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Alltagsdeutsch – Podcast

Jacke wie Hose

Für manche sind sie Jacke wie Hose. Andere schütteln sie nur so aus dem Ärmel. Alte Hüte sind selten darunter. Auch die menschliche Bekleidung hat in deutschen Redewendungen ihre Spuren hinterlassen.

Sprecher:

Bei Hochwasser denken in Köln alle an den Rhein. Doch kann auch der Mann auf der Straße Hochwasser haben. Das ist natürlich wesentlich weniger tragisch. Dafür sieht es aber auch nicht besonders schön aus, wenn seine Hosenbeine fünf Zentimeter über dem Schuh bereits enden. Hochwasser haben oder mit abgesägten Hosen dastehen – das sind Redewendungen, deren Entstehung etwas mit Kleidung zu tun hat. Viele von ihnen stammen aus der Zeit der Germanen. Einige haben ihren Ursprung im Lehnswesen des Mittelalters und andere haben lateinische Wurzeln. Heute jedoch benutzen wir diese Redewendungen oft in anderen als den ursprünglichen Zusammenhängen. Die meisten dieser Ausdrücke sind vergleichsweise harmlos. Dennoch sollte man Acht geben, wo und in welcher Situation man sich ihrer bedient. In einem vornehmen Kölner Hutgeschäft zeigte man sich nämlich ganz indigniert, als unsere Reporterin auf ihrer Recherchetour nach alten Hüten fragte.

Sprecherin:

Von wegen alte Hüte. Das sahen die beiden Damen in dem Hutgeschäft aber ganz anders. Von alten Hüten wollten sie nichts wissen. Nicht in ihrem Geschäft. Schließlich führten sie nur die modernsten und neuesten Modelle. Die beiden eifrigen Damen hüteten zwar die Ehre des Ladens, aber Ladenhüter sind sie deshalb noch lange nicht. Schließlich ist ein Ladenhüter ein Gegenstand, der sich nicht gut verkaufen lässt. Wie die alten Hüte, die es in diesem Laden eben nicht gab. Und von denen man auch nicht sprechen durfte. Also fragte ich, statt mich an Fachleute aus der Modebranche zu halten, doch lieber mal die Fachleute von der Straße nach den alten Hüten.

O-Ton:

"Ja, das ist 'nen alter Hut, das ist bekannt, immer das Gleiche, immer dasselbe. Das kennt man schon."

Sprecherin:

Na also. Vollkommen harmlos. Und wenn Sie nun alle schon wissen, worüber ich hier rede, dann ist das für Sie auch schon ein alter Hut. Aber einige wissen es sicher noch nicht und schließlich kann man nicht aller unter einen Hut bringen. Ich kann es nicht jedem Recht machen.

Sprecher:

Stimmt. Der Hut scheint ein ganz besonderer Bekleidungsgegenstand zu sein, denn es gibt mehrere Redewendungen, in denen er auftaucht. Unter einen Hut bringen bedeutet schlicht und einfach, dass letztendlich ein gemeinsamer Nenner gefunden, eine Entscheidung getroffen wird, die es möglichst allen recht macht. Der Hut war früher ein Symbol für Herrschaft, für die soziale Stellung, das Geschlecht, das Alter, die Religion. In alten Rechtsbräuchen symbolisierte der Hut den Willen, die Herrschaft eines Gutsherrn. Bei so viel Respekt vor einer Person war es angebracht, den Hut abzunehmen, was zu der noch heute gebräuchlichen Bemerkung "Hut ab!" führte, die man benutzt, wenn man von dem, was ein anderer getan hat, begeistert ist, wenn man einen Einfall einer Tat Respekt oder Anerkennung zollt. Das genaue Gegenteil ist dagegen eingetreten, wenn einem etwas über die Hutschnur geht. Und dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass zwar das Wort "Hut" auftaucht und ebenso das Wort "Schnur", was nahelegen könnte, dass der Begriff etwas mit der Anfertigung von Hüten zu tun hat. Aber weit gefehlt! Die Hutschnur war einmal ein Maß für die Dicke eines aus der Leitung fließenden Wasserstrahls. Das Wasser sollte nicht stärker fließen, als eine Hutschnur dick ist. Alles andere ging über die Hutschnur.

