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Europa

Jüdische Renaissance in Krakau

Vor dem Holocaust war die jüdische Gemeinschaft in Krakau die größte in ganz Polen. Nach jahrzehntelanger Ödnis erlebt die Gemeinde jetzt eine Wiedergeburt. Aus Krakau, Naomi Conrad.

Inmitten von Schneeregen und Dunkelheit sticht das neongrüne Schild über dem jüdischen Gemeindezentrum besonders hervor und kündigt den "Aufbau einer jüdischen Zukunft in Krakau" an. Die Fensterrahmen im Büro von Gemeindeleiter Jonathan Ornstein sind im selben grellen Grün gehalten, sein Sofa ist stechend orange, die Wände sind Kunstwerken bedeckt, darunter ein riesiges Bild von einer Verkehrsampel, die Ornstein aus seiner Heimatstadt New York mitgebracht hat. Die Farbgebung sei eine bewusste Entscheidung gewesen, meint er: "Juden weltweit glauben, Polen sei nur grau, schwarz und weiß. Daher mussten wir farbenfroh sein." Und die Farbe Grün stehe für das Leben.

Backsteinbau im Schnee Foto: DW/N. Conrad

Die Synagoge im alten jüdischen Viertel Krakaus.

"Sie glaubten, Polen sei nicht sicher"

Ornstein leitet das Gemeindezentrum seit dessen Gründung 2006. Seitdem versucht er, der jüdischen Gemeinschaft in Krakau neues Leben einzuhauchen. Vor dem Krieg stellten die Juden etwa ein Viertel der Stadtbevölkerung. Der Holocaust löschte das jüdische Leben in der Stadt fast vollständig aus, dazu kam später der Antisemitismus im kommunistischen Polen, der verbliebene Juden in die Emigration nach Israel trieb. Schätzungen zufolge waren die Hälfte der sechs Millionen Menschen, die in den Konzentrationslagern der Nazis umkamen, polnische Staatsbürger. Heute kann man mit dem Minibus von Krakau aus in gut einer Stunde zum ehemaligen KZ Auschwitz fahren, so die Plakate der Reiseveranstalter, die man überall in Krakau sieht.

Ornstein kann verstehen, dass seine jüdischen Freunde in den USA die Idee, nach Polen zu ziehen, nachdem er sich in eine Polin verliebt hatte, "vollkommen verrückt" fanden. Viele Holocaust-Überlebende, darunter Nachbarn in New York, hatten ihn geradezu angefleht, es nicht zu tun. "Sie glaubten, Polen sei nicht sicher." Doch er hat ihren Rat ignoriert und leitet heute eine ständig wachsende Gemeinde. Schließlich, sagt Ornstein lächelnd, sei der Aufbau einer jüdischen Gemeinde so nah an Auschwitz die beste Art, die Opfer und Überlebenden des Holocaust zu ehren. Heute zählt die Gemeinde mehr als 500 Mitglieder, rund 100 von ihnen sind Holocaust-Überlebende. Es kommen auch immer mehr junge Leute. Das Gemeindezentrum, so Ornstein, sei Treffpunkt in Krakau für Tausende Menschen mit jüdischen Wurzeln. Viele Mitglieder sind nicht Juden im strengen Sinne, das heißt Menschen mit jüdischen Müttern. Doch Ornstein heißt alle willkommen, ob sie nun in diesem orthodoxen Sinne Juden sind oder nicht. "Wir schulden jedem die Chance, und es ist unsere Pflicht, so viele Wege zurück zum jüdischen Leben wie möglich anzubieten."

Viele entdecken ihr jüdisches Erbe durch Zufall

Da ist zum Beispiel Joanna Broniewska. Die nachdenkliche, 20 Jahre alte Sprachstudentin trat der Gemeinde vor drei Monaten bei. Ihr Großvater war Jude, konvertierte aber zum Katholizismus, als er eine Katholikin heiratete. Das hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet, flüstert Broniewska, während wir in einer der ältesten Synagogen im alten jüdischen Viertel der Stadt stehen. "Sein Onkel und dessen Familie sind in Birkenau umgekommen." Im Gegensatz zu vielen jungen Leuten, die fast zufällig auf jüdische Vorfahren stoßen, wuchs Broniewska mit diesem Wissen auf. Ihr Großvater erzählte ihr jüdische Geschichten, ihre Eltern, obwohl sie Katholiken sind, nahmen sie mit in koschere Restaurants und zu jüdischen Musikfestivals. Warum? Sie zuckt die Schultern: "Sie waren einfach der Meinung, dass diese Kultur zu unserer Familie gehört."

Als die junge Frau beim Surfen im Netz zufällig vom neuen jüdischen Gemeindezentrum in Krakau erfuhr, trat sie bei. Viele der Polen, die zu den Treffen für Studenten und zum Sabbatmahl am Freitag abend kommen, seien Katholiken wie sei, erzählt Broniewska. Einige versuchten, sich orthodoxen jüdischen Gemeinschaften anzuschließen, würden aber mit dem Argument abgewiesen, sie seien "nicht jüdisch genug". Broniewska seufzt: "Ich finde das nicht richtig." Sie selbst will nicht konvertieren, interessiert sich auch nach eigenem Bekunden nicht allzu sehr für die religiöse Seite. Für Menschen außerhalb Polens möge das merkwürdig klingen, sagt sie, "aber ich glaube, bei Polens Geschichte ist es wichtig, dass wir dazugehören."

Insgesamt kein Klima der Angst

Jüdisches Viertel in Krakau Studentin Joanna Broniewska

Broniewska: "Es ist schwer, das Denken zu verändern."

Wegen Leuten wie Broniewska ist Ornstein so hoffnungsvoll, dass Polen eine Gemeinschaft neu aufbauen kann. Und das sei eine deutliche Botschaft an die Welt: "Die Idee einer jüdischen Zukunft in Polen, deren Geschichte von Holocaust und Tragödie geprägt war, ist eine Botschaft der Erlösung und der Hoffnung", sagt er mit einem Lächeln. Heute könne man als Jude in Polen sicher leben, im Gegensatz zu vielen Ländern in Westeuropa, wo der Antisemitismus wachse. "Hier gibt es insgesamt kein Klima der Angst, Jude zu sein." Broniewska stimmt dem zu. Die polnische Gesellschaft werde toleranter. "In gewisser Weise werden wir erwachsen."

Dann überlegt sie eine Weile, atmet tief durch und fügt hinzu, vor einer Weile habe eine Mitstudentin gesagt, als von einer jüdische Figur in einem Roman die Rede war: "Sie hätten sie im Krieg alle loswerden sollen." Dabei habe die Mitstudentin gelacht. Broniewska sagt, sie habe ihre Kommilitonin scharf zurechtgewiesen, die sich daraufhin entschuldigt habe. Mit einem Seufzer sagt Joanna Broniewska: "Es ist so schwer, das Denken von manchen Menschen zu verändern."

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