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Erster Weltkrieg

Jüdische Soldaten für den Kaiser

Während des Ersten Weltkrieges dienten im Deutschen Heer tausende jüdischer Soldaten, viele von ihnen meldeten sich freiwillig. Dennoch wuchs die antisemitische Stimmung.

Sie wollten zeigen, dass sie ein Teil Deutschlands sind. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges riefen jüdische Vereine ihre Mitglieder mit Nachdruck dazu auf, sich als Soldaten für ihr Vaterland einzusetzen. Das war jedoch kein patriotisches Hurra-Geschrei, wie man es in Deutschland zu dieser Zeit vielfach antreffen konnte. Eine einhellige Kriegsbegeisterung habe es nicht gegeben, sagt Sabine Hank von der Stiftung Neue Synagoge in Berlin. "Es zeugt eher von Konformitäts- und Loyalitätsdruck, dem alle Bevölkerungskreise und besonders die Juden ausgesetzt waren. Man hat das von jüdischer Seite als Gelegenheit genutzt, die Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft unter Beweis zu stellen und mit einer Forderung nach völliger Gleichberechtigung zu verbinden." Fast 100.000 jüdische Soldaten nahmen am Ersten Weltkrieg teil, 10.000 hatten sich freiwillig gemeldet.

Bürgerrechte nur auf dem Papier

Aufruf zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg

Jüdische Organisation riefen ihre Mitglieder zum patriotischen Einsatz auf

Bis zum Ersten Weltkrieg hatte eine teilweise Integration der jüdischen Bevölkerung in Deutschland stattgefunden. Nach der Reichsverfassung von 1871 besaßen Juden offiziell alle Bürgerrechte. Doch die Praxis sah anders aus. "Es gab diese gläserne Decke", sagt Ulrike Heikaus vom Jüdischen Museum in München, die für eine

Ausstellung zum Ersten Weltkrieg

die Geschichte zahlreicher jüdischer Soldaten erforscht hat. "In vielen Berufen war eine Karriere für Juden unmöglich. Führende Positionen in der Wirtschaft, der Politik und auch im Militär waren ihnen verwehrt", erklärt die Judaistin im Gespräch mit der Deutschen Welle.

So hatte es auch schon vor dem Ersten Weltkrieg jüdische Soldaten beim deutschen Militär gegeben, doch Offiziere waren die absolute Ausnahme. All das könnte sich nun ändern, glaubten viele Juden und Wilhelm II. nährte diese Hoffnung mit dem von ihm verkündeten "Burgfrieden". Im August 1914 hatte der deutsche Kaiser erklärt: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche! …ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied…“

Portrait von Kaiser Wilhelm II.

Politisches Kalkül: Kaiser Wilhelm II. proklamierte deutschen Zusammenhalt über Parteien und Konfessionen hinweg

Zum Wunsch nach Anerkennung kam hinzu, dass der Kampf gegen Russland auf ein jüdisches Interesse traf. Unter der Zarenherrschaft wurden Juden massiv unterdrückt, viele russische Juden wanderten nach Westeuropa und in die USA aus. "Deshalb", so Ulrike Heikaus, "unterstützte man mit seinem Einsatz die jüdische Bevölkerung in osteuropäischen Ländern, wenn man sich als deutscher Soldat gegen Russland stellte."

Einsatz ohne Anerkennung

In der Behandlung von Juden änderte sich durch ihren Einsatz in der Armee wenig, wenn auch zunächst die antisemitische Propaganda eingeschränkt wurde. Jüdische Soldaten bekamen häufig das Eiserne Kreuz verliehen, doch ihre Anträge auf Beförderung wurden weiterhin abgelehnt. Zu Beginn des Krieges war die Heeresleitung noch bemüht, die Einheit über Konfessionen hinweg zu betonen. Feldrabbiner wurden zugelassen für die Feier des Pessach-Festes, für seelsorgerische Aufgaben und Beerdigungen. Es gab jüdische Gebetsbücher.

Erster Weltkrieg 1914-1918 Kriegsbegeisterte Soldaten

Anfangs herrschte Kriegsbegeisterung. Mit den deutschen Verlusten wuchs die antisemitische Propaganda

Aber nachdem sich die Kriegseuphorie gelegt hatte und die deutsche Armee große Verluste verzeichnete, verschlechterte sich die Situation für die Juden deutlich. Nach Ulrike Heikaus folgte die Entwicklung einem schlichten psychologischen Mechanismus: "Der Krieg dauerte einfach zu lange. Antisemitische Organisationen wie der 'Trutz und Schutz Bund' und der 'Reichshammerbund' nutzten die Situation, um die Verantwortung für den desolaten Zustand den Juden zuzuschieben." Die antisemitische Propaganda behauptete, jüdische Soldaten seien Drückeberger und hielten sich von der Front fern. Die deutsche Heeresleitung reagierte im November 1916 mit der sogenannten "Judenzählung", eine Erhebung, die ermitteln sollte, wieviele Juden als Soldaten im Einsatz waren und wo. Die Ergebnisse der Zählung wurden nie veröffentlicht, was die Ressentiments und Spekulationen nur noch verstärkte. Die jüdischen Soldaten empfanden die Zählung als Schlag ins Gesicht, protestierten aber nicht. "Im Gegenteil", so Ulrike Heikaus, "die jüdischen Soldaten reagierten auf den zunehmenden Druck mit noch stärkerer Loyalität, um zu zeigen, 'wir sind deutsch'."

Der Kampf um die Erinnerung

Machtergreifung NSDAP Adolf Hitler Reichskanzler Fackelzug

Die Nazis leugneten die Verdienste jüdischer Frontsoldaten

12.000 jüdische Soldaten kamen im Ersten Weltkrieg ums Leben. Ein Faktum, das nach dem Krieg wenig Beachtung fand. Um die Erinnerung an die jüdische "Kriegsleistung" wachzuhalten, gründete sich 1919 der "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten". "In den ersten Jahren funktionierte das auch noch mit gemeinsamen Gedenkveranstaltungen von jüdischen und nichtjüdischen Familienangehörigen", erklärt Forscherin Heikaus. Dann aber sei die Erinnerung an die jüdischen Soldaten zunehmend verdrängt und mit Beginn des Nationalsozialismus ihr Einsatz sogar ganz geleugnet worden. 1933 zeige sich in allen Biografien, die sie untersucht habe, ein eindeutiger Bruch. Gegen Diskriminierung, Verfolgung und Deportation nutzte den jüdischen Frontsoldaten danach weder ihr verbriefter Einsatz noch die Tapferkeitsmedaillen, die sie im Ersten Weltkrieg bekommen hatten.

Die von Ulrike Heikaus kuratierte Ausstellung "Juden zwischen den Fronten 1914-1918" ist bis zum 22. Februar 2015 im Jüdischen Museum München zu sehen.

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