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Kultur

Italienische Zwangskollekte

Italien ist berühmt für seine Sehenswürdigkeiten. Daraus wollen die Staatsregierung in Rom sowie die italienischen Städte und Gemeinden künftig mehr Kapital schlagen.

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Die Maxime lautet: Kunst ist nicht umsonst

Die Stadt Florenz ging mit "gutem" Beispiel voran, als sie schon vor Jahren für den Dom Santa Maria dei Fiori Eintritt erhob. Die Dominikanerkirche Santa Maria Novella folgte 2001, und auch San Lorenzo mit seiner Fürstenkapelle ist nicht mehr kostenlos zu betreten. Seit dem Juli 2002 neu dazugekommen ist die gotische Franziskanerkirche Santa Croce aus dem 13. Jahrhundert. Für drei Euro sind die Gräber von Michelangelo, Galileo und Macchiavelli inklusive. Im Florentiner Dom wurden so im vergangenen Jahr rund 2,3 Millionen Euro eingenommen, die vornehmlich der Beseitigung des touristischen Unrats dienen.

Zweckgebundene Einnahmen der Kommunen

Die Toskana ist Vorreiter beim Bewirtschaften touristischer Anziehungspunkte. In Pisa kostet die Dombesichtigung mittlerweile zwei Euro Eintritt, in Ravenna gibt es sechs Sehenswürdigkeiten zum Preis von sechs Euro. Einen ähnlichen Paketpreis hat sich auch die Lagunenstadt Venedig an der Adria einfallen lassen: Für acht Euro stehen den Besuchern 15 Kirchen zur Auswahl. Während die Kommunen indes im Kleinen planen, holt die Regierung Berlusconi zum großen Schlag auf einen Teil des Kulturerbes aus, um Geld in die chronisch leeren Kassen der Republik zu schleusen.

Schiefer Turm von Pisa

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Kultur für ehrgeizige Pläne versilbern

Bald nämlich könnte der italienische Staat mittels eines neuen Gesetzes damit beginnen berühmte Kulturstätten zu veräußern, um seine gebeutelten Kassen zu sanieren. Das Mitte Juni vom italienischen Parlament verabschiedete Gesetz schreibt schon in seinem Namen das Ziel fest: Es soll die Staatsdefizite verringern. Zu dem unkonventionellen Schritt sah sich Rom angesichts eines erdrückenden Haushaltsdefizits von mehr als 16 Milliarden Euro und eines Schuldenbergs von einer Milliarde Euro genötigt. Hinzu kommt, dass Ministerpräsident Silvio Berlusconi während der Wahlkampagne versprochen hatte Italien zu erneuern. Das Programm über zehn Jahre sieht Ausgaben von fast 130 Milliarden Euro vor. Allein für den Bau der gigantischen Brücke nach Sizilien sind 5,7 Milliarden Euro veranschlagt.

Geld wiegt nicht den Stolz auf

Bei aller Sorge um die angeschlagenen Finanzen des Landes überwiegt bei den meisten Italienern jedoch der Stolz auf die weltberühmten Monumente und Sehenswürdigkeiten, die jährlich Millionen von Touristen anlocken. Viele befürchten, dass die Regierung zur Sanierung der Staatskasse auch nicht davor zurückscheuen würde, selbst Vorzeigeobjekte wie den Trevi-Brunnen in Rom oder die Uffizien in Florenz zu verkaufen. Vom "Ausverkauf der Familienjuwelen" spricht die frühere Kulturministerin Giovanna Melandri Giovanni. Ihr sprangen nun 2000 im Kulturbereich tätige Italiener bei. Wie die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" berichtete, haben sie einen Appell unterzeichnet, der eine Aussetzung des umstrittenen Gesetzes fordert. Es sieht unter anderem auch die Schaffung einer Aktiengesellschaft vor, die das Kulturerbe des Staates effizient verwalten soll. In dem Aufruf heißt es, das Gesetz erwecke den Eindruck, als solle das Kulturerbe aller Bürger in den Privatbesitz einiger weniger umgewandelt werden.

Cäsars Erbe unter dem Hammer?

Selbst Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi erinnerte, nachdem er das Gesetz unterzeichnet hatte, Berlusconi an den unveräußerlichen, von der Verfassung garantierten Charakter der Kulturgüter. Die Regierung beeilte sich unterdessen, solche Ängste als unbegründet und übertrieben zurückzuweisen. Weder das Kolosseum in Rom noch die florentinischen Uffizien stünden zum Verkauf, kam das Dementi aus dem Wirtschaftsministerium. Doch dürfte letztlich eine Frage der Definition sein, was die Regierung in bare Münze umwandeln will und was tabu ist: Das römische Regina-Coeli-Gefängnis im bei Touristen beliebten Trastevere-Viertel etwa steht ganz offiziell auf der Liste der möglicherweise zu verkaufenden Staatsgüter. Vielleicht wird es künftig Hotelgäste beherbergen. (dk)