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Kultur

It's ok to hang around

Abseits der großen Galerien stehen sie - kleine Galerien und Kunsträume. Fernab des Establishments ist die Keimzelle der Avantgarde-Kunst. Wir zeigen eine Auswahl und stellen die Macher vor. Zum Beispiel: Linda.

'Kunst-Pate' Görnand (Foto: Galerie Hamburg Linda eV)

"Galerist hat so einen professionellen Anklang": Kunst-Pate Görnandt

Ein blonder Mittdreißiger sitzt auf einem Hocker in der Ecke des Raumes, blättert in einer Zeitschrift und trinkt Bionade. Kurze Hosen und T-Shirt hat er an, sein Fahrrad lehnt an der Wand neben dem großformatigen Foto einer fast nackten Blondine, die sich vor Kameras zur Schau stellt. Der Künstler hat sie von hinten fotografiert. "Verehrung" ist das Thema der Ausstellung. Es sind starke Bilder eines jungen, unbekannten Kunststudenten. Ein Bild kostet um die 600 Euro. Im Raum nebenan hängt ein Holzregal in Form eines Schriftzugs: "It’s ok to hang around".

(Foto: Galerie Hamburg Linda eV)

Oliver Görnandt ist auch Fotograf, es sind aber nicht seine Bilder, die hier ausgestellt werden. Heute ist er kurz mit dem Fahrrad vorbeigekommen, auch wenn die Galerie eigentlich geschlossen ist. Kein Problem - die Linda-Macher wohnen alle auf dem "Kiez", Sankt Pauli, Hamburg. Mit zehn anderen hat er vor vier Jahren hier das gefunden, was er Experimentalfläche, Kulturraum oder Ort der Auseinandersetzung nennt. "Ich fand es schon immer gut, Orte zu finden, an denen man sich abarbeiten kann." Abarbeiten, das heißt vor allen Dingen den Blick für’s Detail schärfen und ausprobieren, was in einem solchen Raum drinsteckt. Mit ihm spielen. Schauen, was passiert.

Die schwarzen Kacheln an der Hauswand ("Das ist hier auf Sankt Pauli ganz gut, weil die Kacheln nur schwer besprüht werden können"), der verblasste Schriftzug "Spirituosen" über dem Eingang, der Kühlraum im Keller, den Görnandt lächelnd "unsere Folterkammer" nennt und mit dem niemand so richtig etwas anzufangen weiß, oder das Schaufenster.

(Foto: Galerie Hamburg Linda eV)

Der Geist dieser Vorbewohner soll nicht durch die Kunst überspielt werden. Im Gegenteil: Sie soll damit spielen. "Ich finde es ja am schönsten, wenn die Künstler zum Beispiel das Schaufenster miteinbeziehen." Diesen Blick mag der Fotograf am liebsten - von außen nach innen. Kunst im Schaufenster. So kommen manchmal auch Besucher reinspaziert, wie in einen Laden. "Manche kaufen dann sogar etwas. So erstaunlich das ist." Hochpreisiges wie Ölbilder, die etwa 3000 Euro kosten, verkaufen sich zwar weniger gut, was dagegen gut läuft sind die so genannten Multiples, in Serie hergestellte Kunstobjekte, für 20 bis 150 Euro. Aber Verkaufen gehört eigentlich nicht zum Konzept von Linda. Auch deshalb sträubt sich Görnandt den Kunstraum als Galerie zu bezeichnen. "Das Wort Galerie hat für mich immer diesen professionellen Anklang: 'Der Galerist und der Künstler lebt davon', und das ist es hier definitiv nicht." Die Macher teilen sich die Miete für den Raum, den sie von dem Besitzer des Hauses relativ billig vermietet bekommen - er unterstützt junge Kunst auf Sankt Pauli.

Deshalb gehören zum Konzept von Linda eigentlich auch keine Galeristen. Die neun Menschen, die den Kunstraum am Laufen halten, sind eigentlich selbst Künstler, Comic-Zeichner, Lektoren, Musiker. Die 23 Ausstellungen, die hier jedes Jahr stattfinden, werden immer von einem der Macher betreut - Kunst-Paten nennen sich die Linda-Leute dann. Sie organisieren die Ausstellungseröffnung, sind einen Tag in der Woche da, der Rest ist Sache des Künstlers.

Auf der Straßenseite gegenüber gibt es seit einiger Zeit einen ähnlichen Kunstraum. Auf Sankt Pauli Kunst zu machen ist nicht mehr außergewöhnlich, sondern trendy. Aber die vier Jahre alte Linda ist auch schon ein bisschen erwachsen geworden - bei den Ausstellungseröffnungen muss es nicht immer einen DJ geben, es muss keine Party mehr sein. Denn schließlich geht es um Kunst. Und wer hier einfach nur vorbeikommen will, zum abhängen, das ist auch ok. It’s ok to hang around.

Autorin: Elena Singer
Redaktion: Marcus Bösch

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