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Deutschland

Jaafar, shu fi? "Ich will mich integrieren, aber wie?"

Ständig wird von den Flüchtlingen in Deutschland gefordert, sie sollten sich jetzt doch bitte integrieren. Wie gehen sie damit um? Unser Kolumnist Jaafar Abdul Karim hat ein Berliner Flüchtlingsheim besucht.

Berlin Integration von Flüchtlingen

Jaafar Abdul Karim beim Interview in einem Berliner Flüchtlingsheim

"Kennst Du das Wort ‚Integration'?" frage ich einen jungen Mann, den ich in einem Flüchtlingsheim in Berlin treffe. Nein, sagt er. Dann benutze ich das arabische Wort "Indimaj". Er antwortet sofort: "Ich will mich integrieren, die Sprache lernen und ein Teil dieser Gesellschaft sein.“ Leider, fährt er fort, wisse er nicht, wie er das tun solle.

Adham Ali ist 21 und stammt aus Syrien. Seit sechs Monaten lebt er in Deutschland. Bis vor einer Woche war er in einer Turnhalle in Berlin-Spandau mit 700 anderen jungen Männern untergebracht. "Nun bin ich den ganzen Tag hier im Flüchtlingsheim. Mit Youtube versuche ich, Deutsch zu lernen, weil es keinen Platz in einem Kurs für mich gibt." Ob er deutsche Freunde habe, frage ich. Er antwortet: "Wie soll ich denn Deutsche kennenlernen und wo?"

Leben in einer Blase

Mehr als eine Million Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen. Menschen wie Adham. Viele von ihnen leben in einer Blase: in Flüchtlingsunterkünften, abgeschottet von der Welt da draußen. Sie bekommen durchaus mit, dass in Deutschland über sie und ihre Integration diskutiert wird. Und viele haben inzwischen eine Ahnung davon, dass es nicht einfach für sie wird.

Er kenne die Frage nach deutschen Werten, sagt Adham: also Frauen und Männer gleich behandeln, Grundgesetz anerkennen, Homosexualität akzeptieren. Er komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Damaskus. "Die Frauen dort trugen alle einen Niqab."

Es gibt offenbar niemanden, der Menschen wie Adham Ali dabei hilft, sein altes und sein neues Leben miteinander zu verbinden. Den Eindruck hatte ich oft während meines Besuchs im Flüchtlingsheim. Manche, wie Adham, sind trotzdem noch voller Hoffnung. Er wolle weiter studieren - Jura, wie in Syrien.

"Ich fühle mich verloren"

Andere sind frustriert. So wie zum Beispiel Raafat Hajir, ein Palästinenser aus Syrien, 24 Jahre alt. "Was machst Du so tagsüber?", frage ich ihn auf Arabisch. "Ich stehe auf, frühstücke, hänge rum, gehe ins Fitness-Studio", erzählt er mir. "Kannst Du Deutsch?", frage ich auf Deutsch. Ja, sagt er, er habe am Anfang einen Kurs auf eigene Kosten besucht, aber jetzt habe er kein Geld mehr. Als Staatenloser habe er keinen Anspruch auf einen Deutschkurs, sagt er. Offenbar hat ihm noch niemand gesagt, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) diese Regel gerade geändert hat. Er sagt: "Ich bin Zahnarzt und könnte arbeiten, aber was soll ich tun? Ich darf nicht!" Selbst an Schwarzarbeit habe er schon gedacht, das dann aber wieder verworfen. Er sei gefangen in einem Wartezustand.

"Was ist der Plan? Was kann ich tun, um mich zu integrieren?", fragt er mich. Deutsche Freunde, die ihm helfen könnten, habe er keine. "Wie soll ich sie auch kennenlernen? Auf der Straße einfach so ansprechen?" Er kenne viele junge Männer, denen es ähnlich gehe.

