Ivan Ivanji: NS-Opfer, Kommunist, Literat | Europa | DW | 06.06.2018
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Jugoslawien

Ivan Ivanji: NS-Opfer, Kommunist, Literat

Der jugoslawische Schriftsteller war KZ-Häftling und Dolmetscher für Präsident Tito, seine Vergangenheitsbewältigung heißt Schreiben: Ivan Ivanji ist zu Gast bei der DW in Bonn.

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Ivan Ivanji

Das Leben von Ivan Ivanji findet zwischen Stapeln von Büchern statt - Dutzende davon hat er selbst geschrieben oder übersetzt. Dazwischen sein Schreibtisch und sein Computer. Auch mit stolzen 89 Jahren beantwortet Ivanji Emails innerhalb von Minuten.

"Ich bin kein besonders geselliger Mensch", erzählt er der DW. Seine dritte und, wie er sagt, "endgültige" Frau Dragana, eine ehemalige Balletttänzerin, starb vor drei Jahren. Ein einsamer Wolf sei er. "Ich lebe mich in den Büchern aus, ich habe so viele Gestalten erfunden, mit denen ich besser umgehen kann als mit den richtigen Menschen."

Ivanji trifft aber laufend auf Menschen: Er erzählt, wann immer man ihn fragt, über die Nazizeit, seine Haft im Konzentrationslager Buchenwald, über das sozialistische Jugoslawien, über Literatur oder den Zustand der Demokratie in seiner Heimat und in Europa. Ob Vorträge, Interviews, Texte - er wirkt wie ein Getriebener.

Denn wenn ein Mensch drei Leben in einem hatte, hat er eine Menge zu erzählen. Als Sohn jüdischer Eltern war er kurz in Auschwitz und länger in Buchenwald interniert. Er war jugoslawischer Diplomat und Deutsch-Dolmetscher des jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito, dessen Ideen Ivanji bis heute treu geblieben ist. Zudem ist er ein angesehener Schriftsteller und Journalist.

Der Häftling

Geboren 1929 in Großbetschkerek (heute: Zrenjanin), nun in der serbischen Provinz Vojvodina und damals im Königreich Jugoslawien gelegen, wuchs Ivanji zwischen Serben, Juden, Deutschen, Ungarn, Rumänen auf. "Idyllisch" nennt er sein erstes Leben heute.

Ivan Ivanji (Privat)

Glückliche Kindheit: Ivan Ivanji als Junge

Die Eltern - beide in Deutschland promovierte Ärzte - waren nicht gläubige Juden. Eine österreichische Gouvernante sollte ihrem Sohn Deutsch ohne den schweren Akzent der Donauschwaben beibringen. So lernte er - mit Serbisch und Ungarisch - drei Muttersprachen. Eigentlich, scherzt er, sei Deutsch seine Gouvernantensprache.

Er war zwölf Jahre alt als 1941 die Deutschen einmarschierten. 1944 wurde der Junge deportiert. Zu dem SS-Arzt am Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz sagte er: "Ich bin arbeitsfähig!" Diese lebensrettenden Worte beruhten auf einer falschen Annahme: Der 15-Jährige dachte, wer arbeite, bekomme besseres Essen. Den Geschichten über die Vernichtung der Juden glaubte er nicht - erst nach dem Krieg erfuhr er, dass seine Eltern in Belgrad getötet worden waren.

Nach Auschwitz kam Buchenwald. Ivanji schuftete als Zwangsarbeiter, aber er überlebte. "Ich bin eigentlich in Buchenwald lebenslänglich verurteilt. Denn ich bin jedes Jahr dort, manchmal zweimal jährlich. Je länger ich lebe und je mehr andere KZ-Kameraden sterben, umso öfter muss ich dort sein", sagt Ivanji.

Deutschland Ivan Ivanji in KZ Buchenwald (picture-alliance/dpa/H. Schmidt)

"Lebenslänglich" - Ivan Ivanji im ehemaligen KZ Buchenwald 2008

Bei seinen Besuchen verlangt er, im Hotel Elephant in Weimar untergebracht zu werden: Dort schlug Adolf Hitler seinerzeit sein Quartier auf, selbst ein Balkon wurde für die Ansprachen des "Führers" an sein Volk gebaut. Außerdem sei der Elephant deutlich angenehmer als die Baracken des KZ-Lagers, scherzt Ivanji.

