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Sport

Järmann: "Jeder Radprofi müsste auspacken"

Zwölf Jahre war der Schweizer Rolf Järmann Radprofi, fuhr acht Mal die Tour de France – sechs Mal gedopt, wie er später zugab. Im Interview mit der Deutschen Welle fordert er eine Amnestie für alle Radprofis.

Rolf Järmann ist geständiger Dopingsünder. Der 46-jährige Ex-Radprofi spricht auch heute noch sehr offen über das Tabuthema im Radsport, die Skandaljahre in den 90er Jahren hat er hautnah miterlebt. 1999 beendete Järmann seine Karriere, kurze Zeit später packte er in einem Buch aus. Auch heute noch beobachtet er den Radsport und prognostiziert eine Doping verseuchte Zukunft.

Herr Järmann, in einem Interview haben Sie gesagt: 'Ohne EPO hatte man keine Chance'. Als Ihnen das klar geworden ist, haben Sie da zum ersten Mal über Doping nachgedacht?

Als ich das Gefühl hatte, dass in meiner Mannschaft EPO kursiert, habe ich mir sehr lange Gedanken gemacht, ob ich damit beginnen soll. Der Druck war enorm. Das Team hat offen gesagt: 'Wenn du am Ende des Jahres keine Resultate hast, dann können wir dich nächstes Jahr nicht mehr brauchen.' Ich hatte sehr lange einen Konflikt mit mir selbst. Bis zum dem Zeitpunkt, als ich gedacht habe, es dopen sich alle, nur ich bin der einzige, der sauber fährt. Als ich entschieden hatte, dass ich mindestens gleich stark fahren möchte wie die anderen, da hat das schlechte Gewissen rapide abgenommen.

Haben Sie denn mit Ihren Teamkollegen über EPO gesprochen oder wie haben Sie sich informiert?

Mein Mannschaftsarzt hat mich aufgeklärt. Er hat mir gesagt, was EPO ist, was es bewirkt, was für Gefahren da sind. Ich war wirklich aufgeklärt. Und das war für mich sehr wichtig. Ich war auch so schlau, dass ich nicht nur auf den Mannschaftsarzt vertraut habe. Ich bin in der Schweiz zu einem Arzt gegangen und habe dort nachgefragt. Ich war aufgeklärt und war mir jederzeit bewusst, dass ich meine Gesundheit nicht auf´s Spiel setze. Sonst hätte ich damit nicht begonnen.

Gab es denn auch ein Gespräch im Team mit den anderen Sportlern? Oder war es ein Tabuthema?

Am Anfang haben wir klar darüber gesprochen, vor allem über die Dosierung und so. Alles war ja relativ neu. Man musste abklären, was etwas nützt und was nicht. Man ist ziemlich offen damit umgegangen – bis zum Festina-Skandaljahr 1998. Danach wurde alles nur noch heimlich gemacht. Ich habe danach nichts mehr angerührt und dachte, jetzt kann ich Rennen gewinnen, weil alle sauber fahren. Aber ich musste im Sommer 1999 feststellen, dass dem nicht so ist, weil ich überhaupt keine Chance mehr hatte bei den großen Rennen. Und das war dann auch der Grund, warum ich zurückgetreten bin. Denn noch einmal zu dopen beginnen – das wollte ich nicht mehr.

Was bewirkt EPO genau – was hat es mit Ihrem Körper und Ihrer Leistung gemacht?

Grundsätzlich kann das Blut mehr Sauerstoff in die Muskeln transportieren. Dadurch übersäuert der Muskel später. Die Einnahme von einer Dosis EPO bewirkt nichts. Man muss über drei bis vier Wochen regelmäßig spritzen. Dann hat das Blut genug Zeit, um mehr rote Blutkörperchen aufzubauen und das merkt man dann schon. Man kann drei bis vier Stundenkilometer schneller fahren als sonst. Das ist enorm. Wenn man nicht in Form ist, nützt jedes EPO nichts. Doch wenn man wirklich an der Leistungsgrenze ist, dann hat man das Gefühl, man fliegt.

Kein Mitleid mit Lance Armstrong

Was bedeutet Ihrer Meinung nach der Fall Armstrong für die Zukunft des Radsports und für die Doping-Bekämpfung?

Nach außen hin können die Doping-Bekämpfer einen Erfolg vorweisen. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich etwas ändert. Wenn man das will, hätte man anders vorgehen sollen. Wenn ich das Sagen hätte, hätte ich Armstrong die Toursiege und das Preisgeld gelassen. Dafür müsste er aussagen, wie alles organisiert ist. Es müsste jeder Radprofi aussagen – im Prinzip in einer Art Amnestie. So dass man mal genau weiß, was alles im Hintergrund gelaufen ist. So könnte man alles auf Null stellen, alles ausmisten und dann von Neuem beginnen. Aber wenn man nur Einzelne auffliegen lässt, geht es im Hintergrund genau gleich weiter.