Vor ein paar Monaten habe ich in meiner Kolumne schon einmal über Integration geschrieben und darüber, wie unproduktiv es ist, dass viele Flüchtlinge monatelang nicht arbeiten dürfen. Ich hatte damals einen Stufenplan für die Integration vorgeschlagen. Leider werde ich das Gefühl nicht los, dass wir auch ein halbes Jahr später noch immer auf der untersten Stufe meiner "Integrationspyramide" stehen.

Journalist Jaafar Abdul Karim

DW-Redakteur Jaafar Abdul Karim

Die Flüchtlinge sind hier, aber wir überlassen sie ihrem Schicksal. Sie sitzen in den Heimen herum, ohne etwas zu tun. Wir produzieren tausendfachen Frust. Ich frage mich: Sind solche junge Männer, ohne Perspektive im Alltag, nicht genau die richtigen Opfer für Radikale, die versprechen, ihnen und ihrem Leben wieder eine Bedeutung zu geben?

Viele Flüchtlinge wissen gar nicht, was ihre Rechte und Pflichten sind in Deutschland. Kein Plan, keine Ahnung. Wo sind die Behörden hier? Warum werden diese jungen Männer alleine gelassen? Wollen wir sie nicht integrieren oder können wir das nicht? Warum reden wir ständig über sie als Menschen, die sich verweigern würden? Wenn wir sie nicht zum Teil unserer Gesellschaft machen, dann werden sie Deutschland nicht zu einem Teil ihres Lebens machen.

Fordern statt fördern

Viele Politiker verlangen von den Flüchtlingen: Integriert euch, akzeptiert unsere Werte! Manche drohen sogar: Wer Integrationskurse verweigert, müsse sanktioniert werden und dürfe nicht dauerhaft in Deutschland bleiben. Auch das neue Integrationsgesetz, auf das sich die Koalition gerade geeinigt hat, soll diese Drohung enthalten. Pro Asyl nennt es deshalb ein "Desintegrationsgesetz": Es mangele nicht am Integrationswillen der Flüchtlinge, sondern an Angeboten der Bundesregierung.

Die Jungs, die ich getroffen habe, wollen Deutsch lernen, können aber nicht, weil es keine Plätze gibt. 300.000 Plätze stehen angeblich inzwischen bereit, aber 800.000 würden gebraucht. Der Zahnarzt darf nicht arbeiten, Adham würde gern weiterstudieren.

Respektieren sie unsere Werte, akzeptieren sie Frauenrechte, das Grundgesetz und Homosexuelle? Das soll der Maßstab sein. Wie aber sollen Flüchtlinge denn in Berührung mit Deutschen kommen, wie lernen, wenn die Möglichkeiten fehlen? Wir verlangen viel, aber es mangelt an den Voraussetzungen. Wissen das die Politiker, die nun drohen und schimpfen? Oder wollen sie bloß von eigenen Versäumnissen ablenken?

Die Droh-Rhetorik ist gefährlich, denn sie tut so, als hätten die Anhänger von Pegida & Co recht mit ihren Vorurteilen. Tatsächlich aber wollen die meisten Flüchtlinge Deutsch lernen, arbeiten, sich integrieren. Klar, es gibt immer Ausnahmen. Aber Pauschalisierungen helfen nicht weiter. Redet mit den Flüchtlingen und nicht über Flüchtlinge!

Jaafar Abdul Karim, 33, ist Moderator und verantwortlicher Redakteur der arabischsprachigen Jugendsendung "ShababTalk" der Deutschen Welle. Das Format erreicht mit seinen gesellschaftskritischen Themen ein Millionenpublikum in Nordafrika, Nahost und der Golfregion. Geboren wurde Jaafar Abdul Karim in Liberia, seine Eltern stammen aus dem Libanon. Dort sowie in der Schweiz wuchs er auf, studiert hat er in Dresden, Lyon, London und Berlin, wo er heute lebt. Seine Kolumne heißt "Jaafar, shu fi?", arabisch für: "Jaafar, was geht?"

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