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Kultur

Jüdisches Leben in Berlin: Alles ist möglich

Irgendwo zwischen koscher und meschugge, auch das ist ein Gesicht der deutschen Hauptstadt. Wie jüdisch ist Berlin eigentlich? Eine Einschätzung.

"Berlin ist arm, aber sexy". Dieses Zitat von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit ist nunmehr acht Jahre alt. Es hat sich im kollektiven Gedächtnis der Stadt festgesetzt, im Reden über diese Stadt und lässt neben sich höchstens noch die Standortmarketings-Phrase "be Berlin" zu. Wenn also "arm, aber sexy" nicht greift, bleibt immer noch "be Berlin". Was soviel heißt wie: Berlin ist liberal, Berlin ist offen für alle und Berlin freut sich über jeden, der sich mit der Stadt identifiziert. Und eines der vielen willkommenen Gesichter der Stadt, das zeigt unser Dossier zum Jüdischen Leben in Berlin, ist sein jüdisches. Immer noch und wieder. "Und das ist auch gut so" – dieses Wowereit-Zitat wäre allerdings sehr aus dem Kontext gerissen.

Dieses jüdische Gesicht Berlins jedenfalls deckt die gesamte Bandbreite ab von orthodox bis säkular. Alles ist möglich in Berlin, dieses Gefühl bekommt auch, wer sich mit jüdischem Leben hier beschäftigt. Berlin – das ist der Redaktionssitz der Anfang des Jahres erstmals erschienenen englischsprachigen Zeitung "Jewish Voice from Germany". Berlin – das ist der Ort für die fast schon legendären "Meschugge"-Parties, die ein junger Israeli veranstaltet.

Der Komiker Oliver Polak im Quatsch Comedy Club Berlin. (Foto: Quatsch Comedy)

Dem Publikum von Oliver Polak darf das Lachen auch mal im Halse steckenbleiben.

In Berlin kann man koscher essen und einkaufen oder es sein lassen, kann sich dem Humor des Komikers Oliver Polak stellen, dessen Programme einprägsame Titel wie "Ich darf das, ich bin Jude!" oder "Jud süß sauer" tragen und kann Hebräisch im Radio hören. Berlin – das ist aber auch der Ort deutlicher Schuldbekenntnisse: manifestiert etwa im Jüdischen Museum Berlin und im Holocaust-Mahnmal.

Identität und Konstruktion

Für Wissenschaftler wie Wolfgang Kaschuba, Professor und Direktor am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität, ist das urbane jüdische Berlin von heute längst ein alltäglicher Forschungsgegenstand. Er stellt fest, dass jüdische Identität hier mittlerweile bewusst in eine ethnische Kultur der Stadt umgewandelt wird, etwa mit der dazugehörigen Ess- und Musikkultur. Sie werde somit zu einer von vielen, reihe sich ein in migrantische Identitäten wie die türkische zum Beispiel, dabei ist das deutsch-jüdische Miteinander unvergleichlich viel älter. Aus der Oranienburger Straße mit ihrer charakteristischen Kuppel der Neuen Synagoge und den angrenzenden Straßenzügen in Berlin-Mitte ist in der touristischen Wahrnehmung längst ein "Jewish Quarter" geworden – eine Konstruktion, die der Vermarktung Berlins als Ort gelebter Erinnerung in die Hände spielt.

Das jüdische Leben in Berlin hat sich in den letzten 20 Jahren enorm verändert. Denn es hat – nicht nur hier, aber vor allem – zwei sehr unterschiedliche, sehr bedeutsame Zuwanderungswellen gegeben: eine große der so genannten Kontingentsflüchtlinge, also Juden aus der UdSSR und ihrer Nachfolgestaaten, die ab 1991 in das gerade wiedervereinigte Deutschland kamen. Von den etwa 220.000 Neuankömmlingen waren etwa die Hälfte Juden im Sinne der religiösen Definition, die andere Hälfte Personen mit jüdischen Vorfahren oder mitgereiste nichtjüdische Ehepartner. Diese Zuwanderungswelle markiert für das jüdische Leben in Deutschland eine Zäsur – eine organisatorische, aber vor allem eine psychologische. In den jüdischen Gemeinden traf östliche auf westliche Tradition (und zwar ganz anders als es zeitgleich mit Ost- und Westdeutschland geschah), aber es trafen auch Zuwanderer auf Alteingesessene, für die jüdisches Leben im Land der Täter bis dato keine Selbstverständlichkeit gewesen war. Die Integrationsarbeit seitens der Gemeinden hat viel bewirkt, dauert jedoch an.