O-Ton:

"Das ist das, was über den Verstand geht. Das geht mir über den Hutschnur, über meinen Nerv, das kann ich gar nicht verstehen. Das ist über den Hutschnur."

Sprecherin:

Was man im Leben lernt ist Folgendes: Wer sich nicht an gesellschaftliche Regeln hielt oder auch heute nicht hält, kriegt eins auf den Hut. Heute sagt man salopperweise auch eins auf die Mütze. Es gibt aber Leute, die haben einen an der Mütze, was wirklich sehr umgangssprachlich und extrem unhöflich wäre, würde man es zu Kollegen, Eltern, Vorgesetzten sagen. Unter Jugendlichen ist es allerdings nicht so selten.

O-Töne:

"Du spinnst, heißt das, oder? / Ja würde ich auch sagen. Sonst fällt mir dazu nichts ein, eigentlich."

Sprecherin:

Diese beiden sind sich einig. Es ist Jacke wie Hose, ob man nun sagt "Du spinnst" oder ob man sagt "Du hast einen an der Mütze". Jacke wie Hose – ganz egal, gleichgültig. Es spielt keine Rolle, welche von beiden Ausdrücken ich benutze. Im Zweifelsfalle verärgern Sie denjenigen, der gemeint ist, gleichermaßen. Mal hören, ob die Leute wissen, was Jacke wie Hose ist.

O-Töne:

Jacke wie Hose bedeutet 'Es ist gleich', 'Es ist wurscht', 'Es spielt keine Rolle', ob es Jacke oder Hose ist. Es ist halt 'nen Ausdruck, der zwar mit Textilien zu tun hat, aber es spielt gar keine Rolle. Es ist Jacke wie Hose. / Das Eine ist genauso gleich wie das Andere."

Sprecherin:

Die meisten der Befragten schütteln die Erklärungen nur so aus dem Ärmel, das heißt, sie haben sofort eine Antwort parat, ihnen fällt schon spontan etwas dazu ein. Doch nicht immer stimmen die Erklärungen überein. Wie bei dem Begriff hemdsärmelig.

O-Töne:

"Hemdsärmeliger Typ ist jemand, der mit Ellenbogen arbeitet, der sich durchboxt. / Ja, dat ist einer, der burschikos ist, so alles bisschen polterig macht. / Spießig."

Sprecher:

Drei verschiedene Interpretationen. Und alle drei arbeiten mit Vorurteilen. Bei dem einen ist ein hemdsärmeliger Typ ein Spießer, für den anderen ist er zu polterig, zu trampelig und für den Dritten jemand, der die Ärmel aufkrempelt, um seine Ellenbogen frei zu haben und sich so – im übertragenen Sinne natürlich – den Weg freizukämpfen, seine eigenen Interessen durchzuboxen. Vielleicht steckt von allen etwas in einem hemdsärmeligen Typ. Doch gilt auch die folgende Interpretation: Der hemdsärmelige Typ krempelt die Ärmel auf, um anzupacken. Er ist sich für keine Arbeit zu schade. Bleiben wir fürs Erste bei der Oberbekleidung. Das Hemd ist ebenfalls ein wichtiges Kleidungsstück. Und außerdem hat es symbolischen Charakter. Schließlich gibt es nicht viele Menschen, die für einen ihr letztes Hemd geben würden, oder?

Sprecherin:

Ach doch. Viele Eltern geben für ihre Kinder ihr letztes Hemd. Viele Frauen für ihre Männer, oder umgekehrt. Aber hier ist, was die Leute auf der Straße dazu meinen:

O-Töne:

"Jemand, der teilen kann. / Bedeutet für mich, wenn jetzt, ja, wie jetzt bei meiner, jetzt bei meiner Freundin, wenn die sagt von wegen 'Für dich geb' ich, geb' ich mein letztes Hemd hin', also, wenn ich, wenn ich irgendwie in Schwierigkeiten bin, dass sie sagt 'Ich helf' dir' und wenn ich mein letztes Hemd dafür hingeben muss. Irgendwie helf' ich dir, irgendwie schaffen wir das schon, auf freundschaftliche Basis halt eben."

Sprecherin:

Mit dem letzten Hemd, das scheint so ähnlich zu sein wie mit dem Mantel, den der heilige Martin mit dem Bettler teilte. Ich gäbe zwar nicht mein letztes Hemd, aber ich gäbe was drum, wenn ich wüsste, ob Sie das jetzt verstanden haben?

