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Geschichte

Jüdische Identität und Wissenschaften im 19. Jahrhundert

Die "Wissenschaft des Judentums" war eine der wichtigsten intellektuellen Strömungen des Judentums im 19. Jahrhundert. Eine Ausstellung im Landesmuseum Braunschweig zeigt: Ihre Wurzeln liegen auch in Niedersachsen.

Wissenschaft des Judentums (Leo Baeck Institute)

Der amerikanisch-deutsche Intellektuelle Ismar Elbogen (Kopfende) lehrte ab 1902 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, 1938 emigrierte er in die USA

Die vom Leo Baeck Institute in New York konzipierte Ausstellung führt zurück in die Zeit um 1800. Jüdinnen und Juden wollten im Gefolge der Aufklärung den Aufbruch in die Moderne mitgestalten: Eine neue Form von Bildung jenseits der jüdischen Traditionen war gefordert. Zur Bildungsreform sollte unter anderem ein neuer Blick auf jüdische Kultur und Geschichte beitragen. Die "Wissenschaft des Judentums" entstand, als sich Intellektuelle und Forscher wie Heinrich Heine, Leopold Zunz und Abraham Geiger zusammenfanden, um das Judentum zum Gegenstand moderner Forschung zu machen. Damit formulierten sie die Ansätze für eine neue jüdische Identität.

Jüdische Intellektuelle aus Niedersachsen

Die Region um Braunschweig spielte für die Bewegung eine große Rolle. Die jüdischen Reformschulen in den niedersächsischen Kleinstädten Wolfenbüttel und Seesen legten seit Beginn des 19. Jahrhunderts für viele Schüler die Grundlagen, um in der bürgerlichen Gesellschaft erfolgreich zu werden. So war der in der Ausstellung gewürdigte Wissenschaftler Leopold Zunz Absolvent der Samson-Schule in Wolfenbüttel. Er wurde zum wichtigsten Exponenten der Wissenschaft des Judentums: 1819 gründete er in Berlin den "Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden", der auch Heinrich Heine angehörte. Der Verein hatte großen Einfluss auf die deutschen Juden und ihre Identifikation mit der deutschen Kultur.

Holzstich Heinrich Heine Ausschnitt (picture alliance/akg-images)

Zerrissene Identität: Der Schriftsteller Heinrich Heine stand den Vordenkern der Wissenschaft des Judentums nahe

Heinrich Heine war zur Zeit seiner zweijährigen Mitgliedschaft im "Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" ab 1822 Student an der Berliner Universität. Der Verein, der die Schaffung einer Harmonie zwischen der jüdischen und der deutschen Kultur anstrebte, war der Versuch einer Orientierungshilfe auf dem Weg aus einem heimatlosen Zwischen-Sein. Auch für Heine bot der Verein auf dem Weg der Selbstfindung Hilfe. Heines Fragment "Der Rabbi von Bacherach", für das die Idee in der Zeit seiner Mitgliedschaft entstand, verbindet ihn zeitlebens mit dem Verein. Die Geschichte eines Rabbi, dem ein Ritualmord vorgeworfen wird, ist die Geschichte des in der Diaspora verfolgten und sich emanzipierenden Judentums par excellence.

Wissenschaft des Judentums als Impulsgeber

Geschichte spielte zwar immer eine zentrale Rolle im Judentum, die Geschichtsschreibung jedoch kaum. Die Bücher der Propheten wurden als Deutung von Geschichte verstanden. Mit der jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskalah, änderte sich um 1800 das Geschichtsverständnis der Juden, vor allem weil sie die Säkularisierung großer Teile der jüdischen Bevölkerung beschleunigte. 
Vielfach unter dem Einfluss und in Auseinandersetzung mit dem Denken von Immanuel Kant betonten jüdische Intellektuelle die Vereinbarkeit der jüdischen Religion mit dem aufgeklärten Vernunftglauben. Von ihrem Beginn Anfang des 19. Jahrhundert bis zum erzwungenen Ende in der Zeit des Nationalsozialismus brachte die Wissenschaft des Judentums auf dem Feld der jüdischen Geschichte, Literatur und Philosophie im deutschen Raum eine Vielzahl hervorragender Gelehrter und wissenschaftlicher Werke hervor.

Deustchland Ausstellung Wissenschaft des Judentums Mann vor Tafel (picture-alliance/dpa/A. Kohlmann)

Eine Tafel zeigt, wo überall auf der Welt "Jewish Studies" betrieben werden

Auch wenn die universitäre Institutionalisierung scheiterte, legte die Disziplin den Grundstein für die moderne jüdische Gelehrsamkeit und beeinflusste das kulturelle Leben der Juden in weiten Teilen Europas, in Nordamerika und Palästina nachhaltig.

Von Wolfenbüttel nach New York und zurück

Die Braunschweiger Ausstellung schlägt den Bogen von Wolfenbüttel nach New York. Die amerikanische Original-Schau wurde um zahlreiche Exponate ergänzt, sie zeigt auch Original-Handschriften von Heinrich Heine und Albert Einstein. Unter den New Yorker Exponaten sind einige, die ihren Ursprung in Wolfenbüttel haben. Viele kehren nun - erstmals seit der nationalsozialistischen Diktatur - nach Deutschland und in die Region ihrer Entstehung zurück. Heike Pöppelmann, Direktorin des Landesmuseums, betont das integrative Potential der Ausstellung: "Sie zeigt uns, was neue Sichtweisen auf religiöse Identität gesellschaftlich bewirken können".

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