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Wirtschaft

IWF und Weltbank auf Gratwanderung

In Washington beginnt die Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Dabei wird deutlich: Die Organisationen geben sich nachdenklicher und sehen Standardrezepte skeptischer.

Christine Lagarde (Foto: AFP/Getty Images)

Christine Lagarde

Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), ist mit der weltweiten Wirtschaftsentwicklung nicht zufrieden. Das liegt an den unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen sich die verschiedenen Regionen entwickeln. Entwicklungs- und Schwellenländer wachsen stark, die USA mittelmäßig, Europäer und Japaner hinken hinterher.

"Eine so ungleiche Erholung mit drei Geschwindigkeiten ist nicht gesund", sagte Lagarde. "Wir brauchen eine Weltwirtschaft, die mit vollem Tempo wächst." Lagarde fügte hinzu, das Wachstum müsse "solide, nachhaltig, für alle und grün" sein, also umweltfreundlich.

So schön der Traum von einem gemeinsamen und grünen Wachstum sein mag - die Realität sieht derzeit anders aus. Lagarde gab deshalb unterschiedliche Empfehlungen. So warnte sie die schnell wachsenden Entwicklungs- und Schwellenländer vor finanziellen Exzessen und empfahl eine Stärkung der Aufsichtsbehörden.

Den ärmsten Ländern riet sie zu Investitionen in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung. Dabei brauchten sie die Unterstützung der Weltgemeinschaft, so Lagarde. Die USA forderte sie auf, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen, aber nicht so überstürzt und chaotisch wie bisher, sondern "besser geplant und besser kommuniziert".

Ratschläge für Europäer

Und die angeschlagenen Europäer? Die hätten in kurzer Zeit viel erreicht, sagte Lagarde. Die Priorität sei jetzt die Gründung der Bankenunion, einer europäischen Bankenaufsicht mit gemeinsamer Haftung. "Die Erholung an den Finanzmärkten hat aber offensichtlich keinen Effekt auf Wachstum und Beschäftigung, jene Bereiche, die letztlich für die Menschen am wichtigsten sind", sagte Lagarde.

Was also ist zu tun? Die Europäische Zentralbank könnte die Zinsen weiter senken. "Von all den großen Zentralbanken hat die EZB eindeutig am meisten Raum zum Manövrieren", so Lagarde. Der Leitzins in der Eurozone liegt derzeit bei 0,75 Prozent, verglichen mit 0,5 Prozent in Großbritannien, 0,25 Prozent in den USA und 0,1 Prozent in Japan. Wichtiger aber sei, dass die günstigen Zinsen auch bei Haushalten und kleineren Unternehmen ankommen, so Lagarde. Dazu seien weitere Reformen im Bankensystem nötig.

Überraschend deutlich wurde Lagarde mit Bezug auf das Reformtempo in Spanien. Das Land leidet - ähnlich wie Griechenland, Portugal und Italien - unter einer schrumpfenden Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit. Natürlich müsse das Land seine Finanzen in Ordnung bringen, sagte Lagarde. "Aber wir sehen keine Notwendigkeit, an der ursprünglich geplanten starken Konsolidierung festzuhalten. Das Land braucht mehr Zeit."

Medizin zu bitter?

Lagarde äußerte sich nicht direkt zu den Sparkursen in anderen Krisenländern. Doch zwischen den Zeilen wurde deutlich, dass sich die IWF-Direktorin Gedanken macht über die Wirksamkeit des bisherigen Reformkurses. "Wir müssen die Menschen schützen, die von der Krise besonders betroffen sind. Und wir müssen sicherstellen, dass der Anpassungsprozess so fair wie möglich verläuft", so Lagarde. "Wir versuchen, dieses Prinzip in die Reformprogramme einfließen zu lassen, die wir mit den Ländern erarbeiten, und auch in die Überprüfung der Fortschritte. Wir werden das noch genauer untersuchen."

Es ist eine Gratwanderung für Lagarde. Zu den Aufgaben des IWF in der Schuldenkrise gehört es, bittere Medizin zu verteilen. Doch die Chefin scheint sich inzwischen zu fragen, ob die Dosis in einigen Fällen zu hoch ist.

Jim Yong Kim (Foto: Reuters)

Jim Yong Kim, seit Juli 2012 Präsident der Weltbank

Auch Weltbank-Präsident Jim Yong Kim sprach zur Eröffnung der Frühjahrskonferenz, und auch seine Organisation beschreitet einen schmalen Grat. Auf der einen Seite will sie extreme Armut auf der Welt bis zum Jahr 2030 beenden und finanziert zu diesem Zweck Entwicklungsprojekte. Auf der anderen Seite soll das Wachstum, das so hoffentlich generiert wird, möglichst umweltverträglich sein.

Klimawandel und Konkurrenz

"Der Klimawandel ist nicht nur ein Umweltproblem. Er ist auch eine Bedrohung für die wirtschaftliche Entwicklung", sagte Kim. "Wenn die Welt jetzt nicht mutig handelt, wird sich unser Planet gefährlich erwärmen. Dadurch würden Jahrzehnte an Fortschritten bei der Armutsbekämpfung zunichte gemacht."

Kim will die Weltbank so klarer ausrichten. Jedes Projekt soll daran gemessen werden, ob es extreme Armut reduziert und, wenn irgend möglich, klimaverträglich ist.

Die BRICS-Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika planen, ihre eigene Entwicklungsbank zu gründen. Kim sieht die nicht als Konkurrenz zur Weltbank. "Jedes einzelne der BRICS-Länder hat ein enormes Defizit bei der Infrastruktur." Indien allein benötige in den nächsten Jahren 1000 Milliarden US-Dollar für Infrastrukturprojekte. "Keine Institution kann das alleine finanzieren, schon gar nicht die Weltbank. Für uns ist die BRICS-Bank eine natürliche Erweiterung des Investitionsbedarfs in Infrastruktur", so der Weltbank-Präsident.

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