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Wirtschaft

IWF-Chef: Finanzkrise noch nicht ausgestanden

Diese Woche treffen sich Politiker und Banker zur Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. IWF-Chef Dominique-Strauss Kahn fordert gegenüber DW-WORLD.DE neue wirtschaftspolitische Ansätze.

Logo des IWF (Grafik: DW)

Wenn sich die Finanzminister und Notenbankgouverneure aus rund 180 Staaten in der kommenden Woche zur Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Washington treffen, liegt die globale Finanzkrise schon gut zwei Jahre zurück. IWF-Chef Dominique-Strauss Kahn hält sie allerdings noch nicht für ausgestanden, die Folgen seien auch heute noch zu besichtigen. Doch man habe aus der Krise viel gelernt, sagt Strauss-Kahn zu DW-WORLD.DE. "Wir haben gesehen, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit ist, innerhalb der G20 und darüber hinaus."

Und man habe gelernt, dass der Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA eine globale Wirtschaftskrise auslösen könne, weil das Finanzsystem neue Spielregeln geschaffen habe. "Und wir haben aus der Krise gelernt, dass es nicht ausreicht, auf makroökonomische Durchschnittsgrößen zu schauen", so Strauss-Kahn weiter. "Wir müssen mehr auf die Verteilungseffekte achten. Ungerechtigkeiten bei Einkommen und Beschäftigung können jenseits aller Durchschnittsgrößen zu Unzufriedenheit und Instabilität führen, die die wirtschaftliche Erholung gefährden."

Nicht ausgewogen und nachhaltig

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (Foto: dapd)

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn: Neue Wachstumsmodelle

Im vergangenen Jahr auf der Herbsttagung hatten IWF und Weltbank vor den großen globalen Ungleichgewichten gewarnt, die eine weitere Erholung der Weltwirtschaft gefährden könnten. Doch die Defizite oder Überschüsse in den Handels- und Leistungsbilanzen der großen Akteure lösen sich nicht von heute auf morgen auf - deshalb wird diese Frage auch wieder ein Thema in Washington sein, sagt Strauss-Kahn. Man spreche immer über das Defizit in den USA und die Überschüsse in China. "Aber es gibt genug andere Ungleichgewichte, die nicht so offensichtlich sind. Sie sind auch nicht neu, sie sind nur während der Krise etwas in den Hintergrund getreten." Nun werde man von dem Problem eingeholt. "Dabei geht es nicht nur um Handelsungleichgewichte, es geht auch um Finanzströme, um Kapitalbewegungen. Wir müssen globale Wachstumsmodelle finden, die nachhaltig sind. Denn was wir im Moment praktizieren, ist alles andere als ausgewogen und nachhaltig."

Doch momentan zeigt immer noch jeder mit dem Finger auf den anderen: Deutschland wird wegen seiner einseitigen Exportorientierung gerügt, die USA wegen ihres übermäßigen Konsums auf Pump, und China, weil es seine Währung künstlich niedrig hält. Im vergangenen Herbst hat deshalb auch das böse Wort vom Währungskrieg die Runde gemacht. Weil in den Industrieländern die Zinsen historisch niedrig sind, registrieren die Schwellenländer hohe Kapitalzuflüsse, die zu einem großen Aufwertungsdruck auf ihre eigenen Währungen führen.

Mulitipolares Währungssystem

Geld, Geldscheine Dollar, Yen, Euro und Britisches Pfund (Foto: ullstein)

Der Korb der Reservewährungen muss größer werden

Deshalb werden die Rufe nach einem neuen Weltwährungssystem immer lauter - wofür Dominique Strauss-Kahn Verständnis hat. Man könne nicht erwarten, dass eine internationale Währungsordnung, die vor Jahrzehnten entstanden ist, heute noch perfekt funktioniere. Deswegen "gibt es jetzt Überlegungen hin zu einem multipolaren Währungssystem, in der viele Währungen die Funktion einer Reservewährung haben. Nicht nur Dollar, Euro und Yen, sondern vielleicht auch einmal der chinesische Yuan."

Zur Bekämpfung der Finanzkrise hatten die Zentralbanken die Märkte mit billigem Geld überflutet. Das war nötig, um einen globalen Kollaps zu verhindern. Doch nun sollte man langsam über Exit-Strategien nachdenken, wie man das Geld schonend wieder einsammelt. Denn wenn das Geld in den Märkten verbleibt, wächst die Gefahr, dass sich neue Blasen bilden. Den Anfang aus dem Ausstieg hat die Europäische Zentralbank mit der ersten Zinserhöhung seit drei Jahren gemacht. Es scheint auch höchste Zeit zu sein, denn wenn man sich die Bilanzen der Banken anschaut, dann sprudeln nicht nur wieder die Gewinne, sondern sie scheinen auch wieder zum "business as usual" zurückzukehren, so als wenn es nie eine Finanzkrise gegeben hätte.

Das Zeitfenster für Finanzmarkt-Reformen wird immer kleiner, und Strauss-Kahn hält die Reformarbeit noch längst nicht für erledigt: "Wir müssen das Bankensystem weitaus gründlicher reformieren als wir das bis jetzt getan haben. Wir brauchen eine chirurgische Behandlung." Das betreffe nicht nur die Banken, sondern das gesamte Finanzsystem, zum Beispiel die Schattenbanken. Bei der Regulierung habe man große Fortschritte gemacht, ein Ergebnis seien die neuen Eigenkapitalregelungen bei Basel III. "Doch neben der Regulierung müssen wir auch dafür sorgen, dass diese Regeln eingehalten werden. Die schönsten Regeln nutzen nichts, wenn sie nicht überwacht werden."

Autor: Rolf Wenkel
Redaktion: Henrik Böhme

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