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Buchszene blickt auf Türkei

Istanbuler Buchmesse eröffnet - Deutschland Gastland

Wie soll man umgehen mit einem Staat, der Kritiker einsperrt, Medien schließt, einen aber als Ehrengast einlädt? Bei der Istanbuler Buchmesse fand Staatsministerin Maria Böhmer harsche, aber auch versöhnliche Worte.

Zum Auftakt der Internationalen Buchmesse in Istanbul hat die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Maria Böhmer, die türkische Regierung zur Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ermahnt. Die Türkei stehe an einer "Wegscheide", erklärte Böhmer bei der Eröffnung. Sie rief die Türkei auf, sich nicht von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit abzuwenden und auf "einen Irrweg" zu begeben. "Das birgt die Gefahr, in einer Sackgasse zu landen", heißt es im Redemanuskript.

Maria Böhmer (picture-alliance/dpa/U. Zucchi)

Staatsministerin Maria Böhmer: "Die Türkei erlebt bedrohliche Zeiten." (Archiv)

Angesichts der aktuellen Spannungen hob Böhmer hervor, dass eine Buchmesse ein Ort des offenen Dialogs und des freien Wortes sei. "Bücher und Literatur vermitteln zwischen den Kulturen und helfen, sich über Grenzen hinweg zu verständigen." Auch in schwierigen Zeiten setze Deutschland auf den Dialog mit der Regierung, dem Parlament und der Zivilgesellschaft. 

Gerade jetzt müssten die kulturellen Verbindungen zwischen beiden Ländern gestärkt werden, um den Menschen in der Türkei Rückhalt zu geben. "Denn die Türkei erlebt bedrohliche Zeiten", sagte Böhmer. In der deutschen Buchszene gab es an der Teilnahme Deutschlands als Ehrengast Kritik aber, auch Solidarität.

"Die Schlinge wird für uns immer enger."

Seit dem Putschversuch vom 15. Juli hat sich der Druck auf Kritiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP dramatisch verschärft. Mehr als 140 Journalisten und Autoren sitzen unter Terrorverdacht im Gefängnis, darunter die international bekannte Autorin Asli Erdogan, deren Bücher auch auf Deutsch erschienen sind. Ihr droht lebenslange Haft. Am Freitag wurde der Herausgeber der oppositionellen Tageszeitung "Cumhuriyet", Akin Atalay, festgenommen. 29 Verlage wurden per Notstandsdekret geschlossen, da sie laut der Behörden "die nationale Sicherheit gefährden".

Bislang sei die Buchbranche recht glimpflich davongekommen, sagt eine im türkischen Verlagswesen tätige Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte, der Deutschen Presse-Agentur. Noch ließen die Verleger mehrheitlich drucken und übersetzen, was sie wollten. Doch auch in der Verlagsbranche sei die Angst groß - und wachse weiter. "Wir waren einfach noch nicht an der Reihe, weil sie sich zuerst die Universitäten und die Medien vorgenommen haben", sagt sie. "Aber die Schlinge wird auch für uns immer enger."

Demonstranten vor dem Istanbuler Gebäude der Cumhuriyet-Zeitung (Foto: DW)

Seit mehr als einer Woche protestieren Menschen wegen Festnahmen von Mitarbeitern vor dem "Cumhuriyet"-Gebäude

"Die Situation in der Türkei nach dem Putschversuch ist schlimmer als nach dem gelungenen Militärputsch 1980", sagt Fahri Aral, Vize-Präsident des türkischen Verlegerverbandes, der die Messe mitorganisiert. "Wir erleben fast täglich Verhaftungen und Schließungen von Medien. Meinungsfreiheit wird mit Füßen getreten. Die Lage ist sehr ernst." Genau deswegen hält Aral die Messe für so wichtig. "Gerade jetzt sind Austausch und Diskussionen, wie sie auf der Buchmesse passieren, dringend notwendig."

Unter dem Motto "Worte bewegen" präsentieren sich 29 deutsche Verlage, darunter namhafte Häuser wie Suhrkamp und Rowohlt, sowie Kulturinstitutionen vier Tage lang am deutschen Gemeinschaftsstand. Zudem nehmen 14 deutschsprachige Schriftsteller teil, unter anderem Ilija Trojanow, Silke Scheuermann und der Lyriker Achim Wagner. Goethe-Institut, Auswärtiges Amt und Frankfurter Buchmesse gestalten den Auftritt Deutschlands als Ehrengast. Es werden mehr als eine halbe Million Gäste erwartet.

ust/ml (afp, dpa, Auswärtiges Amt)

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