Lance Armstrong nach einer Dopingkontrolle (Archivfoto vom 23.07.2002, Gero Breloer, dpa)

Die Dopingkämpfer fanden nichts. Armstrong wurde von den eigenen Kollegen verraten

Lance Armstrong ist jedoch ein ziemlich großer Name im Radsport. Haben Sie Mitleid mit ihm?

Nein, Mitleid habe ich nicht, weil er sich ja vehement gegen solche Anschuldigungen gewehrt und Mannschaftskollegen sowie Journalisten verklagt hat. Wenn man so mit Mannschaftskollegen umgeht, kommt irgendwann die Retourkutsche. Armstrong ist schlussendlich nicht wegen des Anti-Dopingkampfes gefallen, sondern weil seine Teamkollegen ausgesagt haben.

Sie befürworten also die Kronzeugenregelung?

Ich würde sogar noch weiter gehen und eine Amnestie fordern, so dass jeder Sportler auspacken darf, ohne dass er bestraft wird. Erst dann weiß die Dopingbekämpfung, was läuft. Wenn man ehrlich ist: Von den 40 Prozent, die den Dopingbekämpfern bekannt sind, sind 90 Prozent nur Vermutungen. Fakten sind sehr selten. Wenn man diese hätte, könnte man viel mehr ausrichten im Kampf gegen Doping.

Sie haben dazu gestanden, dass sie gedopt haben, aber erst nach Ihrer Karriere. Jetzt zu sagen, die Aktiven sollen auspacken, also die Sportler, die mitten in der Karriere sind – ist das nicht etwas leicht gesagt?

Ja, wenn sie bestraft werden schon. Deshalb packt ja auch keiner aus. Aber wenn sie nicht bestraft werden, bin ich überzeugt, dass viele reden würden. Denn viele dopen sich gegen ihren eigenen Willen. Sonst sind sie weg vom Fenster, sie haben sonst keinen Erfolg. Man wird vom System gezwungen, sich zu dopen. Ich hätte allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht einfach so aufhören können. Ich hatte ein Haus, Familie, drei Kinder – ich musste irgendwie Geld verdienen. Wenn man als Spitzensportler danach bei Null beginnt, dann gibt es nicht sofort ein Einkommen, womit man eine Familie durchbringen kann.

Sie haben also auch im Nachhinein kein Unrechtsbewusstsein?

Das ist eine schwierige Frage. Zu meiner Zeit habe ich geglaubt, dass ich es nicht anders konnte. Von daher hält sich mein Unrechtsbewusstsein in sehr engen Grenzen.

Haben Sie irgendwelche gesundheitliche Folgen davongetragen?

Nein, das ist ja das Schlimme – ich habe durch das Doping nicht meiner Gesundheit geschadet. Das würde mir sonst zum Beispiel in der Schule, wenn ich mit den jungen Sportlern spreche, besser zur Abschreckung dienen. Aber ich bin gesund.

Doping hat das Niveau nivelliert

Können Sie sich denn heute noch ganz unbeschwert und ohne Hintergedanken die Tour de France anschauen?

Grundsätzlich eigentlich schon. Weil der Sieger besser ist als der Zweite und der Zweite nicht sauberer ist als der, der gewinnt.

Das heißt, es sind sowieso alle gedopt?

Ich glaube, zu meiner Zeit haben die Dopingmittel das Niveau nivelliert. Irgendwelche körperlichen Vorteile gab es nicht mehr. Dann hat der gewonnen, der besser im Kopf war und der härter trainiert hat. Damals war der Fluch des EPOs: Man musste noch länger und härter trainieren als ohne, damit man wieder Erfolg hat. Von daher hat in den 90er Jahren der gewonnen, der am besten war.

Ihre These ist also, dass im Prinzip, wenn sowieso alle dopen, am Ende doch der beste Sportler gewinnt?

Meine These war damals, dass jeder Profi eine Monatsration EPO bekommen dürfte und der die einsetzen darf, wie er will. Dann wären alle auf dem gleichen Niveau und das Ganze wäre fair. Heute denke ich: Der, der mehr Geld hat, kann Doping besser vertuschen und kann es besser anwenden und hat deswegen einen Vorteil gegenüber dem Kleinen, der nie groß werden wird.

Glauben Sie, das wird in den nächsten Jahren so bleiben, auch langfristig?

Solange sich grundlegend nichts ändert, wird das so sein – und zwar in jeder Sportart.

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