Sprecher:

Bleiben wir noch etwas bei den Hemden. Das Hemd repräsentiert seit jeher für den Menschen den elementarsten und notwendigsten Besitz. Ohne Hemd ist er nackt, ohne Hemd friert er. Die Redewendung ist allerdings auf abenteuerliche Weise entstanden. Sie wurde sozusagen erfunden von Opfern, deren Räuber und Diebesbanden früher alles nahmen und ihnen nur das Hemd übrig ließen. Was zu Zeiten Robin Hoods recht wörtlich gemeint war, meint man heute meistens im übertragenen Sinne. Jemanden bis aufs Hemd ausziehen ist keine zweideutige Sache. Es beschreibt vielmehr einen Sachverhalt, der im Geschäftsleben angesiedelt ist. Jemanden bis aufs Hemd ausziehen bedeutet, alle Karten in der Hand zu haben. Geldverleiher können einen mit überhöhten Zinsen bis aufs Hemd ausziehen. Das heißt nicht unbedingt, dass man am Ende nur noch ein Hemd oder eine Bluse zum Anziehen hat. Es meint allerdings, dass einem nicht mehr viel von dem geblieben ist, was man einst hatte. Vielen Leute ist daher das Hemd näher als der Rock. Und schon der ehemalige preußische Reichskanzler Bismarck wusste das. So soll er einmal gesagt haben: "Kommt es zum Äußersten, ist mir das Hemd näher als der Rock".

Sprecherin:

Mit einem Rock meinte Bismarck natürlich nicht das Bekleidungsstück von Frauen, welches die Beine mehr oder weniger bedeckt. Nein. Damals nannte man eine Jacke noch einen Rock. Und hierzu haben sich tatsächlich einige Leute so ihre Gedanken gemacht.

O-Töne:

"Ja nun. Das Hemd sitzt ja nun direkt auf der Haut und das ist mir dann eben wichtiger oder näher als die Jacke, die ja überm Hemd sitzt. Genauso 'Mir ist der Spatz lieber in der Hand als die Taube auf dem Dach', also, das, was ich festhalten kann oder was ich direkt spüre, ist mir mehr Wert, als wenn ich da irgendwo 'nen Traum habe. / So'n bisschen Existenzangst spielt da glaub' ich mit, dass jemand versucht, seine eigenen Schäfchen ins Trockene zu bekommen als auf eine zweite Sache Obacht zu geben, wobei das also nichts mit Rücksichtslosigkeit zu tun hat. Ich glaube, es ist ein gesunder Egoismus im Sinne des Erhaltungstriebes. / 'Nen praktischer Mensch. Praxisbezogen. Das stimmt auch. Das ist ja die logische Folgerung, dass das Hemd, ja das Hemd näher ist an einem Menschen dran als die Jacke. Erst kommt das Hemd, dann die Jacke. / Ja, jemand, der praktisch ist."

Sprecherin:

Das Sprichwort mit dem mickrigen Spatz in der Hand und der fetten Taube auf dem Dach besagt also lediglich, dass Manchem realistische Aussichten auf einen kleinen Erfolg lieber sind als hochtrabende Träume. Und wenn man von jemandem sagt, er bringt seine Schäfchen ins Trockene, dann meint man oft, er hat materiell gut vorgesorgt für schlechte Zeiten. Es wird aber auch ironisch benutzt, wenn man von Politikern spricht oder von Leuten, die ihr Schwarzgeld auf Schweizer Nummernkonten dem staatlichen Zugriff entziehen.

Sprecher:

Bismarcks Interessen waren damals voraussichtlich politischer und nicht vordergründig finanzieller Natur gewesen, als er äußerte, ihm sei das Hemd näher als der Rock. In Tageszeitungen liest man immer wieder von Politikern, die ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen. Diese Redewendung war früher eine neutrale Aussage gewesen. Sie bezeichnete eher eine Lebensweisheit, nämlich die eines Wanderers, der sich den Umständen anpasst, also dem Wetter entsprechend seinen Mantel umhängt. Das ist heute anders und unsere Reporterin musste nicht bei Wind und Wetter hinaus, um die Bedeutung zu ergründen.