Innenraum der größten Synagoge Deutschlands in der Rykestraße im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. (Foto: Wolfgang Kumm, dpa)

In der größten Synagoge Deutschlands wäre Platz für 1.200 Gläubige.

Heute zählen die jüdischen Gemeinden in der gesamten Bundesrepublik rund 120.000 Mitglieder, das Vierfache des Standes von 1989, die Zahl der Gemeinderabbiner hat sich verdreifacht. Mit rund 11.000 Mitgliedern belegt die Berliner Gemeinde den ersten Rang. Neun Synagogen gibt es in der deutschen Hauptstadt, die größte steht in der Rykestraße im Stadtviertel Prenzlauer Berg, sie fasst 1200 Menschen, zum Shabbat-Gottesdienst am Samstag Morgen kamen kürzlich um die 40 Gläubige. Die Gottesdienste sind öffentlich zugänglich – für Nichtjuden die einzige Möglichkeit, einen Blick auf den prächtigen Innenraum zu werfen. Nachdem die Sicherheitsschleuse passiert wurde.

Berlin als Wahlheimat

Die zweite Welle ist eine kleinere, aktuellere: die der vielfach jungen und säkularen Israelis, die nach Berlin kommen und bleiben – diese Gruppe wird derzeit auf 10.000 geschätzt. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin – eine Einheitsgemeinde sowohl für orthodoxe als auch liberale Juden – wird von ihnen vorrangig als religiöse Institution wahrgenommen, nicht als kulturelle und daher eher gemieden. Die meisten Israelis kommen nach Deutschland, weil sie ein Stück weit weg wollen vom Jüdischen und das in Berlin leichter ist als anderswo. In der Rolle der historischen Opfer aufzutreten, widerstrebt ihnen. Trotzdem sind sie für die Jüdische Gemeinde in Berlin ein Potential, um das diese wirbt, etwa durch Kooperationen wie mit der israelischen Kunstinitiative Habait.

Das Jüdische Museum Berlin. (Foto: picture-alliance)

Das Jüdische Museum Berlin: Die Form erinnert an einen geborstenen Davidstern.

"Jüdischsein", so analysiert der Ethologe Kaschuba, "ist in Berlin mittlerweile zum Wahlpflichtfach geworden und ist kein Pflichtfach mehr. Aus einer Zugehörigkeit ist eine bewusst gewählte Zuordnung geworden." Das Jüdische Museum Berlin gehört heute, 11 Jahre nach der Eröffnung, allerdings unbenommen zum Pflichtprogramm eines jeden Touristen in Berlin. Ein nicht-jüdischer Ort, an dem aber deutsch-jüdische Kultur anschaulich wird und der daher immer wieder in der Außenwahrnehmung als Akteur jüdischen Lebens in Berlin wahrgenommen wird. Mehr als siebeneinhalb Millionen Menschen kamen bisher in den imposanten Museumsbau, 2011 waren knapp 70 Prozent der Besucher aus dem Ausland. Das Museum ist bestens vernetzt. Wer beispielsweise die aktuelle Ausstellung "Berlin Transit. Jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920erJahren" noch vertiefen möchte, dem bietet der Partner "StattReisen Berlin" begleitende Stadtspaziergänge an. Und im Museumsshop gibt es koschere Gummibärchen zu kaufen. Bleibt zu überlegen, wer die kauft. Israelis mit Heimweh? Neugierige Deutsche? Oder ist es ein Mitbringsel für die daheimgebliebene Verwandtschaft – typisch Berlin? Möglich ist alles.

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