Der Dolmetscher

Ivan Ivanji ist zur Zeit wieder in Deutschland - auf Einladung der Deutschen Welle und des Hauses der Geschichte besucht er Bonn. Für ihn ist es ein Wiedersehen: Hier war Ivanji vor vier Jahrzehnten Kulturattaché an der jugoslawischen Botschaft.

Nach dem Krieg hatte er studiert und zunächst als Journalist gearbeitet. Seine "Gouvernantensprache" Deutsch öffnete ihm die Türen zu den Mächtigsten im kommunistischen Jugoslawien. Er begann für Staatschef Tito zu dolmetschen - der mit der Bewegung der Blockfreien Staaten zu einem internationalen politischen Schwergewicht avancierte.

Westdeutscher Präsident Willy Brandt und jugoslawischer Präsident Josip Broz Tito EINSCHRÄNKUNG (Vreme)

Der Übersetzer: Ivan Ivanji (Mitte) mit Bundeskanzler Willy Brandt und dem jugoslawischen Präsidenten Tito (beide links)

"Das war meine Heimat, vor allem ideologisch. Vom Triglav, dem höchsten Gipfel Sloweniens, bis zum Ohridsee in Mazedonien ist das auch weiterhin meine Heimat", sagt Ivanji 27 Jahre nach dem Ende Jugoslawiens. Gegen den blutigen Zerfall seines Landes protestiert er, indem er in Wien lebt und lieber mit seinem österreichischen Pass als mit dem serbischen reist.

Der Schriftsteller

All das Erlebte findet sich in seinen Büchern, die stets zwischen Fakten und Fiktion schweben. Für die Zeit als KZ-Häftling steht "Mein schönes Leben in der Hölle". Die Aufschrift "Jedem das Seine", die über Eingang nach Buchenwald steht, ist Leitmotiv des Romans "Buchstaben von Feuer". Die Gouvernante spielt die Hauptrolle in "Das Kinderfräulein". Dazu kommen 150 weitere Romane, Essays, Theaterstücke und Radiodramen. Er selber spricht von einer "Schreibmanie - das ist für mich gesund".

In den 1980er Jahren war Ivanji Generalsekretär des jugoslawischen Schriftstellerverbandes. Mit dem deutschen Literaturnobelpreisträger Günter Grass verband ihn eine jahrzehntelange Freundschaft, die nur zweimal wackelte: Einmal, als Ivanji Grass' Bücher nicht mehr ins Serbokroatische übersetzen wollte - zu kompliziert -, und ein zweites Mal, als Grass die Bombardierung Jugoslawiens durch die Nato 1999 unterstützte.

Ivan Ivanji (Privat)

Literaten: Ivan Ivanji (Mitte) mit Ehefrau Dragana und Günter Grass (rechts)

Das Belgrader Wochenmagazin "Vreme" kürte Ivanji 2016 zur "Person des Jahres" und lobte, der Autor vermittele, "dass auch nach dem bitteren Kaffeesatz der Erfahrung das Leben gefeiert werden kann und die Geschichte den Menschen nicht getötet hat. Und das ist eine wertvolle Botschaft."

Die Vergangenheit und die Zukunft

Ivan Ivanji ist ein Mensch, der kein Blatt vor dem Mund nimmt. So kritisiert er die israelische Regierungspolitik heftig - er weiß, dass ihm, dem Juden und ehemaligen KZ-Häftling, das erlaubt ist. Sein Freund Günter Grass hatte mit einer ähnlichen Haltung einen Shitstorm ausgelöst.

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Ivan Ivanji über Populismus und Demokratie

Den Massenmord in Auschwitz vergleicht der Schriftsteller mit dem jetzigen Sterben der Flüchtenden im Mittelmeer. Darf man das? "Man darf und man muss", antwortet Ivan Ivanji: "Das Kind, das vertrauensvoll sein Händchen der Mutter gibt, die ihn zur Gaskammer bringen muss, und das Kind, das Hand in Hand mit der Mutter im Meer ertrinkt, während wir hier sitzen: Beides ist schrecklich - aber das zweite ist schrecklicher."

Zu seiner Kritik an der Flüchtlingspolitik passt, dass Ivan Ivanji sich Sorgen um Europa macht. Es müsse einig werden und sich wirtschaftlich gegen die USA und China wehren. "Meinetwegen auch auf christlicher Basis", so der alte Kommunist - die Religion werde man dann eben später überwinden.

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