Wertevorstellungen zu orientieren. Sicherlich nicht immer gemäß idealen westlichen Demokratievorstellungen, aber unter Einhaltung aller Rahmenbedingungen humanitären Völkerrechts. Und diese Sicherheitskräfte müssen so ausgebildet, ausgestattet, ausgerüstet und begleitet werden, dass sie in der Lage sind, das Monopol der Gewalt in der Hand der Staatsregierung zu halten und die Sicherheit zu garantieren. Erst wenn das der Fall ist, ist unser Auftrag erledigt und wir können uns zurückziehen.

Deutschland wird am Hindukusch verteidigt, sagte er ehemalige Bundesverteidigungsminister Peter Struck. Gilt dieser Satz immer noch?

Der Satz, den der Minister Peter Struck damals gesagt hat, war ja bildlich gemeint. Er bezog sich auf Anschläge und Anschlagsdrohungen in westlichen Städten, konkret in Washington, New York, später in London und Madrid und auch dieser Tage in vielen Städten der westlichen Welt. Er wollte sagen, dass diese Verteidigung für den Frieden und Sicherheit unserer Bürger eben nicht dort geführt wird, wo Anschläge stattfinden, sondern dort, wo Anschläge entstehen. Deshalb sind wir nach Afghanistan gegangen und 13 Jahre geblieben. Deswegen unterstützen wir die Afghanen. Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, dass sich nie wieder ein Terrorregime auf afghanischem Boden etabliert.

Mit welchen Eindrücken und Gefühlen nehmen Sie, als Bundeswehroffizier und stellvertretender ISAF-Kommandeur, Abschied von diesem Land?

Ich nehme noch nicht Abschied. Ich werde in dieser Funktion zunächst einmal sechs weitere Monate im Rahmen von "Resolute Support" hier im Einsatz stehen und in der Funktion des Stellvertreters diese Mission weiter begleiten. Ich selber war hier 2011 und 2012 und sage ganz offen, dass ich frohen Herzens wieder nach Afghanistan gegangen bin, weil ich die Menschen hier mag und ihnen den Frieden gönne. Weil ich hoffe, dass dieses Land es nach 30 Jahren Krieg schaffen wird, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, die Aufstandsbewegung zurückzudrängen und zu einem normalen staatlichen Leben zu kommen.

Der schönste Lohn ist es, in die Augen der kleinen Kinder zu gucken, die in die Schule gehen und die die Zukunft des Landes sind. Ich bin gerne in Afghanistan, ich bin gerne bei diesen Menschen, ich helfe gerne an diesem Ort. Als ich das letzte Mal gegangen bin, hab ich ein kleines Stück Afghanistan mit nach Hause genommen und so wird es im Juni nächsten Jahres wieder sein.