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Europa

Istanbul: Neues Stadium des Terrors

Zwar hat sich zunächst niemand zu den Anschlägen am Istanbuler Atatürk-Flughafen bekannt, doch die Tat trägt die Handschrift des IS. Die IS-Strategie hat eine neue Phase erreicht, analysiert Nahost-Experte Serhat Erkmen.

Allein dieses Jahr hat die Extremisten-Miliz "Islamischer Staat" (IS) vier Terroranschläge in der Türkei verübt, seit 2015 ist die Zahl damit auf neun gestiegen. Gründe, wieso das Land im Fokus der Terroristen steht, gibt es viele.

Die Türkei beteiligt sich mittlerweile offensiv am Kampf gegen die Terrormiliz, ist Mitglied der Internationalen Allianz gegen den IS. Die türkischen Sicherheitsmaßnahmen an der Grenze haben der Terrororganisation das Leben in den von ihr kontrollierten Gebieten erschwert. Darüber hinaus unterstützt die Türkei syrische Oppositionsgruppen im Kampf gegen den IS, indem sie logistische Hilfe leistet und Stellungen der Terrormiliz bombardiert.

Anschläge auf türkischem Boden nehmen zu

Das alles hat dazu geführt, dass die Türkei in den vergangenen eineinthalb Jahren zu einem traurigen Schauplatz geworden ist, auf dem der IS seine blutigsten Anschläge verübt. Diese Entwicklung kann nicht mit kurzfristigen politischen Entscheidungen der Türkei - wie etwa den jüngsten Annäherungen zu Israel oder Russland - erklärt werden.

Flughafen Istanbul (Foto: Reuters/M. Sezer)

Am Tag nach den Anschlägen: Türkei unter Schock

Die Anschläge am Istanbuler Flughafen sind nicht innerhalb weniger Tage geplant worden, hierfür brauchte es eine komplexe Vorbereitung. Vielmehr ist auffällig, dass der Terroranschlag zwei Tage vor dem zweiten Jahrestag der Ausrufung des IS-Kalifats stattgefunden hat. All das lässt darauf schließen, dass der IS bei seiner Strategie in der Türkei eine neue Phase eingeläutet hat und die Anschläge auf türkischem Boden zunehmen.

Selbstmordanschläge, Grenzüberfälle, Raketenbeschüsse, Kämpfe mit Sicherheitskräften: Das Land im Mittleren Osten ist in der Vergangenheit das Ziel ganz verschiedener Anschläge gewesen, auf eigenem Boden, aber auch jenseits davon. Belagerungen, Überfälle oder Geiselnahmen erschütterten das Land auch außerhalb seiner Grenzen.

Serhat Erkmen (Foto: Privat)

Nahost-Experte Serhat Erkmen

Was die Türkei hierbei am meisten beunruhigen muss, ist, dass sich die Art und Weise der Anschläge jedes Mal verändert: Am 6. Januar 2015 wurde eine Polizeistation, wenige Wochen später wurden Unterstützer der pro-kurdischen People's Democratic-Party (HDP) das Ziel von Anschlägen. Am 20. Juli sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einem Kulturzentrum nahe der Grenzstadt Suruc in die Luft. Mehr als 30 Menschen starben.

Danach begannen die Anschläge, komplexer zu werden, außerdem rückten zunehmend ausländische Touristen in den Fokus: so wie im vergangenen Oktober, als

in Ankara eine Bombe gezündet wurde, die mehr als 100 Menschen in den Tod riss.

Terrorzellen im ganzen Land?

Die Unterschiedlichkeit der Attacken lässt vermuten, dass die Terrormiliz im ganzen Land Zellen errichtet hat, die ganz unterschiedliche Ziele ins Visier nehmen - und mit jedem Anschlag neue Vorgehensweisen ausprobieren.

Sowohl der Anschlag auf eine Polizeistation in Gaziantep Anfang Mai als auch

der am Atatürk-Flughafen

fand innerhalb geschützter Bereiche statt. Bei letzterem, so scheint es, wurde zum ersten Mal ein "Selbstmord-Kämpfer" eingesetzt. Es gibt also Ähnlichkeiten zu den Terrorattacken in Paris und Brüssel. Außerdem zeigt sich, dass der IS sein Netzwerk auch in der Türkei weiter ausbaut.

Im Gegensatz zu manch anderen Ländern ist die Türkei ein besonders leicht zu treffendes Ziel. Wegen der Nähe zu den Kampfgebieten im Nahen Osten ist es trotz verstärkter Grenzkontrollen immer noch vergleichsweise einfach für militante Kämpfer, ins Land zu kommen.

Außerdem steigt die Zahl der Türken, die sich dem IS anschließen. Während es lange Zeit nur wenige waren, ist die Zahl der türkischen Rekruten in den vergangenen Monaten nach Angaben der Sicherheitsbehörden in die Tausende gestiegen.

Video ansehen 02:27

Terror in der Türkei: Angehörige trauern um Opfer

Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass viele IS-Kämpfer in der Türkei festsitzen: Wegen der verstärkten Sicherheitsmaßnahmen können sie weder nach Syrien zurückkehren, noch in ihre Heimatländer. Immer mehr syrische und irakische Mitglieder der Terrormiliz halten sich außerdem als Flüchtlinge getarnt in der Türkei auf.

Kein Ende in Sicht

Zu den erfolgreich durchgeführten Anschlägen kommen noch jene hinzu, die verhindert werden konnten. Vier waren es allein in Istanbul in den vergangenen zwei Monaten. Glaubt man frei zugänglichen Quellen, waren es in diesem Jahr im ganzen Land bislang zehn vereitelte Anschläge.

Nach dem blutigen Terroranschlag mit mehr als 40 Todesopfern scheint es offensichtlich, dass der IS in der Türkei extrem aktiv ist und jede Gelegenheit nutzt, die Regierung, seine Bürger und auch Ausländer zum Ziel terroristischer Angriffe zu machen. Dass sich das bald ändern könnte, ist nicht abzusehen.

Serhat Erkmen arbeitet am "21st Century Turkey Institute", wo er die Nahost- und Afrika-Studien leitet. Außerdem leitet Erkem an der Ahi Evran Universität in Kirsehir die Abteilung Internationale Beziehungen.

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