O-Ton:

"Das ist eine Redewendung, die besagt, dass man alles zu seiner Gunst macht. Das ist, ja, in der Windrichtung hängen, spricht jedem den Mund nach, verdreht dem anderen seine Meinung, wenn es auch seine eigene gar nicht ist. Seinen Vorteil herauszuschinden. Das passt alles da rein."

Sprecher:

So langsam arbeiten wir uns weiter nach unten. Vom Hut über das Hemd zur Hochwasserhose, die ich bereits anfangs erwähnte, oder zu den abgesägten Hosen, was so viel bedeutet wie blamiert sein. Doch unter der Hose tragen die meisten Menschen noch etwas, nämlich Socken und Schuhe. Fangen wir bei den Socken an. Auf dieselben hat sich nämlich unsere Reporterin gemacht.

Sprecherin:

Nein, nein. Nicht, was Sie jetzt denken, Ich bin natürlich nicht auf den Socken losgelaufen, sprich ohne Schuhwerk losgegangen. Sich auf die Socken machen bedeutet sich auf den Weg machen, sich beeilen, eine Aufgabe in Angriff nehmen. Und wenn ich daran denke, was ich da erlebe habe, da war ich glatt von den Socken. Das hat mir doch fast die Schuhe ausgezogen.

Sprecher:

Keine Angst. Niemand wollte der jungen Frau ans Leder oder forderte das letzte Hemd von ihr. Sie war einfach überrascht. Genauso wie Sie, wenn Sie fragen, warum Leute auf Socken irgendwo hinlaufen, wenn es doch Schuhe gibt. Das liegt ganz einfach am Ursprung des Wortes. Im Lateinischen heißt ein leichter Schuh nämlich soccus. Und somit wäre das Rätsel auch gelöst.

Sprecherin:

Also, für mich war das 'ne Nummer zu groß. Was meinen Sie?

O-Töne:

"Er ist gar nicht kompetent dafür. Ne, er hat nicht die Reichweite, um zu sagen, das will er unternehmen, oder so. Das ist eine Nummer zu groß für ihn. / Dass er sich etwas zugetraut hat, was im Grunde genommen nicht seins ist, wo er vielleicht die Fähigkeiten nicht hat oder das Wissen nicht hat. / Das ist eine Sache, die er angegangen ist, aber die im Grunde genommen nicht seinem Metier entspricht, die eine Nummer zu groß für ihn ist. / Das ist 'ne Nummer zu groß für dich. Ja eigentlich, dass man die Ansprüche runterschrauben soll, dass man noch nicht die Fähigkeit dazu hat."

Musik:

"Dieses ständige Suchen im Schrank,

ja das macht mich schon lange krank,

ich schau' hin und her

und her und hin,

doch es bleibt dabei,

ich hab' nichts anzuzieh'n.

Im blauen Rock ist ein Fleck,

den krieg' ich seit Tagen nicht weg.

Das grüne gefällt mir heut' nicht,

Es macht mich so bleich im Gesicht.

Was ich auch probiere und tu,

mir fehlen Kleider und Schuh,

ich finde mich einfach nicht schick,

und außerdem viel zu dick.

Was soll ich heute anziehn,

Das ist doch eine Qual,

Was soll ich heute nur anziehn,

wer trifft für mich die Wahl …. "

Sprecherin:

Alles klar. Ich hoffe, Sie waren auf der Hut. Nicht auf dem Hut. Auf der Hut. Und haben gut aufgepasst, damit Ihnen niemand einen alten Hut verkauft.

Fragen zum Text

Jemand, der seine Meinung ständig ändert, der …

1. gibt sein letztes Hemd.

2. hängt seinen Mantel nach dem Wind.

3. schüttelt alles aus dem Ärmel.

Wenn jemand sich auf die Sockkkkken macht, dann …

1. macht jemand schnell.

2. trägt jemand leichtes Schuhwerk.

3. wurden jemandem die Schuhe gestohlen.

Eine abgesägte Hose ist …

1. eine Schlaghose.

2. eine Hochwasserhose.

3. eine Redensart.

Arbeitsauftrag

Wählen Sie eine der Redewendungen aus unserem Beitrag aus. Denken Sie sich eine Situation aus, in der sie diese Redewendung anwenden können und verfassen einen kurzen Text dazu. Zum Beispiel "Das ist eine Nummer zu groß für mich" für eine Aufgabe, die schwierig zu erledigen ist.

Autorin: Gabriele Klasen

Redaktion: Beatrice Warken

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