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Wirtschaft

IT soll Deutschland intelligenter machen

Lange schien es, die Bundesregierung interessiere sich vor allem für die klassischen Industrien. Auf dem sechsten IT-Gipfel probte sie den Schulterschluss mit der Wirtschaft. Deutschland setzt auf IT als Wachstumsmotor.

Netzwerkkabel stecken in Berlin in einem Verteiler für Internetverbindungen, Foto: dpa

Das Motto des Gipfels: Vernetzt, Smart, mobil

Wenn sich die deutsche Bundeskanzlerin zwischen zahllosen Gipfeltreffen zur Rettung des Euro die Zeit für einen Gipfel ganz anderer Art nimmt, dann ist ihr das Thema wichtig. Zumal Angela Merkel nicht alleine zum sechsten nationalen IT-Gipfel unter dem Motto "vernetzt - mobil - smart" nach München kam. Zum Treffen mit den Großen der deutschen Informationstechnologie brachte sie am Dienstag (06.12.2011) noch ihren Wirtschaftsminister mit, die Justizministerin sowie den Gesundheitsminister.

Symbolische Waage, die die Bürokratiekosten misst. Foto: DW (Matthias von Hein)

e-government soll Bürokratiekosten senken

Deutschland ist bekannt für seine Industrieprodukte, für seine Autos, seine Maschinen. In der Welt der Informationstechnologie schaut die Welt auf andere. Facebook, Apple, Google und Co sind durchweg amerikanische Unternehmen. Deutsche Software-Unternehmen von Weltrang gibt es neben SAP kaum.

Das erkennt die deutsche Regierung durchaus an - und will es ändern. Denn sie identifiziert die IT-Industrie als Wachstumstreiber, wie Wirtschaftsminister Philipp Rösler an diesem Tag immer wieder betonte. In ihrer Rede vor rund 1.000 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft beschrieb Angela Merkel, wo sie die Nische der Deutschen in dem umkämpften Geschäftsfeld sieht: "An der Schnittstelle von unserer sehr starken Realwirtschaft und den Anwendungen des Internets, da liegt unsere Chance".

Internet der Dinge und intelligente Netze

Das eine Stichwort heißt hier "Internet der Dinge". Industrieprodukte aller Art vom Auto bis zur Waschmaschine werden mit intelligentem Innenleben ausgestattet und miteinander vernetzt sein - zur Sicherheit des Verbrauchers, zu seiner Bequemlichkeit und auch zur Energieeinsparung.

Das andere Stichwort gibt der Präsident des Branchenverbandes BITCOM vor. Dieter Kempf erklärt: "Nach dem Einzug des Internets in alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft folgt nun die beschleunigte Digitalisierung der wichtigsten Infrastrukturen". An erster Stelle und wegen des Atomausstiegs besonders dringend steht da der Ausbau der deutschen Stromversorgung zu intelligenten Energienetzen, sogenannten "smart grids". Die Schwankungen bei der Erzeugung regenerativer Energien etwa aus Wind und Sonne lassen sich nur durch Echtzeiterfassung von Bedarf und Verbrauch und die intelligente Steuerung des Energieflusses beherrschen.

BITCOM Präsident Dieter Kempf Foto: DW (Matthias von Hein)

BITCOM Präsident Kempf: Große Infrastrukturanstrengung

Die versprochene Energiewende hängt an der Entwicklung eben dieser intelligenten Energienetze. Die Kosten für den digitalen Infrastrukturausbau schätzt BITCOM auf rund 130 Milliarden Euro. Der Wirtschaftsminister hörte sichtlich mit Wohlgefallen, dass die Branche diese Mittel selbst aufzubringen gewillt sei. Vorausgesetzt, die Politik setze Rahmenbedingungen mit ausreichender Planungssicherheit. Die Branche erhofft sich bei technischer Beherrschung der Probleme große Export-Chancen für die entsprechenden Ausrüstungen.



Deutschland auf Platz 6 der großen IT-Märkte

Deutschland rangiert unter den 15 größten IT-Märkten auf Rang sechs. Das ergab eine im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstellte Studie. An erster Stelle steht Südkorea, gefolgt von den USA, Japan und England.

Deutschland als IT-Standort nach vorne zu bringen, ist das erklärte Ziel der jährlichen IT-Gipfel. Der erste fand auf Anregung Angela Merkels schon 2006 statt. Damals gab es noch kein iPhone und Facebook spielte noch keine Rolle. Die IT-Gipfel galten vielen Anfangs als Alibi-Veranstaltung, weil sich die Bundesregierung deutlich stärker für die klassischen Industrien zu interessieren schien. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Die deutschen IT-Unternehmen setzten im vergangenen Jahr 124 Milliarden Euro um. Und wo Breitband-Internet verfügbar ist, entstehen nachweislich mehr neue Arbeitsplätze. Deshalb wird der Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft enger.

Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftminister Philipp Rösler und Telekom Vorstand René Obermann Foto: DW (Matthias von Hein)

Wirtschaft und Politik in seltenem Einvernehmen

Die IT-Gipfel sind dabei nur die Spitze des Eisberges. Das ganze Jahr über tagen acht gemeinsame Arbeitsgruppen. Eine Arbeitsgruppe behandelt zum Beispiel unter dem Vorsitz von Wirtschaftsminister Rösler und BITCOM-Präsident Kempf das Thema "IT-Standort und innovative Anwendungen für die Wirtschaft." Eine andere unter dem Vorsitz von Bildungsministerin Annette Schavan und SAP-Vorstandssprecher Jim Hagemann Snabe den Bereich "Bildung und Forschung für die digitale Zukunft".

"Stiftung Datenschutz" soll Vertrauen schaffen

Dass diese Arbeitsgruppen tatsächlich greifbare Ergebnisse bringen, wurde in München gerne betont - und mit Beispielen unterlegt. Die Initiative "Deutschland sicher im Netz" zur Cyber-Sicherheit und auch die "Anti-Botnet-Initiative" wurden in solchen Arbeitsgruppen geboren, ebenso wie die Breitband-Strategie zum Ausbau der Internet-Infrastruktur.

Ein vielgehörtes Wort in München war "Vertrauen". Ohne Vertrauen der Verbraucher in Datensicherheit und Datenschutz wird es in der IT-Wirtschaft nicht im notwendigen Tempo vorangehen, waren sich Politik und Wirtschaft einig. Wirtschaftsminister Rösler glaubt allerdings nicht, dass im weltweiten Netz nationale Vorschriften eine entscheidende Rolle spielen können. Er setzt auf Selbstverpflichtungen der Wirtschaft und mehr Sensibilität bei den Verbrauchern. Mit der Gründung der "Stiftung Datenschutz" will die Wirtschaft in den nächsten Monaten hier einen ersten Schritt gehen.

Autor: Matthias von Hein
Redaktion: Iveta Ondruskova