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Europa

Italiens Versagen in der Flüchtlingskrise

Viele der Flüchtlinge, die in Italien ankommen, sind minderjährig. Einige von ihnen wurden auch gefoltert. Hilfsorganisationen zweifeln an der Fähigkeit der Behörden, damit umzugehen. Diego Cupolo berichtet aus Pozzallo.

Die meisten Jugendlichen in dem bewachten Aufnahmezentrum in Pozzallo kommen aus Gambia, Nigeria und der Elfenbeinküste. Filippo Miraglia, Flüchtlingsaktivist und Vizepräsident der italienischen Kultur- und Freizeitvereinigung (ACRI), hat das Lager besucht, in dem besonders die Minderjährigen meistens perspektivlos herumsitzen. Allein am vergangegen Wochenende sind 120 Minderjährige unter den 142 Ankommenden gewesen. Daher fordert er die Schließung des europäischen Hotspotsystems. "Dieser Ort ist nicht für längere Aufenthalte geschaffen und verstößt gegen die Kinderschutzgesetze Italiens", sagt Miraglia gegenüber der DW. "Es gibt einen Prozess, der beim Asylantrag befolgt werden muss und dieser Prozess wird durch diese Hotspots missachtet. Das gesamte System ist illegal."

Hunderte von anderen Helfern, die kürzlich in der südsizilianischen Hafenstadt zum Sabir Migration Forum zusammenkamen, sehen das genauso. Die Teilnehmer protestierten gegen die temporären Aufnahmezentren, wie den Hotspot in Pozzallo. Ihrer Meinung nach werden sie als Haftzentren missbraucht, in denen Minderjährige und Menschen, die Opfer von Folter geworden sind, auf unbestimmte Zeit festgehalten werden.

Als Reaktion auf die Proteste erklärten sich die italienischen Behörden bereit, 52 Minderjährige aus Pozzallo in eine andere Einrichtung in Licata umzusiedeln. Doch Aktivisten sagen, es sei weitaus mehr nötig, um das - wie sie sagen - kaputte Integrationssystem zu reformieren.

Schmugglerboote im Hafen von Pozzallo, Sizilien (Foto: DW/D. Cupolo)

Während die Anzahl der Flüchtlinge auf der Balkanroute zurückgeht, ist sie auf der Nordafrika-Route unverändert

Schwierige Lage, wenig Zeit

Während die Zahl der Asylsuchenden, die über die Balkanroute nach Europa kommen, im April um 90 Prozent gesunken ist, bleibt sie auf der Nordafrikaroute unverändert. Rund 33.000 Menschen haben nach Angaben von Federico Soda, dem Leiter der italienischen Mission der Internationalen Organisation für Migration (IOM), seit Beginn des Jahres Italien erreicht. Etwa ähnlich viele waren es im gleichen Zeitraum 2015.

"Wir müssen abseits der Zahlen nach Lösungen suchen und einen Wandel schaffen", sagt Soda. "Die europäischen Staaten müssen mit vielen schwierigen Angelegenheiten umgehen, mit allen auf einmal in einer sehr kurzen Zeit. Sie handeln einfach nicht schnell genug."

Soda hat einen Grund für die langen Verzögerungen im italienischen Aufnahmeprozess festgestellt: Die Asylsuchenden auf der Nordafrika-Route stammen aus vielen verschiedenen Ländern und kommen aus vielen verschiedenen Gründen, anders als die syrischen und afghanischen Flüchtlinge, die in Griechenland eintreffen.

Die Konsequenz: Die italienischen Behörden müssen jeden Fall einzeln analysieren. Die Menschen, die so lange in den Hotspots sind, verlassen dann irgendwann den formalen Aufnahmeprozess und suchen stattdessen Schwarzarbeit, etwa in der Landwirtschaft oder in den Städten.

Von einem Land ins nächste

Laut Soda verlassen viele Menschen aus Sub-Sahara-Afrika ihre Heimat ohne konkretes Ziel. "Wir haben herausgefunden, dass sie nicht unbedingt Europa im Blick haben, sie haben nicht Rom oder Berlin als Ziel", sagt er. "Sie ziehen von einem Land zum nächsten. Oft werden sie von Menschenschmugglern überzeugt, die ihnen Lügen über ein besseres Leben hinter der Grenze auftischen."

Das war auch bei Gassama Saalim der Fall. Der 22-Jährige aus Gambia verließ seine Heimat um Arbeit im Senegal zu finden. Als das nicht so klappte wie erwartet, versuchte Saalim sein Glück in Mali, wo er kleine Jobs annahm, die ihn schließlich über den Niger und Libyen nach Sizilien brachten. "Du kommst an einen Ort und findest heraus, dass die Situation dort schlecht ist. Und dann gehst du weiter", sagt Saalim. Als großer Fan des AC Mailand war er begeistert, als er nach Italien kam und beantragte sofort Asyl. Ein Jahr und sieben Monate später wartet er noch immer auf Antwort - die übliche Wartezeit für Menschen, die Asyl in Italien beantragen.

Mangel an psychologischer Hilfe

Trotzdem sei es besser im Aufnahmezentrum in Sizilien festzustecken als in Libyen zu sein, wo er zweimal von bewaffneten Milizen entführt wurde, sagt Saalim. Es ist ihm unangenehm, mehr darüber zu erzählen. "Selbst wenn ich zu den Asylbefragungen gehe sage ich, dass ich lieber nicht über Libyen reden will", sagt er. "Ich will mich nicht an diese Zeit zurückerinnern. Ich habe Freunde sterben sehen, darunter meinen besten Freund. Und ich konnte nichts tun, um ihnen zu helfen."

Flüchtling auf Sizilien, Pozzallo (Foto: DW/D. Cupolo)

Experte erwarten, dass die Anzahl von Flüchtlingen in den nächsten Jahrzehnten weiter zunimmt

Der Mangel an psychologischer Hilfe für Asylberwerber in den italienischen Hotspots ist ein weiterer Punkt, der die Helfer besorgt. Etwa 80 Prozent der Menschen auf der Nordafrika-Route wurden laut Flavia Calò, Wissenschaftlerin bei der Organisation "Ärzte für Menschenrechte", auf dem Weg nach Italien körperlich angegriffen oder gefoltert. Sie hat für einen Bericht, der bald veröffentlicht werden soll, Hunderte Interviews mit Menschen in italienischen Aufnahmelagern geführt. Viele zeigten Anzeichen von Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder körperliche Beschwerden ohne organisch fassbaren Befund.

"Die Überquerung des Mittelmeers ist wahrscheinlich eine der leichteren Erfahrungen der Menschen in diesen Zentren", sagt Calò gegenüber der DW. "Deshalb brauchen wir humane Aufnahmezentren. Viele haben von diesen Menschen profitiert und sie ausgenutzt."

Experten erwarten mehr Flüchtlinge

Das italienische Aufnahmesystem habe seine Schwächen, sagt Soda von der IOM. Aber auch die meisten anderen Staaten in Europa hätten noch immer keinen klaren Einwanderungsplan - und das fünf Jahre nach den Aufständen in der arabischen Welt und der nachfolgenden Flüchtlingsdebatte.

Die Anzahl der Flüchtlinge wird nach Einschätzung Sodas in den nächsten Jahrzehnten weiter ansteigen. Allein bis 2050 erwarte man 200 Millionen Flüchtlinge weltweit.

"Wenn wir glauben, Abkommen wie das mit der Türkei seien die Antwort, dann suchen wir nach schnellen Lösungen für langfristige Probleme, die viel mehr Verständnis erfordern", sagt Soda.

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